"Bargeld ist ein Stück Freiheit"

Jürgen Gros, Präsident und Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbands Bayern, über den digitalen Euro und die Sparrate

21.04.2021 | Stand 30.04.2021, 3:33 Uhr |
Jürgen Gros ist seit August 2016 Präsident und Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbands Bayern. −Foto: Genossenschaftsverband Bayern

Gaimersheim - Die genossenschaftliche Idee ist zwar nicht mehr neu, aber sie ist nie aus der Mode gekommen.

Im Gegenteil. Zuletzt hat sie sogar wieder mehr Anhänger gefunden. Jürgen Gros vertritt als Präsident und Vorstandsvorsitzender des Genossenschaftsverbands Bayern die derzeit 222 Volksbanken und Raiffeisenbanken im Freistaat an vorderster Front. Im Interview mit unserer Zeitung bei der Raiffeisenbank im Donautal sprach er über die Entwicklung der genossenschaftlichen Bankengruppe und deren regionale Ausrichtung, aber auch  über die Sparrate, die Corona-Krise  und den digitalen Euro.

Herr Gros, im vergangenen Jahr ist die Zahl der genossenschaftlichen Banken in Bayern um weitere 5 auf 222 gesunken. Wo und wann sehen Sie bei dieser Entwicklung ein Ende?
Jürgen Gros: Im Jahr 2020 war die Fusionssituation überschaubar, 2021 werden es sicher ein paar Fusionen mehr sein. Das ist unter anderem immer auch von der regionalen Situation abhängig und auch davon, wie Bankvorstände in die Zukunft blicken und die Marktchancen ihres Hauses bewerten. Darüber hinaus gibt es auch limitierende Faktoren.

Und welche wären das?
Gros: Entscheidend für die Zukunft eines Kreditinstituts sind Eigenkapitalausstattung, die Risikotragfähigkeit, die Fähigkeit, steigende regulatorische Anforderungen erfüllen und das notwendige Personal gewinnen zu können. Hinzu kommt, dass sich gewachsene Wirtschaftsräume und Unternehmen mit der Zeit verändern. Für die Volksbanken und Raiffeisenbanken ist es wichtig, dass sie sich mit den Strukturen mitentwickeln und dadurch die Möglichkeit haben, ihre Kunden weiterhin zu begleiten.

Aber Sie bleiben schon bei Ihrer regionalen Ausrichtung, oder? Sie haben ja auch gesagt, dass das Modell der regionalen Hausbank auch in der Corona-Krise Stärke bewiesen hat.
Gros: Die Stärke der Volksbanken und Raiffeisenbanken kommt aus der Region. Sie sind dort tief verwurzelt. Das hat sie von jeher ausgemacht. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken werden deshalb auch in Zukunft eine Filialorganisation sein. In Bayern gibt es 2056 Gemeinden, die sich auf 71 Landkreise und 25 kreisfreie Städte in sieben Regierungsbezirken verteilen. Die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken haben fast so viele Geschäftsstellen wie es Gemeinden im Freistaat gibt. 222 Banken sind mit insgesamt 2015 Filialen und 3504 Geldautomaten flächendeckend vertreten. Die Banken werden allerdings auch neue Zugangswege eröffnen und weitergestalten.

Was heißt das im konkreten Fall?
Gros: Das heißt, dass die Volksbanken und Raiffeisenbanken künftig zunehmend über den digitalen Weg erreichbar sind. Die Kunden nutzen "ihre" Bank hybrid: Alltagsgeschäfte erledigen sie im Selbstbedienungsbereich, über das Internet oder die App. Wenn es komplizierter wird, greifen sie zum Telefon oder vereinbaren einen Termin in der Geschäftsstelle. Hinzu kommen weitere Lösungen wie die Videoberatung. Digitale Angebote sind wichtig, doch die flächendeckende Präsenz genauso. Das erwarten die Kunden auch. Insofern bin ich sicher, dass derjenige erfolgreich sein wird, der in der Lage ist, den Kunden möglichst viele Zugangswege zu ermöglichen und sie je nach ihrer Bedürfnislage dort abzuholen. Den Mix richtig zu gestalten, das ist die Herausforderung. Da sehe ich die Volksbanken und Raiffeisenbanken auf einem guten Weg.
 
Die genossenschaftliche Idee hat ja gerade in den vergangenen Jahren eine Renaissance erlebt. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Gros: Das genossenschaftliche Modell ist nach wie vor ein Erfolgsmodell. Deshalb gibt es auch jedes Jahr neue Genossenschaftsgründungen. 2020 waren es 19, im Jahr zuvor 18. Es gibt also jedes Jahr Zuwachs in der genossenschaftlichen Familie, und zwar durchaus auch in neuen Feldern. Seit einiger Zeit ist ein Gründungstrend im Bereich Nahwärme zu beobachten. Dort, wo der Staat Versorgungslücken nicht schließt oder der Markt keine adäquaten Angebote bietet, nehmen die Leute ihr Schicksal selbst in die Hand. Dafür bietet sich die genossenschaftliche Organisationsform an. Genossenschaften leben vom Engagement der Menschen. Wir spüren ja auch, dass es insgesamt ein zunehmendes Bewusstsein für die Region gibt und die Menschen sich für ihr Umfeld engagieren wollen.

Im vergangenen Jahr ist die Sparrate deutlich hochgegangen. Was sind die Gründe dafür, abgesehen davon, dass man in Corona-Zeiten nichts mehr ausgeben kann?
Gros: Was Sie erwähnen, ist sicher ein Hauptgrund. Es gibt eine massive Konsumzurückhaltung. Die Menschen können nicht reisen, zum Essen oder ins Kino gehen. Auch das Shopping macht aktuell nicht wirklich Spaß. Zudem sind viele angesichts der Einschränkungen wirtschaftlich verunsichert und halten ihr Geld zusammen. Insofern sind es mehrere Aspekte, die dazu geführt haben, dass die Sparquote im letzten Jahr gestiegen ist.
 
Gibt es unter diesen Umständen derzeit  bevorzugte Anlageformen?
Gros: Es gibt Bevölkerungsteile, die während der Pandemie zusätzlich Geld zur Seite legen konnten. Diese Kunden merken zunehmend, dass ertragsloses Sparen wirtschaftlich nicht sinnvoll ist. Vor diesem Hintergrund ist ein Umdenken erkennbar. Statt alleine aufs Sparbuch zu setzen, entdecken viele Sparer zunehmend Aktien und Fonds für sich. Entsprechend ist der in Aktien und sonstigen Anteilsrechten gehaltene Anteil am Vermögen der Deutschen vom 3. Quartal 2019 zum 3. Quartal 2020 um 9 Prozent, beziehungsweise 60,6 Milliarden Euro gestiegen. Bei Investmentfonds betrug die Steigerung im selben Zeitraum 5,8 Prozent beziehungsweise 37,7 Milliarden Euro.
 
Viele Unternehmen haben  Probleme aufgrund der Corona-Krise. Befürchten Sie eine größere Insolvenzwelle noch während oder auch nach der Pandemie? Man hört ja öfter, dass erst danach  der schlimmere Teil kommen könnte.
Gros: Die Insolvenzantragspflicht ist nach wie vor ausgesetzt. Das verschleiert etwas den Blick. Gleichwohl ist derzeit keine Insolvenzwelle erkennbar, jedenfalls keine, die die Volksbanken und Raiffeisenbanken betrifft. Deren Kreditbücher sind stabil und die Bankvorstände haben diese ständig eng im Blick. Hier helfen auch wieder die regionale Verankerung und das tiefe Wissen um das wirtschaftliche Geschehen in der Region.

Bezüglich der möglichen Einführung eines digitalen Euro haben Sie sich ja vor Kurzem dafür ausgesprochen, dass auf alle Fälle Bargeld erhalten werden soll und muss. Was sind Ihre Gründe dafür?
Gros: Bargeld ist ein Stück Freiheit. Die Bedeutung von elektronischen oder mobilen Bezahlverfahren nimmt zu, keine Frage. Trotzdem: Die Deutschen fragen nach wie vor Bargeld nach und nutzen es. Im Moment allerdings tendenziell weniger zum Bezahlen. Stattdessen wird Bargeld gehortet. Grundsätzlich muss aber gelten, dass die Verbraucher selbst entscheiden sollen, wie sie einkaufen und bezahlen. Bargeld ist ja als gesetzliches Zahlungsmittel geschützt und das soll auch so bleiben. Ungeachtet dessen werden wir uns aber mit der Frage der digitalen Währung auseinandersetzen müssen.
 
Auf was kommt es dabei an?
Gros: Ein digitaler Euro muss sich ins Gesamtgefüge einpassen. Er darf die Stabilität und das Vertrauen der Menschen in ihre Währung nicht untergraben. Dazu gehört auch, dass er das zweistufige Bankensystem nicht aushöhlt. Banken sind die Kreditgeber der Wirtschaft und haben sich dabei bewährt. Sie sollten diese Rolle auch künftig wahrnehmen können. Banken vergeben Kredite und schaffen damit Liquidität für den Wirtschaftskreislauf. Aktuell entstehen aus einem Euro Zentralbankgeld rund zehn Euro Buchgeld, das Banken über die Kreditvergabe generieren. Würde man komplett auf eine digitale Zentralbankwährung setzen, könnten Kredite nur noch im Umfang der von der EZB zur Verfügung gestellten Geldmenge vergeben werden - der Wirtschaftskreislauf wäre abgewürgt. Zudem dürfen die Bemühungen im Kampf gegen Geldwäsche nicht untergraben werden. Also: digitaler Euro ja, aber es kommt auf dessen Ausgestaltung an. Ich bin fest davon überzeugt, dass er das Bargeld nie völlig ablösen wird. Jedenfalls nicht in Deutschland und nicht in Europa.

DK

Die Fragen stellteNorbert Schmidl.