Montag, 15. Oktober 2018
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Abschluss der Triathlon-Kolumne: DK-Journalist Christian Missy meistert in Beilngries seinen ersten Wettkampf

Zwei Antworten auf das Warum

Ingolstadt
erstellt am 26.08.2018 um 22:41 Uhr
aktualisiert am 11.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Nach vier Monaten Vorbereitung hat DK-Journalist Christian Missy am Beilngrieser Triathlon teilgenommen. Bei seinem Wettkampfdebüt erlebte er kleine Rückschläge, einsame Momente, finale Glücksgefühle - und fand die Antwort auf die Frage nach dem Warum.
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Man hört das ja immer wieder. Manch einem soll unmittelbar vor dem Ableben das eigene Leben vor dem inneren Auge vorbeiziehen. Nicht in Gänze freilich. Eher in bildhaften Episoden. Nun, es konnte noch kein Betroffener befragt werden, um diese Vermutung zu verifizieren, aber sollte es wirklich so sein, dann wird dieser Moment bei meiner persönlichen letzten Diashow dabei sein: Ich bin mitten im Main-Donau-Kanal, um mich herum rund 100 Menschen, die meisten im Gegensatz zu mir im Neoprenanzug. Countdown, Pistolenschuss, das Wasser gerät in Wallung. Weil die Sprint-Distanz des Beilngrieser Triathlons startet, fangen alle an zu schwimmen. Und weil ich daran teilnehme, tue ich es ihnen gleich. Füße landen in meinem Gesicht, Kanalwasser schwappt mir in den Mund. Nach vier Monaten Vorbereitung geht es jetzt endlich los.

Der (lange) Weg zum Triathlon

Es ist der finale Akt eines Experiments. Am Anfang stand die Frage nach dem Wie. Wie kann man sich als einigermaßen Untrainierter und komplett Unerfahrener auf einen Triathlon vorbereiten? Egal ob Koppeltraining, Rumpfstabilisation oder Analyse der Schwimm- und Lauftechnik: In der Essenz sind die Hauptzutaten Motivation und Überwindungskraft. Ich habe mit Personaltrainer Gerhard Budy bei einem Laktattest zu Beginn mein Blut, und kurz vor dem Wettkampf meinen Laufstil untersuchen lassen. Während rund 160 Kilometern in Laufschuhen, über 13000 Metern im Wasser und knapp 185 Kilometern auf dem Fahrrad stellte ich mir immer auch die Frage nach dem Warum, und zwar in zweierlei Hinsicht.

Vor dem Schwimmstart: Die Freude ist spürbar. - Foto: Zimmermann
Ingolstadt

Zunächst einmal: Warum ich? Die 750 Meter Schwimmen im Kanal habe ich - mal kraulend, mal brustschwimmend - hinter mich gebracht. Nach etwa 18 Minuten zieht man mich aus dem Wasser, beim Einstieg vor dem Einschwimmen hatte ich mir den Knöchel blutig geschlagen. In der Wechselzone will ich eigentlich elegant in mein Radshirt schlüpfen, ziehe aber so ungelenk am Reißverschluss, dass er kaputt geht. Während andere Teilnehmer wegen des Regens in der Jacke unterwegs sind, fahre ich nahezu oberkörperfrei. Ich fühle mich unwohl und scanne in Gedanken meinen Arbeitsvertrag. Den Passus "Der Arbeitnehmer verpflichtet sich, einmal im Jahr bei Nieselregen mit 300 anderen Wahnsinnigen einen Triathlon zu absolvieren" finde ich nicht. Also fahre ich los, es hilft ja nichts.

Das Radfahren, die zweite Disziplin. - Foto: Zimmermann
Ingolstadt

Es fühlt sich langsam an, wie ich da andauernd von anderen Radfahrern überholt werde, und einsam. Von der DNA her bin ich Ball- und vor allem Mannschaftssportler. Wenn man bei einem Handballspiel mal ein Tief hat, dann ruft jemand "Komm schon, Christian!". Und das hilft, weil da jemand ist, der einem beisteht. Ich versuche, konstant eine Geschwindigkeit von mindestens 30 Kilometern pro Stunde zu halten. Ich fahre nicht am Anschlag, anstrengend ist es trotzdem. Mein Shirt schlackert im Fahrtwind, zu allem Überfluss muss ich dringend für kleine Triathleten - nach gut 36 Minuten bin ich wieder in der Wechselzone.

Zu Beginn meiner Vorbereitung meinte jemand mal, ich würde irgendwann ein Runner's High bekommen: Beim Laufen würde sich ein Glücksgefühl einstellen. Weil es so gut läuft, so schmerzfrei, so euphorisch. Ich habe vier Monate lang vergeblich auch nur auf Spuren von diesem Runner's High gewartet. Ich habe es ernst genommen, ja. Aber Glücksgefühle? Ich kam immer über Kraft und Willen, nie über Eleganz und Technik. Mit einer Lauftechnik, einer Planierraupe deutlich ähnlicher als einer Antilope. Doch jetzt läuft es gut. Den ersten Kilometer lege ich in 4:22 Minuten zurück. Ich überhole andere Läufer. Den zweiten Kilometer renne ich in 4:34 Minuten. Ich verspüre auch keinen Harndrang mehr. Nach der Hälfte ruft meine Mutter am Streckenrand: "Komm schon, Christian!" Ich fühle mich gar nicht mehr einsam.

Gleich ist es geschafft. Nur noch ein paar Meter sind es bis ins Ziel. - Foto: Zimmermann
Ingolstadt

Nach 23 Minuten erreiche ich den Zieleinlauf. Auch so ein Moment, den ich nie vergessen werde, und der das zweite Warum beantwortet: Warum machen Menschen Triathlon? Weil man Grenzen verschiebt. Und zwar seine ganz eigenen. Weil auf jedes Tief auch ein Hoch folgt. Manchmal scheitert man an einem Reißverschluss und dann galoppiert man dem Harndrang davon. Mir schien das Ziel beim Triathlon immer weiter weg als bei anderen Sportarten, gewissermaßen am Horizont. Man erreicht ihn nur durch Arbeit am eigenen Körper, man braucht Bereitschaft und Motivation. Aber dann erreicht man zwei Ziele auf einmal. Eine Ziellinie, aber auch einen Körper, der viel Zeit und Hingabe erforderte. Und wie das so ist mit diesem Horizont. Sobald man ihn erreicht hat, gibt es einen neuen. Wahrscheinlich ist es genau das, was Triathleten an ihrem Sport so lieben. Mein Horizont war Beilngries. Nach vier Monaten und einer Endzeit von 1:23:23,8 Stunden fühlte sich die Ziellinie ziemlich gut an - und der Körper, der sie überquerte, auch.

Wie ein DK-Kollege Christian Missy beim Wettkampf wahrgenommen hat, lesen Sie hier

Christian Missy
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