Dienstag, 18. Dezember 2018
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Oliver Zeidler vom DRC Ingolstadt ist in nur zwei Jahren in die Weltspitze gerudert - Sein Ziel ist Olympia 2020

Der Senkrechtstarter

Ingolstadt
erstellt am 07.12.2018 um 22:42 Uhr
aktualisiert am 08.12.2018 um 01:17 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Vor zwei Jahren hat sich Oliver Zeidler vom DRC Ingolstadt zum ersten Mal in ein Ruderboot gesetzt. In diesem Jahr gewann er den Gesamtweltcup im Einer und fuhr bei der WM bis ins Finale. Der ehemalige Leistungsschwimmer gilt als Senkrechtstarter der Szene. Im kommenden Jahr möchte der Oberdinger (Landkreis Erding) die Qualifikation für Olympia 2020 schaffen.
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Selbst um diese Jahreszeit zieht Oliver Zeidler auf der Regatta-Strecke in Oberschleißheim seine Bahnen.
Selbst um diese Jahreszeit zieht Oliver Zeidler auf der Regatta-Strecke in Oberschleißheim seine Bahnen.
Bird
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Die untergehende Wintersonne taucht die Oberschleißheimer Ruderstrecke in rötliches Licht. Für viel Wärme sorgt sie nicht, es hat gerade einmal vier Grad. Über das zweieinhalb Kilometer lange Becken hat sich eine Stille gelegt, die etwas Majestätisches an sich hat. Der mächtige Zuschauerrang ist menschenleer, alle Bootsgaragen sind verschlossen. Bei den Olympischen Spielen von 1972 sind hier Sportler aus der ganzen Welt um Medaillen gerudert, heute scheint die Anlage wie ausgestorben.

Aus der Ferne nähert sich ein Ruderboot. Die Paddel stechen rhythmisch ins Wasser, kraftvoll schieben sie das Skiff an. Oliver Zeidler legt an und schlüpft in seine schwarzen Adiletten, die er auf dem Holzsteg zurückgelassen hat. Plötzlich steht dort ein Zwei-Meter-Hühne und streckt seine Hand entgegen, die so groß ist wie ein Nachspeisenteller. Unter einer Wollmütze kommen die verschwitzten, blonden Haare zum Vorschein. Sein Gesichtsausdruck wechselt von konzentriert auf freundlich. Trainingsmodus aus, Gesprächsmodus an.

"Hier bin ich vor zwei Jahren das erste Mal in ein Ruderboot gestiegen", sagt Zeidler. Auf seinen breiten Schwimmerschultern trägt er sein Boot in die Garage. Eigentlich wollte er das Rudern nur mal so ausprobieren, zum Spaß, wie der 22-Jährige sagt. Zeidler stammt aus einer Ruderfamilie, sein Opa Hans-Johann Färber gehörte dem legendären "Bullenvierer" an, der 1972 zu Olympia-Gold ruderte. Auch Papa Heino Zeidler war einst im Zweier in der Weltspitze unterwegs. Der Spreewälder schrammte 1994 nur knapp an einer WM-Medaille vorbei. Olivers Schwester Marie-Sophie Zeidler (19), gilt als großes Talent unter den Deutschen Ruder-Damen.

Und Oliver? Mit sieben Jahren war er zu jung fürs Rudern und ging zum Schwimmverein. Es lief - und er blieb dabei, entwickelte sich zu einem der Besten im deutschen Nachwuchs. 2014 und 2015 ließ er die nationale Konkurrenz seines Jahrgangs auf 100 Meter Freistil hinter sich. 2016 löste sich seine Münchner Trainingsgruppe nach den Olympischen Spielen in Rio auf, Zeidlers Motivation war weg. "Und dann hat er gesagt, ich probier' das Rudern mal aus. Wir sind hierher gefahren und Olli ist ins Boot gestiegen", sagt Papa Heino und lässt den Blick über die Regattastrecke schweifen. Er trainiert Oliver und fährt bei jeder Einheit mit dem Auto an der Strecke entlang.

Damals habe sein Sohn aufpassen müssen, nicht ins Wasser zu fallen. Jetzt spricht Heino Zeidler von Olympia. "Das kann man nicht so planen, das ist ja Wahnsinn." Innerhalb von zwei Jahren hat Oliver Zeidler es geschafft, in die Weltspitze zu rudern. Seinen ersten großen Erfolg erzielte er auf einem Ergometer, 2017 gewann er die Deutsche Meisterschaft. Er startet für den Donau Ruder Club in Ingolstadt, wie seine Schwester. Der DRCI hätte mehr zu bieten, als die Vereine in München, die wenig Interesse an dem Newcomer hatten.
Spross einer Ruderfamilie: Oliver Zeidlers Großvater gewann 1972 Olympia-Gold, sein Vater Heino Zeidler ruderte in den 1990er-Jahren in die Weltspitze. Nun trainiert er seinen Sohn.
Spross einer Ruderfamilie: Oliver Zeidlers Großvater gewann 1972 Olympia-Gold, sein Vater Heino Zeidler ruderte in den 1990er-Jahren in die Weltspitze. Nun trainiert er seinen Sohn.
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"Oliver Zeidler ist eine Ausnahmeerscheinung im Rudersport", sagt Bundestrainer Ralf Holtmeyer, der gerade auf dem Weg nach Italien zum Trainingslager der Ruder-Damen ist. "Was er da geschafft hat, ist schon beeindruckend." Doch wie wirkt das auf Konkurrenten, die schon seit vielen Jahren hart trainieren? Ein 22-Jähriger entscheidet spontan, vom Schwimmen aufs Rudern umzusteigen - und ist so gut, dass er den Gesamtweltcup in seiner ersten Saison gewinnt. "Den ein oder anderen Spruch musste ich mir schon anhören", sagt Zeidler. Doch ihn spornt das eher an. Vor allem, weil er bewiesen hat, dass er mit seinen Muskeln nicht nur Ergometer zum Surren bringt, sondern auch das Boot beherrscht. Das sagt Zeidler stolz.

Trotz seiner Erfolge und der vielen Medienberichte scheint er noch immer der "junge Mann von nebenan" zu sein, wie sein Vater sagt. Was abgedroschen klingt, scheint schlicht zu stimmen: Ein duales Studium in Steuerrecht und Städtereisen - am liebsten nach Barcelona - das ist Zeidlers Welt. Und wenn zwischen Training, Arbeit und Lernen noch Zeit ist, grillt er gerne mit Freunden. "Und ich bin noch einer derjenigen, die oft dabei sind!"

Bundestrainer Holtmeyer warnt davor, die Erwartungen an das Talent zu hoch zu schrauben, denn die Leistungskurve werde irgendwann flacher. "Man muss immer aufpassen, dass man solche Leute nicht verheizt", sagt er. Doch die Zeidlers wollen gleich den großen Wurf: Die Qualifikation für Olympia 2020 in Tokio. Und dort vorne mitrudern. "Er ist nicht der Typ, der nur teilnimmt", sagt Holtmeyer über Zeidlers großen Ehrgeiz.

Dass es aber nicht immer nur bergauf geht, hat Zeidler im WM-Finale erfahren. Der Wind blies heftig von der Seite, eines seiner Paddel verhedderte sich kurz nach dem Start in einer Leine. Zeidler musste zusehen, wie fünf Fahrer vor ihm die Ziellinie überquerten - und war enttäuscht. "Es wäre mehr drin gewesen als der sechste Platz", sagt er und hat vermutlich Recht. Es mangelt ihm an Erfahrung, das weiß er selbst. Er will weiter an sich und seinem Wassergefühl arbeiten, um im kommenden Jahr das Ticket für Tokio zu lösen. Die Voraussetzungen bringt der Zwei-Meter-Mann mit. "Bis das Wasser friert, trainieren wir draußen", sagt er.

Julian Bird
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