Nürnberg
"Das Judentum gehört zu Franken wie der Bocksbeutel und die Bratwurst"

25.03.2021 | Stand 23.09.2023, 17:38 Uhr |

Nürnberg - Schalom ist hebräisch und heißt ursprünglich "Vervollständigung".

Mit diesem Wort begrüßen sich Juden seit den Zeiten der Bibel: "Ich hoffe, es geht dir gut und du lebst mit dir und mit anderen im Frieden. " Unter der Überschrift "Schalom Franken! " ist jetzt eine Broschüre erschienen für die, die das vielfältige Leben der Juden in Franken mit eigenen Augen kennenlernen wollen. Mit seinen 152 Seiten will Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland aus Würzburg, "lieber von einem richtigen Büchlein als von einer kleinen Broschüre" sprechen. "Das Judentum gehört zu Franken wie der Bocksbeutel und die Bratwurst", sagt Schuster.

Die gemeinsame Geschichte geht weit zurück. Bereits mit den Römern sind die ersten Juden über die Alpen gekommen. Im Jahr 321 nach Christus hat der römische Kaiser Konstantin festgelegt, dass Ämter in Kurie und Verwaltung auch von Juden übernommen werden können. Ein paar Jahrhunderte später lassen sich auch die ersten Juden als Fernhändler in Franken nieder. Im 13. und 14. Jahrhundert entstehen die ersten jüdischen Gemeinden auf fränkischem Boden zwischen Ansbach und Aschaffenburg.

Damit ist der Grundstein für die gemeinsame Geschichte gelegt, die, wie das lesenswerte Büchlein "Schalom Franken! " mit den vielen Ausflugstipps und spannenden Hintergrundinformationen weiter erklärt, mit Verfolgungswellen im Mittelalter schnell die ersten tiefen Makel, Risse und Wunden bekommt.

Im 15. und 16. Jahrhundert werden die Juden mit Fürth als bemerkenswerter Ausnahme komplett aus den fränkischen Städten vertrieben. Der konkurrierende Landadel wittert seine Chance und bietet den Vertriebenen gegen bare Münze ein neues Zuhause an. Rund um die städtischen Zentren lassen sich deshalb die jüdischen Händler beispielsweise in Bischberg bei Bamberg oder Schnaittach bei Nürnberg nieder und errichten in ihren neuen Landgemeinden viele Gotteshäuser.

Eine besonders prächtige Synagoge haben die Ansbacher Juden mitten in der Altstadt gebaut. 1732 hat der Ansbacher Markgraf der jüdischen Gemeinde die Erlaubnis erteilt, ein Bethaus "in einem versteckten Winkel der Stadt" bauen zu dürfen. Glücklicherweise hat das prächtige Gotteshaus die Reichspogromnacht im Jahr 1938 unbeschadet überstanden, so dass sich die von Hofbaudirektor Leopoldo Retty entworfene Synagoge noch heute in ihrer barocken Pracht präsentieren kann. Leider gibt es keine jüdische Gemeinde in Ansbach mehr. Das Gotteshaus kann aber genauso wie das Ritualbad im Inneren besichtigt werden.

Einen Besuch wert ist auch das jüdische Gotteshaus in Ermreuth in der Fränkischen Schweiz als eine der größten und bedeutendsten Dorfsynagogen in Franken, in dem sich heute ein Museum zur jüdischen Kultur und Geschichte befindet. Am Main im fränkischen Weinland gibt es ebenfalls viel zu entdecken. Im Innenraum der Synagoge in Kitzingen wölbt sich ein prachtvoller Sternenhimmel über das runde Deckengewölbe. Ebenfalls aus "Weinfranken" stammt ein jüdisches Gotteshaus, das derzeit im Freilandmuseum in Bad Windsheim originalgetreu wieder aufgebaut wird. Wie eine Perlenschnur reihen sich vom Altmühltal bis in den Spessart die Zeugnisse des jüdischen Lebens mit seinen vielen glücklichen Augenblicken und genauso schmerzvollen Erinnerungen an Verfolgung, Zerstörung und Vertreibung.

Vor dem Holocaust habe in der Region um Würzburg und Schweinfurt laut Zentralratspräsident Schuster deutschlandweit sogar "die höchste Dichte jüdischer Gemeinden" bestanden. Von den zahlreichen kleinen jüdischen Gemeinden des fränkischen Landjudentums seien laut Schuster bis heute glücklicherweise zahlreiche Zeugnisse erhalten. Die gelungene Broschüre "Schalom Franken! " erleichtere es, diese vielen Zeugnisse der genauso blühenden wie leidvollen Geschichte jüdischen Lebens in Franken richtig einzuordnen und zu verstehen, ist Schuster sicher.

Bedauerlich findet Schuster, dass die Juden in Franken teilweise noch immer als fremde Gruppe betrachtet werden, die "nicht richtig" dazugehören würden. Tatsächlich hätten die Juden "unser schönes Land auf vielfältige Weise geprägt", betont Schuster im Vorwort von "Schalom Franken! ".

HK

Nikolas Pelke