Manching

Büffeln bis zur Abschiebung

23.02.2018 | Stand 02.12.2020, 16:46 Uhr
So sieht es aus im Manchinger Transitzentrum: Den Bewohnern werden Freizeitangebote gemacht, sie können auch Deutsch lernen. −Foto: Hammer

Manching (DK) Der Vorstand der CSU-Landtagsfraktion besichtigt das Manchinger Transitzentrum, und die Presse darf mit. Für Sozialministerin Emilia Müller ist es eine Vorzeigeeinrichtung. Die Abgeordneten zeiogen sich ebenfalls beeindruckt. Aber manche Bewohner schimpfen.

Im Trab durchs Transitzentrum: Zahlreiche Journalisten, Fotografen und Kamerateams aus ganz Deutschland nutzen am Freitag die seltene Gelegenheit, sich einen Eindruck vom sogenannten Abschiebelager in Manching bei Ingolstadt zu verschaffen. Der Fraktionsvorstand der Landtags-CSU hat die Besichtigung auf seiner Tour durch die bayerischen Regierungsbezirke auf dem Programm. Es ist ein dichtes Gedränge und ein ziemliches Gerenne, sodass die Pressevertreter sich nicht wirklich einen Überblick von der Situation der dort lebenden Flüchtlinge verschaffen können. Die sind eher Zaungäste des Spektakels und wenig gesprächsbereit angesichts des Menschenauflaufs.

Dafür liefert Sozialministerin Emilia Müller reichlich Informationen: Das Transitzentrum Manching/ Ingolstadt - kurz TMI - diene künftig als Blaupause für deutschlandweit geplante Anker-Einrichtungen, erklärt sie eingangs. "Anker steht für Ankunft, Entscheidung, Rückführung", ergänzt CSU-Fraktionschef Thomas Kreuzer, der bei den Koalitionsverhandlungen im Arbeitskreis Migration dabei war.

Der Vorteil: Alles ist vor Ort. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), die Verwaltungsgerichte, das Sozialamt oder die zentrale Ausländerbehörde. "So können wir die Verfahren für Menschen ohne Bleibeperspektive effektiv und rechtssicher abhandeln", betont die Ministerin und fügt hinzu: "Damit es gesittet zugeht, bestreift die Polizei." Ein Sicherheitsdienst ist rund um die Uhr vor Ort.

Insgesamt 1030 Menschen sind aktuell in Manching und Ingolstadt untergebracht - verteilt auf vier Standorte. Etwa die Hälfte der Flüchtlinge stammt aus Nigeria, ein Viertel aus der Ukraine, ein Achtel vom Westbalkan und das letzte Achtel aus Afghanistan. In der früheren Max-Immelmann-Kaserne leben laut Einrichtungsleiter Thomas Schmid gegenwärtig nur rund 400 Flüchtlinge - ausgelegt ist das Zentrum auf bis zu 1700 Bewohner. So wirkt das riesige Gelände denn auch ziemlich verlassen. Hie und da sind hinter blinden Fenstern Schwarzafrikaner zu erkennen, die mit teilnahmslosen Blicken der Politiker- und Medienhorte zuschauen.

In einer Baracke dann der erste Kontakt: Ein paar junge Nigerianer basteln unter Anleitung von Caroline Jung Mosaike. "Die Leute sind wahnsinnig kreativ und vergessen die Zeit, wenn sie hier sind", sagt die Designerin aus Reichertshofen. "Sie erzählen viel von Afrika und vermissen ihre Heimat." Auf Nachfrage klingt das etwas anders, ist keine Rede von Rückkehr: "Wir wollen hier arbeiten", erklärt ein Nigerianer und kritisiert die Zustände: "Wir haben hier keine Rechte, dauernd kontrollieren sie uns." Ein anderer Afrikaner schimpft: "Es ist hier wie im Gefängnis."

Immerhin: Rund 300 Bewohner seien schon "verschwunden", sagt Thomas Schmid. "Wahrscheinlich nach Skandinavien." Seit Öffnung des Transitzentrums sind bisher 4700 Asylsuchende dort untergebracht worden, 2400 sind freiwillig ausgereist, 900 wurden abgeschoben. Wer geht, kriegt Bares: 200 Euro Reisebeihilfe und eine Starthilfe zwischen 300 und 500 Euro.

Wer im Transitzentrum bleibt, bekommt hingegen nur ein kleines Taschengeld und 80 Cent pro Stunde für Jobs wie Gartenarbeiten oder Müllentsorgung. Ansonsten können sich die Bewohner mit allerlei Freizeitaktivitäten beschäftigen: Es gibt Sportangebote, aber auch einen Schönheitssalon oder Straßenkreidemalen für Kinder. Die können auf dem Gelände auch in den Kindergarten oder zur Schule gehen. "Vorausgesetzt, die Eltern lassen sie gehen", fügt Staatsministerin Müller hinzu. 82 schulpflichtige Kinder sind es aktuell.

Von Montag bis Freitag wird Deutschunterricht für Erwachsene angeboten. Die Lehrerin erklärt, sie müsse so gut wie jedes Mal wieder bei null anfangen. "Weil immer andere kommen. Mal ist der Bus voll, der die Flüchtlinge von den anderen Standorten nach Manching bringt, mal sind welche krank oder haben Termine bei den Behörden." So bildet sie kleine Gruppen je nach Deutschniveau. Während die einen sich auf Deutsch unterhalten, pauken die anderen still Vokabeln. "Aber wenn sie kommen, dann sind alle sehr motiviert", berichtet die Lehrerin. Vermutlich ist der Sprachunterricht auch eine schöne Abwechslung.

Die wäre auch beim Essen willkommen. Dreimal täglich gibt es in der Kantine Mahlzeiten - über deren Qualität sich manche Nigerianer allerdings beschweren. Noch nicht einmal außerhalb gekaufte Lebensmittel dürften sie mit ins Transitzentrum nehmen, kritisieren sie. "Viele Frauen sind schwanger, für sie ist das kein gutes Essen", meint ein Mann. Die Pressevertreter bekommen nur die leere Kantine zu sehen und können sich folglich kein eigenes Bild von der Qualität des Essens machen.

Auch in den Unterkünften bekommen die Landtagsabgeordneten und Medienleute nur unbewohnte Stuben zu sehen - man müsse Rücksicht auf die Privatsphäre nehmen, heißt es zurecht. Die Einrichtung ist spartanisch: Stockbetten aus Metall, in Plastik eingeschweißte Matratzen, graue Spinde. Draußen an der Tür hängt ein Schild, das besagt, dass dies der Raum von Hauptfeldwebel Huber war. "So sah es auch aus, als ich Soldat war", meint Thomas Kreuzer. Und Karl Straub, Abgeordneter aus Pfaffenhofen, erzählt: "Ich hab' hier sogar gedient als Luftwaffensicherungssoldat."

Straub ist sichtlich beeindruckt von dem, was er gesehen hat. "Ich kenne ja auch die Anfänge hier", meint der CSU-Politiker. "Die Atmosphäre ist jetzt sehr warm, und die Mitarbeiter tun alles für die Menschen hier." Seine Landtagskollegin Tanja Schorer-Dremel sagt, sie sei sehr angetan. "Mein Eindruck ist positiv", meint die CSU-Frau aus dem Landkreis Eichstätt. "Eine sehr gemütliche Einrichtung - man merkt die Wertschätzung." Besonders gefreut habe sie, dass in dem Transitzentrum neben der Sozialberatung der Caritas beispielsweise auch der Verein Solwodi vertreten sei. Der hilft Frauen in Not, die Opfer von Gewalt, Menschenhandel oder Zwangsprostitution geworden sind.

Die CSU-Politiker ziehen zufrieden ab. "Das hier ist eine Vorzeigeeinrichtung", resümiert Emilia Müller, "auch wenn manchmal etwas anderes behauptet wird."