Ingolstadt

Auf den Spuren der Nazi-Opfer

08.07.2010 | Stand 03.12.2020, 3:52 Uhr

Gegen das Vergessen: Im "Tal der Gemeinden, einem Teil der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, wird an über 5000 jüdischen Gemeinden erinnert, die während der Verfolgung durch Nazi-Deutschland ganz oder teilweise vernichtet wurden. - Foto: oh

Ingolstadt (DK) Etwa 100 Juden lebten bis zur Machtübernahme der Nazis in Ingolstadt. Historiker und Schüler haben nun neue Erkenntnisse über den Leidensweg der jüdischen Opfer gewonnen und dem israelischen Gedenkzentrum Yad Vashem übergeben.

Dr. Rafael Luchs war ein geschätzter Mediziner, der im 1. Weltkrieg deutsche Soldaten an der Front pflegte und als Stabsarzt nach Ingolstadt verschlagen wurde. Der Geburtshelfer und Frauenarzt eröffnete Ende 1918 in der Schanz eine Praxis und gewann vor Ort schnell Vertrauen. Vor allem die armen Patientinnen achteten Dr. Luchs, der sich unter anderem in der Arbeiterwohlfahrt engagierte. Dabei unterschätzte er jedoch den Hass der Machthaber auf die Juden: Noch 1938 kehrte der deutsche Jude freiwillig aus einem Urlaub in Israel in die Nazi-Diktatur zurück. "Dem Dr. Luchs tut doch niemand was", soll er vor der Heimreise noch gesagt haben.

Aus der Stadt vertrieben

Zuhause erwarteten ihn jedoch Verachtung und Lebensgefahr: Selbst alte Freunde und Kollegen in Ingolstadt spuckten auf der Straße aus, statt Rafael Luchs wie gewohnt zu grüßen. Zusammen mit zahlreichen anderen Ingolstädter Juden – bis zur Machtergreifung der Nazis lebten in Ingolstadt etwa 100 Menschen mit jüdischem Glauben in der Schanz – wurde die Familie Luchs nach der Reichspogromnacht vertrieben. 1941 starb der Arzt in Augsburg, möglicherweise durch Freitod. Seine Frau Mathilde wurde im Vernichtungslager des Gettos Piaski ermordet. Ein Porträtfoto von Dr. Rafael Luchs in der Gedenkstätte Luitpoldpark erinnert an sein Schicksal.

"Schreckliches ist immer ganz weit weg", berichtet die 17-jährige Ingolstädter Schülerin Lena, die sich intensiv mit den tragischen Schicksalen der Ingolstädter Juden beschäftigt hat. Zusammen mit 20 Klassenkameraden vom Katharinen-Gymnasium machte sich die Elftklässlerin vor allem in den Archiven auf Spurensuche. "Am Beginn des Projektes dachte ich: Wo wir wohnen, kann nichts Schlimmes passiert sein", sagt Lena, die ihre Heimatstadt inzwischen wohl mit anderen Augen sieht. Dennoch halten die jungen Leute klar Distanz zu den Taten: "Es gibt für mich keine deutsche Erbsünde", meint etwa der 16-jährige Björn. "Aber es gibt eine Pflicht, den Holocaust nicht zu vergessen."

Bei ihren Recherchen griffen die Gymnasiasten oftmals auf Dokumente im Ingolstädter Stadtmuseum zurück. Ganz erheblich profitierten die jungen Ingolstädter auch von dem neuen Fund, den der Historiker und Lehrer Albert Eichmeier machte: Bei einer Fortbildung hörte er von den Deportationsakten der deutschen Juden, die in der Nazi-Zeit bei den Oberfinanzdirektionen gesammelt wurden. Jahrzehnte lang waren diese historisch wertvollen Dokumente verschollen. In München hat Eichmeier nun jedoch detaillierte Finanzunterlagen zu etwa 50 Ingolstädter Juden entdeckt und gemeinsam mit dem bekannten Ingolstädter Historiker Theodor Straub ausgewertet.

Ergiebige Dokumente

Für die Erforschung der persönlichen Leidenswege sind diese Dokumente äußerst ergiebig: Allein die 16-seitigen Vermögensaufstellungen geben einen tiefen Einblick in das Schicksal der Juden und ihrer materiellen Verluste, die sie vor Ermordung oder Deportation erleiden mussten. Diese Dossiers wurden in der Regel auch von der Gestapo bearbeitet: Auf einem Vorblatt gaben die Beamten der Geheimen Staatspolizei den Opfern jeweils eine Nummer. "Erst mit den Akten der Oberfinanzdirektionen wissen wir mit hundertprozentiger Genauigkeit, ob, wann und wo ein jüdischer Mitbürger deportiert wurde", erläutert Albert Eichmeier, der Kopien der Akten dem Stadtmuseum übergeben hat.

Auch in Israel wird historische Recherche sehr geschätzt. "Wir sammeln so viele Informationen wie möglich", berichtet Noa Mkayton, die Leiterin der Abteilung für deutschsprachige Länder an der Internationalen Schule für Holocaust-Studien. "Die lokale Recherche ist pädagogisch sehr wirksam", weiß Noa Mkayton. "Denn die Schüler bekommen direkten Einblick in die Welt vor der Shoa." Die Unterlagen aus Ingolstadt vervollständigen nun die Datenbanken, in der bisher 3,8 Millionen Namen von Opfern gespeichert sind. Einige ausgewählte Dossiers, die von den Schülern des Katharinen-Gymnasiums zusammen gestellt wurden, überbrachten Direktor Reinhard Kammermayer und Geschichtslehrer Matthias Schickel kürzlich persönlich.

Die beiden Ingolstädter Pädagogen gehörten zu einer Gruppe von Lehrern aus ganz Bayern, die für eine Fortbildung das israelische Gedenkzentrum Yad Vashem besucht haben. "Das war eine Privatinitiative", betont Matthias Schickel. Denn im Unterschied zu anderen Bundesländern gibt es in Bayern keine institutionalisierte, schulische Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte in Israel. "Es wäre sehr hilfreich, wenn es nicht bei einer einmaligen Aktion bleiben würde", wirbt der Geschichtslehrer für engere Kooperationen.