Ingolstadt

Anstiftung zur Revolution

Großer Applaus für "kudlich": Michael Simon setzt Thomas Köcks virtuosen Parforceritt durch die Geschichte am Stadttheater Ingolstadt in Szene

25.03.2018 | Stand 02.12.2020, 16:39 Uhr

Eine starke Bildästhetik: Hans Kudlich (Sandra Schreiber) und Lena (Enrico Spohn) müssen sich verstecken. - Foto: Klenk

Ingolstadt (DK) Am Ende gibt es einen Hoffnungsschimmer. Im schwachen Lichtkegel erscheint auf dunkler Bühne ein Kind und erzählt von einem Akt der Zivilcourage im Alltag. Da sind Kinder, die ein anderes mobben. Und da ist eins, das nicht zu- oder wegsieht, sondern sich einmischt. Dem Treiben Einhalt gebietet.

"Dort, wo es Macht gibt, gibt es Widerstand", sagt Greta Voss. Und schiebt die Mauer aus Angst weg, die die gesamte Bühnenbreite einnimmt. Schon ein einzelner kann etwas bewirken. Das ist die Botschaft, mit der der österreichische Dramatiker Thomas Köck das Publikum nach Hause schickt. Sein Stück "kudlich (eine anachronistische puppenschlacht)" hatte am Samstagabend unter der Regie von Michael Simon im Großen Haus des Stadttheaters Ingolstadt Premiere und wurde frenetisch beklatscht.Es ist ein, nein eigentlich sogar das Kernstück der aktuellen Spielzeit, die nicht nur die Gegenwart kritisch unter die Lupe nimmt, sondern vor allem Haltung einfordert. Und sich mit dem Motto "Wir sind das Volk!" eine Parole von den Populisten zurückholt, die Georg Büchner einst in "Dantons Tod" artikulierte. Auch in Thomas Köcks "kudlich" hat der revolutionserfahrende Büchner einen Auftritt - scheint aber von den Fragen der Gegenwart restlos überfordert.

Köcks Texte unterscheiden sich von anderen Theatertexten. Sie sind konsequent klein und ohne Punkt und Komma geschrieben, erzählen nicht linear, setzen sich zusammen aus Stakkato-Sätzen, Wortkaskaden, Sprachspielereien, tagesaktuellen Referenzen, sind zwar Figuren zugeordnet, folgen aber keiner Dialogstruktur, mischen sich mit chorischen Passagen und Regieanweisungen. Ihnen wohnt eine Rhythmik und Musikalität inne, die sich eigentlich erst beim laut Sprechen offenbart. Köcks Schreiben ist assoziativ, komplex und poetisch, der Realität abgelauscht und historisch verfremdet, so vielgestaltig wie vielschichtig. Schwere Brocken also für Regie, Darsteller und Publikum. Eigentlich.

Aber Regisseur Michael Simon, geschult an Elfriede Jelineks Textflächenkunst, begreift Köcks wortmächtiges Stück in erster Linie als Material. Gemeinsam mit seinem Dramaturgen Tilman Neuffer hat er daraus die wichtigsten Erzählstränge und Kernthemen extrahiert, hat radikal gestrichen, Figuren zusammengelegt (aus wenzl bumsti hofer und frauke p. kickl wird hier der KicklHofer) oder ganz eliminiert (Zwerg und Marionette), reflektiert, improvisiert und bildet so eigentlich nicht den Text ab, sondern sein Verhältnis zum Text. Das Ergebnis ist ein blitzgescheiter Kommentar zur Gegenwart - dargebracht in einer kühnen Bildästhetik.

Köck nutzt in seinem Stück die historischen Geschehnisse um den österreichischen Bauernbefreier Hans Kudlich als Folie für seine Analyse der heutigen Verhältnisse. Er springt zwischen den Zeiten und verwebt Restauration, Rebellion und die Aufstände von 1848 mit Figuren und Ereignissen des 20. und 21. Jahrhunderts, mit Flucht und Freiheit, Fremdenhass und Populismus. Schon der Untertitel "eine anachronistische puppenschlacht" verrät, dass hier nicht nur mit dem Florett gefochten wird, sondern auch der Prügel aus dem Kasperltheater seinen Einsatz hat.

Aber Regisseur Michael Simon bringt beides auf kunstvolle Weise zusammen. Überhaupt übersetzt er Köcks sprachliche Vehemenz in kraftvolle Bilder. Als Präludium gibt es ein Ballett der Wörter: Während der Chor als Tableau vivant einer Katastrophe verharrt, schweben riesige Tafeln aus dem Bühnenhimmel. In Großbuchstaben, mal auf dem Kopf stehend, mal in Schwarz, Rot oder Gold, mal in Schwarz-Weiß finden sich darauf Begriffe wie "Werte", "Flexibilität", "Gemeinschaft", "Heimat", "Hass", "Wir", "Sie". "Fremdheit" steht auf einem angekokelten Hausdach. Und ist der Begriff "Konsens" nicht gar auf den Umriss Deutschlands gemalt? Dann schließt sich der Vorhang, und der Prolog über das Unbehagen der Gegenwart beginnt. Hier trifft Arabella Kiesbauer auf Georg Büchner und der Heimatchor des "outgesourcten Hasses" auf den Volks(lied)tümler Andreas Gabalier. Erst nach der überraschenden Pause springt Regisseur Michael Simon zurück ins Jahr 1848 zu Hans Kudlich und seinen revolutionären Bestrebungen und verquickt sie mit KicklHofers populistischen. Das Programmheft gibt dazu eine kleine Lektürehilfe.

Spannend ist vor allem, wie Simon die Bühne nutzt. An der Rampe entspinnt sich aus dem Schauspiel ein Puppenspiel. Die Darsteller stecken in comic-artig ausgepolsterten Kostümen und ziehen alsbald Handpuppenversionen ihrer selbst aus den Taschen, um mit ihnen ihre Schlacht fortzusetzen. Dazu baut Simon aus seinen riesigen Worttafeln eine Art Breitwand-TV-Kasperlbühne, wo KicklHofer & Co. sich medial in Szene setzen können.

Denn auch das ist ein großes Thema bei Simon: die Sprache, ihre Wirkung, ihre Inszenierung, ihre Deutungshoheit, ihre Macht, ihr Missbrauch, die Schlagkraft von Schlagworten. Sprache, die nicht mehr der Kommunikation dient, sondern um Massen zu bewegen. Sprache, die zum Politikum wird, weil sie nicht mehr nur Worte transportiert, sondern ganze Ideologien.

Köck überschreibt die Geschichte mit der Gegenwart. Und weil diese Sprache so bedeutsam ist, stellt der Regisseur sie auch bewusst in ihrer Klarheit und Schönheit aus. Zum einen grafisch, zum anderen lässt er seine fabelhaften Schauspieler die Texte sprechen wie Musik. Federleicht klingt das, komisch, ironisch. Mit Sandra Schreiber, Teresa Trauth, Ariane Andereggen, Enrico Spohn und Jan Gebauer hat er auch ein Darstellerquintett zur Verfügung, das vor Energie und Spielwut geradezu birst. Das präzise ist und präsent bis in die hintersten Bühnenwinkel. Das gekonnt aus den Rollen fällt, köstliche Bühnentode stirbt und die Kunst der Manipulation beherrscht. Und weil auch die Gender-Debatte bei Köck hereinspielt, übernehmen die Männer hier Frauenrollen und die Frauen die Männerrollen.

Alles stimmt an dieser Inszenierung: der klug eingestrichene Text, die eindrucksvolle Bühne, die herrlich puppigen Wunderland-Kostüme von Kerstin Grießhaber, der gut geführte 18-köpfige Chor (Ariane Andereggen) der Unzufriedenen, Ängstlichen, Selbstgerechten. "kudlich" ist anspruchsvoll, politisch relevant, aberwitzig und intelligent gemacht - und eine äußerst kurzweilige Anstiftung zur Revolution.

 

Weitere Termine: 26. und 28. März, 7., 11., 21. und 22. April. Am 11. April findet nach der Vorstellung ein Publikumsgespräch statt. Kartentelefon (08 41) 30 54 72 00.