Thalmässing

Den Ermordeten ein Andenken

Thalmässing ergänzt die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof um einen Gedenkstein für die 33 Deportierten

17.09.2018 | Stand 02.12.2020, 15:39 Uhr
Uwe Ziegler
  −Foto: Unterburger

Thalmässing (HK) "Den Thalmässinger Juden, die der Nazidiktatur zum Opfer fielen. Sie haben weder Grab noch Grabstein." So lautet die Inschrift eines Gedenksteins, der am Sonntag neben dem jüdischen Friedhof mit einem Festakt eingeweiht worden ist. Initiator war der hiesige Schriftsteller Willi Weglehner.

Auf der dreieckigen Granitsäule stehen die Namen der 33 Bürger Thalmässings jüdischen Glaubens, die in den Jahren 1938 bis 1943 deponiert und in verschiedenen Vernichtungslagern ermordet worden sind. Der Stein steht direkt neben dem jüdischen Friedhof. Das Umfeld ist im Vorfeld schön hergerichtet worden: Ein Platz wurde mit Granitsteinen gepflastert und vier Birken wurden an den Ecken gepflanzt.

Der Festakt erregte Interesse: Rund 70 Menschen wohnten der Einweihung des Gedenksteins bei. Bürgermeister Georg Küttinger hob in seiner Begrüßung besonders hervor, dass Nachfahren der zum Großteil ermordeten jüdischen Familie Neuburger eigens aus Israel, den USA und aus Berlin angereist waren. "Die Nachfahren der jüdischen Familien Schülein und Rosenfeld konnten nicht kommen", bedauerte Küttinger, der auch hervorhob, wem man den Gedenkstein verdanke: "Ohne Willi Weglehner wären wir heute nicht hier", sagte Georg Küttinger. Der Stein sei auf Initiative des umtriebigen Schriftstellers und ehemaligen Lehrers aufgestellt worden.

"Wir alle sind uns der historischen Verantwortung bewusst", erklärte der Bürgermeister, "wir erinnern uns an die historischen Wurzeln der jüdischen Gemeinde Thalmässing." Die jüdische Vergangenheit Thalmässings sei ein wichtiger Teil der Ortsgeschichte, der Gedenkstein sei ein Mahnmal und Symbol gegen Nationalsozialismus und Faschismus. "Es darf keinen Antisemitismus mehr bei uns geben", forderte der Bürgermeister, "wir müssen uns für die freiheitlich-demokratische Grundordnung starkmachen." In diesem Zusammenhang sprach Küttinger auch die jüngsten Vorkommnisse in Chemnitz an. Notwendig sei "ein friedliches Miteinander der Kulturen und Religionen". So sei der Gedenkstein auch ein Symbol für eine offene Gesellschaft: "So etwas wie im ,Dritten Reich' darf sich niemals wiederholen."

Auch die Bundestagsabgeordnete Marlene Mortler machte ihre Aufwartung. "Der heutige Tag ist ein ganz besonderer Tag für die Gemeinde Thalmässing und für den Landkreis Roth", sagte sie. Sie selbst beschäftige sich "seit Jahrzehnten mit der Geschichte der Juden", so Mortler, so habe sie schon als Schülerin am Gymnasium in Lauf ein Referat über das Judentum gehalten. "Ich weiß, wie wichtig es ist, sich der Geschichte bewusst zu sein und zu werden."

Ein Grab helfe, die Erinnerung in Trauer wachzuhalten, führte Mortler aus. "33 Thalmässinger Juden hatten bisher kein Grab", sprach sie Weglehners Intention an, sich für den Gedenkstein einzusetzen. "Das Gedenken an sie hat jetzt einen Ort." Der Gedenkstein setze nun ein klares Zeichen gegen Judenhetze: "Lasst uns die Menschenrechte bewahren und schützen!", appellierte Mortler, die ebenfalls einen Bogen in die Gegenwart spannte: "Wir dürfen nicht schweigen, nicht nachgeben, das wäre der falsche Weg", sprach die Bundestagsabgeordnete die jüngsten antisemitischen Vorfälle in Deutschland an. "Die Bundesregierung distanziert sich klar vom Antisemitismus." Die Nazi-Ideologie sei mit dem "Dritten Reich" nicht untergegangen, bedauerte sie. Gegen Geschichtsklitterung müsse man nach wie vor kämpfen: "Ich bitte Sie alle, dass wir die ganze Wahrheit verbreiten."

Ähnlich äußerte sich Landrat Herbert Eckstein: "Viele Menschen heute haben aus der Geschichte nichts gelernt." Vor 20 Jahren - im November - sei die Ausstellung "Jüdische Heimat Thalmässing" im Gemeindezentrum St. Marien eröffnet worden. Er selbst habe seinerzeit noch ein mulmiges Gefühl gehabt. Erst die Begegnung mit einer alten Dame habe ihm die Augen geöffnet und er habe gelernt, mit der Geschichte umzugehen. "Vergangenheitsbewältigung darf keine Vergangenheitsverdrängung sein", forderte der Landrat, "es geht um das miteinander leben."

Landrat Eckstein dankte der Marktgemeinde Thalmässing dafür, dass sie die eigene Geschichte aufarbeite. Schließlich sei heute jedem klar: "Menschen aus Thalmässing haben fliehen müssen und sind umgebracht worden." Ecksteins hob hier vor allem die Leistungen von Hermann Beckstein und Willi Weglehner, hervor, die Entscheidendes beigetragen hätten, die jüdische Geschichte des Ortes aufzuhellen. "Lernen wir aus dieser schlimmen Vergangenheit!", wünschte sich der Landrat.

Auch heute stehe unsere Gesellschaft vor einer großen Herausforderung. Und auch heute gelte, dass jedes Opfer ein Opfer zu viel sei. "Warum sucht unsere Gesellschaft immer Schuldige?", stellte Eckstein fragend in die große Runde der Zuhörer. Und gab selbst die Antwort: "Als Schuldige werden immer nur die Schwächsten genommen - das macht mich betroffen."

Nach so langer Zeit einen Gedenkstein aufzustellen, mach den Tag zu etwas Besonderem, sagte Joino Pollak vom Landesverband der israelitischen Kultusgemeinde Bayern. Mit Auswirkungen für das Heute und die Zukunft: "Nur wenn wir gedenken, können wir verhindern, dass so etwas wie Verfolgung und Vernichtung der Juden wieder geschieht." Pollak zeigte sich dankbar, dass die Schüler der Thalmässinger Mittelschule den jüdischen Friedhof von Thalmässing pflegen.

Ursula Klobe, die stellvertretende Bürgermeisterin von Thalmässing, gab einen Abriss der jüdischen Geschichte Thalmässings, die schon seit 1419 nachweisbar sei, wie sie ausführte. Ihr Dank für die Erforschung der Historie galt Hermann Beckstein und Martin Hauke, der am Gymnasium Hilpoltstein in der zwölften Klasse eine Facharbeit über das jüdische Leben in Thalmässing geschrieben hat. Danach las sie die Namen aller 33 ermordeten Thalmässinger Juden vor.

Die Nachfahren der Familie Neuburger legten für jeden Toten einen Stein an der Granitsäule des Gedenksteins ab. Dies ist ein Brauch, der noch heute von den Juden auf der ganzen Welt ausgeübt wird. Abschließend sprach der Urenkel eines der ermordeten Thalmässinger Bürger das Totengedenken in hebräischer Sprache.

Robert Unterburger