Nürnberg
Das Verdrängte schlägt zurück

Furioser Spielzeitauftakt am Staatstheater Nürnberg: Jan Philipp Gloger inszeniert "Die Besessenen"

29.09.2019 | Stand 23.09.2023, 8:47 Uhr |
Katharina Tank
"Die Besessenen" - nach den "Bacchen" von Euripides in einer Übertragung von Roland Schimmelpfennig: Sascha Tuxhorn (links) gibt Pentheus, Cem Lukas Yeginer spielt Dionysos. −Foto: Fersterer

Nürnberg (DK) Rednerpult, Blumengestecke, ein geschlossener Vorhang.

Eine Dame tritt ans Mikrofon. Graues Kostüm, weiße Bluse, pragmatischer Haarschnitt. In ihrer Ansprache plädiert sie für Selbstbeherrschung ("Maß und Vernunft allein bringen Rettung"), verteufelt Ausschweifung und Vergnügen, nennt Frauen verdorben und Homosexualität widernatürlich. Befinden wir uns in einer Versammlung neurechter Kräfte? Nein.

Es ist der Auftakt zur Premiere von "Die Besessenen", mit der das Schauspiel Nürnberg die neue Spielzeit eröffnet. Nach den "Bacchen" des Euripides neu übertragen von Roland Schimmelpfennig, erzählt das Stück von Dionysos, dem Gott des Theaters, der Verwandlung, des Rausches, der Vielheit, des Dazwischen. Er kehrt in seine Heimatstadt Theben zurück, wird dort aber nicht anerkannt, wofür er sich blutig rächt: Die Rednerin vom Anfang, Königinmutter Agaue, zerfetzt in dionysischer Bessesenheit zum Schluss ihren eigenen Sohn Pentheus.

Die Inszenierung von Jan Philipp Gloger zeigt Dionysos sozusagen in "3D": Annette Büschelberger, Anna Klimovitskaya und Cem Lukas Yeginer geben dem Gott gemeinsam oder abwechselnd Gesicht, Körper und Stimme, mal im androgynen Einheitslook, mal im glitzernden Show-Modus, mal in antikisierender Toga (Kostüme: Dorothee Joisten). Dumpfe Trommeln, grelle Popsongs (Musik: Kostia Rapoport), Nebel und Licht sorgen für einen abwechslungsreichen Rahmen um das Enfant terrible der antiken Götterbühne.

Der/die/das nie Greifbare behält gegenüber dem "Ich weiß, wer ich bin: gesund, maßvoll, vernünftig"-Pentheus natürlich stets die Oberhand. Sascha Tuxhorn gibt den Herrscher als aalglatten, erfolgsgewohnten Berufspolitiker, der - typisch Mann - vieles verdrängt. Dass auch er weiche Seiten, Sehnsucht nach Hingabe und Vergnügen hat, kann er sich erst in Perücke und Frauenkleid eingestehen - die Maskerade soll es ihm ermöglichen, die dem Gott huldigenden Frauen in den Bergen zu beobachten. Die Unterwerfung unter das Prinzip Dionysos kommt allerdings zu spät: Der Gott lockt seinen Gegner genau damit genüsslich ins Verderben. Merke: Das Verdrängte schlägt zurück; wer zu rigide ausgrenzt, fällt dem, was er bekämpft hat, schließlich zum Opfer.

Die Ausschweifung selbst wird - ganz wie bei Euripides - stets nur behauptet, nie gezeigt. Zentrales Bild dafür ist der Theatervorhang auf der Bühne (Judith Oswald), dessen "Dahinter" oft mehr verspricht als hält. Gloger zeigt das exemplarisch, wenn er den gelähmten Königsopa Kadmos (anrührend komisch: Kammerschauspieler Frank Damerius) lustvollem Stöhnen auf der anderen Seite des sich drehenden Vorhangs hinterherrollen lässt, wo lediglich die drei Ds routiniert ins Mikro keuchen. Merke: Die Fantasie malt wildere Bilder als die Wirklichkeit; so entstehen Vorurteile und eben auch mal Fake News. Doch da Kadmos und der blinde Seher Teiresias (schön androgyn: Felix Mühlen) sich blumenbekränzt und herrlich slapstickkomisch auf Freiheit, Gleichheit, Leben(slust) als den Glauben der Väter besinnen, kommen der Blinde und der Lahme immerhin mit dem Leben davon - dito Pentheus' namenloser Adlatus (schön unterwürfig: Yascha Finn Nolting), der in klassischer Mauerschau-Manier von der Raserei Agaues (Ulrike Arnold) berichten darf. Lediglich als diese dann aus ihrem Wahn erwacht und sich ihrer Tat bewusst wird, wirkt die ansonsten sehr virtuose, einfallsreiche Regie plötzlich hilflos. Die wabbelnden pentheusschen Körperfetzen machen den Tiefpunkt des Dramas unfreiwillig komisch, Agaues schnell wiedergefundene Selbstbeherrschung wirkt kaum glaubwürdig. Klar ist jedoch Glogers Botschaft: Jede Weltanschauung - das dionysische Prinzip wie die Law-and-Order-Mentalität Pentheus' - wird durch unreflektierten Fanatismus destruktiv. Identität ist nichts ein für alle Mal Festgefügtes, in sich Konstistentes, sondern in stetem Wandel begriffen, von Brüchen, Uneindeutigem und Widersprüchen durchsetzt.

Man mag sich darüber streiten, ob das einst Euripides' Absicht gewesen ist. Doch der sehenswerten, über weite Strecken fesselnden Inszenierung gelingt es - nachgerade mithilfe der Neuübertragung, die Alltagssprache und antike Verse organisch zusammenfügt -, das antike Stück auf seine Bedeutung für unsere Gegenwart hin zu befragen und dabei zu einer eigenständigen, zeitgenössischen Deutung zu gelangen. Das Publikum im vollbesetzten Schauspielhaus honoriert die souveräne Gesamteistung mit begeistertem Beifall. Ein furioser Spielzeitauftakt, der gespannt auf mehr macht.

ZUM STÜCK
Theater:
Schauspielhaus Nürnberg
Regie:
Jan Philipp Gloger
Bühne:
Judith Oswald
Kostüme:
Dorothee Joisten
Musik:
Kostia Rapoport
Weitere Aufführungen:
1., 3., 5., 9., 17., 19., 25. Oktober
Kartentelefon:
(0180) 1344276

Katharina Tank