Bei Winnetou mit dem Kinovirus infiziert

07.01.2009 | Stand 03.12.2020, 5:18 Uhr |

Projektoren oder alte Zeitungsanzeigen – Robert Niedermeier sammelt alles, was mit der Kinogeschichte zu tun hat.

Pfaffenhofen (PK) Die Liebe zum Kino und Film liegt unserer Familie scheinbar im Blut. Mein Großvater war über vierzig Jahre (von 1925 bis 1956) Filmvorführer im Breitnerkino an der Ingolstädter Straße und nach dem Tode von Josef Breitner im Jahre 1952 noch einige Jahre im Ambergerkino an der Löwenstraße. Mein Vater durfte dadurch bei fast allen Vorstellungen kostenlos ins Kino und ich wurde Jahrzehnte später als regelmäßiger Besucher des Ilmgau-Filmtheaters der Familie Graßl an der Frauenstraße ebenfalls schnell von diesem "Virus" infiziert.

Meine Kino-Leidenschaft begann mit dem Karl-May-Film "Winnetou 1" mit Pierre Brice. Es muss wohl im Jahr 1974 gewesen sein, damals war ich zehn Jahre alt, als ich mit meinem damaligen Nachbarsfreund Frank und seinem Vater zum ersten Mal ins Kino fahren durfte. Bis dahin hatte ich noch nie ein Filmtheater von innen gesehen. Die anderen Buben aus der Nachbarschaft waren schon einige Jahre vorher im Kino und erzählten immer ihre Erlebnisse. Leider wurde ich nie gefragt, ob ich mitgehen möchte.

Am Kino angekommen, war alles sehr aufregend. Wir standen im Foyer in der Schlange vor dem hölzernen Kassenhäuschen, in dem Frau Graßl saß und freundlich jedem kleinen und großen Kinobesucher seine Wünsche erfüllte. Auf der Glastafel über der Kasse war der 1. Platz mit 2,50 Mark ausgezeichnet. Wenn man sich noch ein "Fuchzgerl" sparen wollte, gab es für zwei Mark den 2. Platz in den vordersten zwei Reihen. Man nannte sie "Rasierer", weil man dort den Kopf, wie beim Rasieren, weit nach hinten beugen musste, um zur Leinwand hinaufschauen zu können.

An der damaligen Platzanweiserin Frau Heinzinger vorbei, nahmen wir unsere Plätze auf den ungepolsterten Sitzen im vorderen Drittel des Kinos ein. Im abgedunkelten Saal war der große rote Vorhang von unten bestrahlt und Schlagermusik tönte dezent aus den Lautsprechern. Es lag ein ganz besonderer Geruch in der Luft, wie er für alte Theatersäle typisch war. Einige Colaflaschen rollten auf dem abschüssigen Holzboden herum. Dann ging endlich der Vorhang auf und wie damals üblich, gab es zuerst einen "Kulturfilm". In der Regel waren dies kurze Dokumentarstreifen über fremde Länder, Menschen und Tiere, aber auch Sport- und Trickfilme. Im Anschluss folgten noch einige Werbedias, wobei mir besonders die originelle Reklame verschiedener Fahrschulen und der örtlichen Brauereien in Erinnerung geblieben sind.

Dann schloss sich der schwere Vorhang, das Licht erlosch, ein dumpfer Gongschlag ertönte und der Vorhang ging wieder auf. Auf der Leinwand erstrahlte das Verleiherlogo "Constantin-Film bringt", unterlegt mit einem Trommelwirbel und einer schrillen Fanfare, bevor Martin Böttchers Old Shatterhand-Melodie durch den Saal schmetterte und ich mit meinem Freund auf der gigantischen Cinemascope-Leinwand eintauchte in die Wildwest-Atmosphäre von Karl May. Es war ein unvergessliches Erlebnis in meiner Kindheit, das meine Liebe zum Film stark geprägt hat.

Danach musste ich natürlich so schnell und so oft wie möglich wieder ins Kino. Die nächsten Filme, die ich zusammen mit meinem Freund anschaute, waren die damals sehr beliebten japanischen Monster-Streifen wie "Frankenstein, der Schrecken mit dem Affengesicht" und einige Wochen darauf "King Kong gegen Godzilla". Heute schmunzelt man natürlich über den naiven Charme dieser mit bescheidenen technischen Möglichkeiten produzierten Streifen.

Damals waren wir Kinder im Gegensatz zur heutigen Generation durch die Medien aber nicht verwöhnt. Im Fernsehen gab es nur drei Programme, die fast ausschließlich ältere Filme zeigten. Auch Farbfernsehen war damals noch nicht weit verbreitet. Ein Kinobesuch war deshalb noch wirklich ein ganz besonderes Erlebnis.

An jedem dieser besagten Sonntage war ich beim Mittagessen bereits völlig kribbelig, weil ich es kaum erwarten konnte, ins Kino zu radeln. Ich war meistens schon eine halbe Stunde vor Filmbeginn da und bewunderte die in Schaukästen am Kino ausgehängten Filmplakate und Szenenfotos der verschiedenen Verleiherfilme.

Mein Vater, der in der Löwenstraße ein kleines Fachgeschäft für Schallplatten und Briefmarken betrieb, musste für mich mit seinem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit jeden Mittwoch einen kleinen Umweg über das Ilmgau Filmtheater an der Frauenstraße machen. Am Mittwoch hing nämlich an der rechten Glastüre schon das neue Programm für die kommende Jugendvorstellung am Sonntag aus. Und wenn mir mein Vater dann telefonisch mitteilte, dass wieder mal Karl May oder Godzilla angesagt waren, wusste ich natürlich, was ich sonntags nach dem Essen vorhatte.

Nach kurzer Zeit hatte ich im Kino auch meinen Stammplatz in der 8. Reihe von der Leinwand aus gesehen, auf Sitz Nummer 10 genau in der Mitte.

Durch meinen Onkel lernte ich 1979 den Umgang mit der Super-8-Filmkamera und bekam von ihm einige Spielfilmkataloge in die Hand gedrückt. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich meine "Kinoträume" in den eigenen vier Wänden fortführen konnte. In den diversen Katalogen fand ich auch die Filme, die ich vom Kino her kannte. Diese waren zwar nur als gekürzte Fassung zu bekommen, aber damals störte das keinen echten Filmsammler.

An Weihnachten bekam ich auch einen meiner ersten Filme. Es handelte sich um den Fantasy-Streifen "Caprona, das vergessene Land" mit Doug McClure als 40 minütige Ausschnittfassung. Einige Jahre später (1982) konnte ich mir endlich den Traum von einem "echten" alten 35mm-Kinoprojektor, Marke Bauer, mit großen Spulen, Lampenhaus mit Xenonlicht und Stereoton erfüllen und sammle seitdem das Kinoformat in 35mm.

Die Leinwand in meinem Heimkino hat eine Größe von 3,50 x 2,50 Meter. Zu meinen Lieblingsstreifen gehören nach wie vor die Karl-May-Filme und natürlich die großen Klassiker mit Stars wie Cary Grant, Humphrey Bogart oder Grace Kelly. Im Laufe der Jahre habe ich auch ungefähr 500 Wochenschauen, 300 Kurzfilme, sowie unzählige Trailer und Werbespots gesammelt. Besonders die legendären Werbefilme mit dem HB-Männchen haben einen Ehrenplatz in meinem Archiv. Darum ein Aufruf an alle: Wer etwas aus der alten Kinozeit hat, gerne auch Plakate oder Fotos, kann mir dieses gerne anbieten.

Vor gut zehn Jahren hatte ich das Glück, die Filmsammlung eines verstorbenen Kinobesitzers in Burgkirchen an der Alz zu erwerben. Diese beinhaltete viele Schätze aus den goldenen 1950er und -60er Jahren.

Mit der letzten Vorstellung im Ilmgau-Filmtheater im Jahre 1985 war die Zeit der klassischen alten Kinos in Pfaffenhofen leider vorbei und somit ein Stück Vergangenheit geworden, die für viele Kinofreunde trotzdem oder gerade deshalb unvergesslich bleiben wird.