Ingolstadt
Der Mann der ersten Stunde

Gustl Knöferl baute als Werkstattleiter, Arbeiter, Einkäufer und Führer das Armeemuseum auf

27.01.2013 | Stand 03.12.2020, 0:34 Uhr |

Besuch in der Werkstatt: Als August Knöferl (links) 1990 in den Ruhestand ging, war Heinz Weininger (rechts), der heutige Werkstattleiter, gerade erst vom Armeemuseum angestellt worden - Foto: Hammerl

Ingolstadt (DK)

Ingolstadt (DK) „Darf ich mal hinlangen“, fragt August Knöferl fast schüchtern. Lächelnd gibt Museumsleiter Ansgar Reiß sein Einverständnis. Der 86-Jährige streicht vorsichtig mit dem Finger über die Gehrung des teilvergoldeten Bilderrahmens. Das Schlaggold hat er selbst vor 40 Jahren auf den hölzernen Rahmen aufgebracht. Vor allem aber will er wissen, ob die Gehrungen noch in Ordnung sind.

Er besucht das Bayerische Armeemuseum, in dem er 22 Jahre lang arbeitete, weil Reiß den früheren Werkstattleiter auf einen Rundgang eingeladen hat. Auch, um die ein oder andere Frage aus der Anfangszeit beantwortet zu bekommen. Wie es damals war, als das Bayerische Armeemuseum, das früher in München angesiedelt und im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, in Ingolstadt wieder neu aufgebaut wurde.

„Ich war Werkstattleiter und Arbeiter in einem“, erzählt der gebürtige Grasheimer, der rund 20 Jahre als Schreiner in München gearbeitet hatte, ehe er mit und für das Armeemuseum in die Heimat zurückkehrte. Museumsführer und Einkäufer war er ebenfalls, eine Woche lang sogar vertretungsweise Museumsleiter – und er verfügte über einen Generalschlüssel. Denn Gustl Knöferl war der Mann der ersten Stunde.

Damals, im Oktober 1968, als er die Werkstatt im Ingolstädter Schloss bezog, residierte der Rest der Mannschaft noch in München. Kurz vor Weihnachten kamen Sattler Hans Furtmeier, Schlosser Georg Müller und Wagner Georg Roßner hinzu, die Verwaltung folgte erst 1972. Abgesehen von Stippvisiten des designierten Armeemuseumsleiters Alexander Baron von Reitzenstein war der Werkstattleiter die ersten Wochen ganz allein – mit einer Katze. Fenster und Türen hatte das Neue Schloss damals keine, Wertvolles hatte Knöferl im Zeughaus untergebracht. „Konnte man das denn schon abschließen“, fragt Reiß. „Das hab’ ich schon sicher gemacht“, erwidert der Rentner schmunzelnd.

Gustl Knöferl ist ein unerschöpflicher Quell für Geschichte und Geschichten, erinnert sich genauso gut an den Nachtwächter, den er nachts samt Kübel – weil es keine Toiletten gab – im Depot einsperrte, wie an den Mooreichenhackstock, den er in einer Ecke der Werkstatt, durch die ihn Heinz Weininger führt, entdeckt. „Den Mooreichenstamm haben mir die Pioniere bei einer Übung aus der Donau gefischt“, erzählt Knöferl.

Vier Jahre hat es gedauert, bis das Armeemuseum mit seiner Dauerausstellung eingerichtet war und eröffnet werden konnte. Ein großer Teil ist heute noch genauso wie damals. Die Ständer der Pappenheimer hat Knöferl ebenso gebaut wie die Phantome der Vitrinen, die dann von der Münchner Firma Glasbau Schöninger ausgeführt wurden. Dann sind da noch die Holzrahmen zahlreicher Gemälde der Bayerischen Staatssammlung. Das größte Gemälde, die „Parade auf dem Oberwiesenfeld“ ist sieben Meter lang. „So langes Holz gab es nirgends“, erzählt der 86-Jährige. Er schürfte den Rahmen in der Länge zusammen. „Wie schaut die Gehrung jetzt, nach 40 Jahren aus“, will er wissen. „Perfekt“, freut sich Reiß mit ihm.

Improvisieren war oft angesagt, Geld fehlte an allen Ecken und Enden. Aber Knöferl „hatte ja viel vom Nationalmuseum mitgenommen“. Ein Satz, der Reiß aufmerken und verblüfft schauen lässt. „Dem Vitrinenbauer hab ich so einiges abgeschaut“, fährt Knöferl fort. Reiß grinst erleichtert: „Ach so, Sie meinten Wissen.“ Im April 1968 war der damals 42-Jährige Gustl Knöferl für das Armeemuseum eingestellt worden, verbrachte aber seine ersten sechs Monate am Münchner Nationalmuseum, wo er eingearbeitet wurde, Transportkisten zimmerte und den Umzug vorbereitete. „Alle am Nationalmuseum haben uns unterstützt“, schwärmt er von jenen Tagen, „vielleicht waren sie froh, uns endlich loszuwerden.“

Wie ein Wiesel steigt Knöferl schließlich ins Obergeschoss des Turms hinauf zu seinem Diorama der Schlacht von Leuthen, an dem er ein halbes Jahr arbeitete. Auch jener Zinnsoldat aus dem 16. Jahrhundert, den Knöferl „nur mit eigenen Leuten – man könnte ja was finden“, aus dem Schutt eines Ofens ausgebuddelt hatte, erhält einen kurzen Besuch.

Es gäbe noch so viel zu erzählen. Drei Chefs hat der langjährige Werkstattleiter im Armeemuseum erlebt, und von allen spricht er mit Hochachtung, erzählt von Peter Jaeckel, der mit ihm zusammen auf der Leiter stand und Regale einrichtete, weil der zweite Mann in der Werkstatt zum Arzt gegangen war.

Mit verschmitztem Lachen plaudert er dann aus dem Nähkästchen, erzählt von den Steckenpferden der Chefs, von Jaeckel, dem Preußen, der ein Faible für Türkenexponate und Zinnsoldaten hatte, von Baron Reitzenstein, der sich als Volkskundler und Kunsthistoriker für Alltagsdinge wie die Maße von Betten interessierte, und von Militärhistoriker Ernst Aichner, dessen Augenmerk dem Festungsbau galt. „Das haben alle Doktoren“, meint Knöferl abgeklärt. Welches Steckenpferd Reiß wohl hat? „Gemälde würde ich mal sagen“, antwortet der Historiker.

Auf die ein oder andere seiner Fragen hat der alte Werkstattleiter keine Antwort parat. Aber er weiß, wo es steht. „Nachschauen in meinen Arbeitsbüchern“, rät er Reiß, „da steht alles drin.“