Beilngries

"Das Leben ist ein Geschenk"

Ingrid Dütsch geht ganz offen mit ihrer Brustkrebserkrankung um - Sie möchte Mut machen und zur Vorsorge animieren

24.10.2018 | Stand 02.12.2020, 15:23 Uhr
Offensiv und mutig geht Ingrid Dütsch mit ihrer Brustkrebserkrankung um. Sie spricht von einer "Auszeit", in der sie viel für das weitere Leben lernen möchte. Außerdem will sie andere Menschen ermutigen, sich mit dem Thema Krebsvorsorge auseinanderzusetzen. −Foto: Adam

Biberbach (DK) Im April diesen Jahres stellt Ingrid Dütsch einen "Hubbel" an ihrer linken Brust fest. Und beachtet ihn kaum. "Bestimmt irgendwo angestoßen, bald wieder weg", ist ihre erste Vermutung. Sie nimmt sich nicht lange Zeit für genaueres Beobachten oder fürs Sorgen machen. Erst Ende Mai, als beim erneuten Ertasten alles unverändert da ist, wird ihr schlagartig klar: Das ist was Schlimmeres. Etwas Bösartiges. Ein Arztbesuch bringt die Bestätigung: Brustkrebs.

Seitdem ist das Leben der 54-jährigen Biberbacherin, das von Ehrenamt und Job, Einsatz für die Familie und für Andere geprägt war, verlangsamt. "Angst habe ich tatsächlich nicht. Ich nehme diese Zeit der Behandlung und Heilung jetzt als Herausforderung, als Besinnung. Und als Chance, damit ich künftig achtsamer mit mir selbst bin", sagt sie.

Dass sie mit ihrer Krankheit offensiv umgehen will, sich nicht verstecken oder zurückziehen wird, das war Ingrid Dütsch von Anfang an klar. Deshalb ist ihr auch der Oktober nun wichtig, denn seit 1985 schon wird im "Brustkrebsmonat Oktober" die Vorbeugung, Erforschung und Behandlung von Brustkrebs in das öffentliche Bewusstsein gerückt - mit Aktionen und Vorträgen. Ingrid Dütsch geht dazu ihren eigenen Weg. Sie hat einen Blog im Internet eröffnet - www.leben-mit-adonis.com. Den Namen leitet sie von Adenocarcinom, ihrer Krebsart, ab. Sie erzählt in dem Blog von ihrer Erkrankung und den Behandlungen, von Gesprächen mit ihren Angehörigen und Freunden, auch über Haarausfall und Perücke, philosophiert über das Leben und dessen Sinn im Allgemeinen. Und macht dabei nicht nur Erkrankten Mut. Denn: "Mein Anliegen bei allem ist, dass ich zum Nachdenken anrege. Auf sich achten, Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen, Eigenverantwortung übernehmen - das sind mir sehr wichtige Themen."

Geboren wurde Ingrid Dütsch in Kipfenberg, durch die Ehe mit ihrem Mann Georg kam sie nach Biberbach. Für ihn und die Familie, zu der drei mittlerweile erwachsene Kinder gehören, bricht sie ihr Landwirtschaftsstudium ab, das sie mit dem Ziel begann, später in andere Länder zur Entwicklungshilfe zu gehen. Anderen helfen - das gehört zum Leben der Biberbacherin, auch wenn sie bescheiden abwiegelt: "Ich will mich nicht in den Mittelpunkt stellen. Mir war es immer wichtig, für andere da zu sein, aus gar nicht mal so uneigennützigen Gründen. Denn dann geht es mir selber auch gut, das gibt mir so viel zurück." Sie bringt sich mit viel Kraft und Elan ehrenamtlich in die Flüchtlingshilfe ein, übernimmt für ein paar Jahre den Vorsitz im Freundeskreis des Beilngrieser Gymnasiums, engagiert sich für die Dorfchronik Biberbach und leitet beruflich die Buchhandlung des Klosters Plankstetten. Viel zu tun, wenig Zeit für Pausen.

Bis dieser Freitagabend im Mai kommt und alles auf den Kopf stellt. "Ich habe den Hubbel getastet, dann erstmal selber im Internet gegoogelt. Zu einem Arzt konnte ich ja am Wochenende nicht gehen. Ich erinnere mich, dass ich an diesem Samstag Klamotten kaufen war. Und mich gefragt habe: Lohnt sich das jetzt überhaupt noch?" Am Dienstag ist sie beim Frauenarzt, am Mittwoch schon bei der Mammografie. Die sofort folgende Biopsie bringt Gewissheit: Der bösartige Tumor wird bereits in Stufe zwei von drei eingeordnet, weil er recht groß ist, knapp fünf Zentimeter. Das Gute: Es gibt keine erkennbaren Metastasen bei weiteren Untersuchungen, die Lymphe sind nicht befallen, der Krebs hat zumindest sichtbar noch nicht gestreut. "Darüber bin ich natürlich sehr froh, das erhöht die Chancen sehr. Andererseits aber: Hätte ich mehr auf mich geachtet, hätte ich den Knoten vielleicht früher ertastet. Je kleiner der Tumor, desto besser die Überlebenschancen, das ist nun einmal so."

Dabei hat sich Ingrid Dütsch eigentlich nichts vorzuwerfen. Ab 50 Jahren hat sie alle angebotenen Vorsorgeuntersuchungen wahrgenommen, war erst ein Jahr vor der Diagnose Brustkrebs bei der Mammografie. Ohne Befund damals. "Genau das ist es aber, was ich gern als Botschaft weitergeben möchte: Jeder ist eigenverantwortlich für sich. Man kann nicht sagen, der Arzt hat mich aber doch erst untersucht. Es kann sich alles schnell ändern und darauf muss man selbst achten." Um wachzurütteln, geht Dütsch dabei sehr offen vor. "Ich habe schon einige Frauen den Hubbel, diese Erhebung unter der Haut, die ich auf keinen Fall als Knoten bezeichnen würde, tasten lassen und dabei sicher auch einige schockiert. Aber wenn jemand dann aufmerksamer mit sich ist, ist es das wert", sagt sie.

Bereits drei Wochen nach dem ersten Arztbesuch beginnt die Chemotherapie. "Wäre der Tumor kleiner gewesen, hätte vielleicht eine Operation und Bestrahlungen genügt. So aber werden jetzt erst zwei Chemo-blöcke vorgeschoben. Einen habe ich bereits hinter mir, der zweite läuft gerade", berichtet Ingrid Dütsch ruhig. Es werden voraussichtlich Operation, Bestrahlungen und Reha folgen. Ein Jahr wird alles dauern, im besten Fall ist sie dann wieder ganz gesund. "Wo dieses Jahr hingeht, weiß ich selber noch nicht genau. Aber ich will bewusst alte Verhaltensmuster durchbrechen, lernen, auch mal Nein zu sagen. Nur eben so, dass es mir selber gut geht dabei, denn eigentlich sage ich viel lieber Ja. Nun muss ich lernen, dass man sich nicht um alles und jeden persönlich kümmern kann."

Was sie bewegt hat, als die Diagnose feststand? "Es ist eine Herausforderung. Ich nehme alles, wie es kommt, auch diese Krankheit. Angst habe ich wirklich nicht, ich habe bisher ein wunderschönes Leben gehabt. Und aus allem versuche ich, etwas Positives herauszuziehen, das ist meine Grundhaltung. Auch jetzt. Es ist ja die Chance, dass ich mich mehr auf mich besinne, gezwungenermaßen. Es ist ein Weckruf, damit man das Leben, das man noch vor sich hat, bewusster lebt."Als ein Jahr "Auszeit" sieht sie das Behandlungsjahr, weg vom Job, auch weg von den meisten Ehrenämtern. "Ich will lernen, achtsamer mit mir umzugehen", plant Dütsch, setzt aber - ganz typisch - hinzu: "Gleichzeitig ist es aber auch eine Chance, andere darauf aufmerksam zu machen, dass sie auf sich achten sollen."

Jeden Montag sitzt sie seitdem bei der Chemotherapie. "Zum Glück ist das in Beilngries möglich, eine große Erleichterung, nicht weit fahren zu müssen. Ich fühle mich dort wohl und sehr gut aufgehoben", sagt Dütsch. Sichtbare und spürbare Nebenwirkungen - außer dem Haarausfall - hat sie nicht. "Müde bin ich manchmal schon, aber für die meisten Nebenwirkungen gibt es mittlerweile auch Arzneien, die helfen", sagt sie. Dienstag und Mittwoch sind für Dütsch dann ganz bewusst Ruhetage, ab Donnerstag bis zum folgenden Montag mit neuer Chemobehandlung aber will sie stets möglichst aktiv sein. "Ich spiele leidenschaftlich gern Volleyball, auch mit meiner Flüchtlingsgruppe. Das habe ich beibehalten", sagt sie. Als ruhigeres Hobby widmet sie sich jetzt zudem der Fotografie, will lernen, die Welt durch die Kamera zu sehen. Und an ihrem Blog schreibt sie gern - jetzt in den kommenden Wintermonaten sicher noch mehr als im sonnigen Sommer. "Ich wollte raus, statt im Haus zu sitzen und zu schreiben. Das wird sich nun sicher ändern."

Nach dem ersten Chemoblock folgten Zwischenuntersuchungen. Ist der Tumor kleiner geworden? Schlägt die Behandlung also an? "Ich hatte nicht das Gefühl beim Tasten. Und das gab mir, ich gebe es zu, schon etwas zu denken", sagt Dütsch. Jetzt, mit Beginn des zweiten Blocks, spürt sie aber Fortschritte. Darüber ist nicht nur sie glücklich, sondern ihre ganze Familie. "Sie waren und sind mir alle eine sehr wichtige Unterstützung. Vor allem, weil sie ebenfalls alle sehr sachlich und vernünftig damit umgegangen sind. Wir haben auch weiterhin viel miteinander gelacht. Das war sehr gut", sagt Dütsch. Bereits vor Jahren hat die Familie Erfahrungen mit Krebs machen müssen. "Unser Sohn hatte im Alter von vier Jahren Lymphdrüsenkrebs. Er wurde wieder völlig gesund. Das gibt doch Zuversicht." Auch Freunde und Nachbarn sind ihr wertvolle Wegbegleiter geworden. Hier ein Brief oder eine Mail, dort ein paar überraschende Blumen oder Kuchen: "Die Leute nehmen Anteil, ohne zu übertreiben. Das tut gut."

An Gedanken über später - wie immer sich nun auch alles entwickeln wird - will Dütsch keine Kraft verschwenden. "Das Leben ist ein Geschenk, das man auskosten soll. Jetzt ist jetzt. Selbst, wenn ich nur noch ein Jahr zu leben hätte, würde ich nicht verzweifeln, sondern schauen, dass es ein schönes Jahr wird. So, wie man das eigentlich immer sehen sollte, daran ändert eine solche Diagnose nichts."

Regine Adam