Sonntag, 18. November 2018
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Mit seinem selbst zusammengebauten VW-Golf überrascht der Alfershausener Thomas Richter als bester Neueinsteiger

Vom Edelfan zum Rookie-Meister im Berg-Cup

Alfershausen
erstellt am 07.11.2018 um 14:31 Uhr
aktualisiert am 16.11.2018 um 18:33 Uhr | x gelesen
Alfershausen (HK) Mit seinem selbst zusammengebauten VW Golf 1 ist Thomas Richter Anfang des Jahres beim Berg-Cup in der KW Gruppe H an den Start gegangen. Nach einigen Rückschlägen zu Beginn kam der 49-jährige Alfershausener bei dieser hochdotierten Club-Meisterschaft im Bergrennsport immer besser in Fahrt und schloss die Saison als bester Neueinsteiger ab.
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Mit seinem selbst zusammengeschraubten VW Golf macht Thomas Richter die Straßen im Berg-Cup unsicher.
Mit seinem selbst zusammengeschraubten VW Golf macht Thomas Richter die Straßen im Berg-Cup unsicher.
Osswald
Alfershausen
Der aus Alfershausen nur unweit der legendären Eurohill Bergrennstrecke in Obermässing stammende 49 Jahre alte Mittelfranke baute den Rennwagen voon 2013 bis 2018 mit seinen Freunden zusammen. Rund 300 PS leistet der Zwei-Liter-Minichberger-Motor, der aus einem Audi STW aus dem Rundstreckensport stammt. Nach anfänglichen Kinderkrankheiten lief der Golf am Ende wie ein Uhrwerk und begeisterte die Fans an der Strecke regelmäßig. Apropos Fans: Entstanden Thomas Projekt "am Berg" als Zuschauer. Beim Besuch der Bergrennen überlegte er immer, mit was er wohl an denn Start gehen würde, fachsimpelte mit den Fahrern und begeisterte sich für die Technik. Gesagt getan und so entstand dieser Golf in Eigenregie. Alt an dem Fahrzeug ist nur die Silhouette, also das Chassis. Die verbaute Technik wie die Sicherheitszelle, das sequentielle Getriebe, eine elektro-hydraulische Lenkradschaltung, ein Renn-ABS oder die Traktionskontrolle sind heutzutage nicht mehr aus einem modernen Rennfahrzeug wegzudenken. Vorher noch nie im Motorsport aktiv als Fahrer unterwegs gewesen, flog er zur Vorbereitung nach Lappland, wo er in einem Trainingscamp von Audi das Fahren auf Schnee und Eis im Grenzbereich beherrschen lernte. Die Saison begann im April am Schottenring Bergrennen. Die erste Fahrt mit dem neuen Wagen war zugleich auch die erste Testfahrt. Da der Wagen in letzter Sekunde vor dem Rennen fertiggestellt wurde, musste die Jungfernfahrt an einem freien Trainingstag in Schotten vorgenommen werden. Jedoch konnte er nur eine Auffahrt hinter sich bringen. Auf dem Weg zur technischen Abnahme gab es ein Problem mit dem hydraulischen Absperrhebel der Handbremse auf einer Seite und so verklemmte sich ein Bremssattel bei der ersten Trainingsfahrt. Ein weiterer Start war an diesem Wochenende aufgrund des entstandenen Schadens nicht mehr möglich. Den nächsten Renntermin nur eine Woche später im luxemburgischen Eschdorf musste Thomas einen Tag vor dem Rennen absagen, da das Schicksal wieder zugeschlagen hatte. Nach einer Optimierung am Fahrwerk wurde beim Verladen des Golfs festgestellt, das im Radhaus etwas beim Einlenken der Vorderräder schleift. Um kein Risiko einzugehen und das Problem in Ruhe näher zu analysieren wurde der Wagen wieder in die Werkstatt gerollt.

Zu Pfingsten ging es nach Wolsfeld in die Eifel. Alles war perfekt vorbereitet und Thomas konnte alle Läufe in seinem ersten Bergrennen ohne größere Probleme hinter sich bringen. Auch wenn er in seiner Zwei-Liter-Klasse die rote Laterne inne hatte, konnte er zufrieden die Heimreise antreten. Das Fahrzeug hatte seine erste Bewährungsprobe ohne Ausfall überstanden. Unmittelbar danach ging es nach Bad Liebenstein in Thüringen zum Glasbachrennen: Ein Bergeuropameisterschaftslauf auf einer über fünf Kilometer langen Rennstrecke. Und wieder meinte es das Schicksal nicht gut mit ihm. Beim Warmlaufen des Motors für die Fahrt zur technischen Abnahme am
Freitagabend traten Probleme mit dem Rundlauf des Motors auf. Nach Rücksprache und einer Ferndiagnose per Laptop mit der Motorenbaufirma wurde beschlossen auf einen Start zu verzichten. Also war Thomas an diesem Wochenende erneut zum Zuschauen gezwungen. Im Training zum Ibergrennen in Heilbad Heiligenstadt war der Golf in den ersten zwei Trainingsläufen am Start der schnellste frontangetriebene Rennwagen. Doch das Glück währte nur kurz als beim Einparken in das Rennzelt nach dem zweiten Trainingslauf ein Kabel am Lenkrad abriss. Das Schalten mit den Lenkrad-Schaltwippen war nicht mehr möglich und der
Schaden am Ort nicht reparabel.
 
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Es war ein Schaden den Thomas und seinen Mechaniker Michael noch vor große Probleme stellen sollte. Das Fahrzeug sollte nicht mit eingelegtem Gang transportiert werden, stand allerdings mit eingelegtem Rückwärtsgang im Rennzelt. Mit dem Servicelaptop konnten die zwei jedoch die Steuerung überlisten und den eingelegten Gang per Schaltbefehl entfernen, um dann im Laufe des Abends das Fahrzeug verladen zu können. So traten sie Sonntagmittag die Heimreise an, um den Golf schnellstmöglich für das nächste Rennen zu reparieren.

Weiter ging es ins österreichische Sankt Anton an der Jeßnitz. Das von vielen Zuschauern gut besuchte Rennen verlief bei Kaiserwetter ohne Probleme. Das Rennteam fand guten Anklang bei den Fans und musste in der Box dem Publikum Rede und Antwort zur Technik des Fahrzeuges stehen. Zum Schluss gab es jedoch wieder nur die rote Laterne in dem stark besetzten Feld. Beim Bergrennen in Homburg lief dann ebenfalls alles wie am Schnürchen. Das Fahrwerk wurde nochmals für den welligen und winkligen Kurs überarbeitet und die rote Laterne gab Thomas nun endlich an einen anderen Fahrer ab. Jetzt ging es nach Hausen in die Rhön zum Hauenstein Bergrennen. Hoch motiviert blies Thomas hier zur Attacke und steigerte sich hoch auf Platz 18. Zufrieden trat man diesmal nicht die Heimreise an, sondern fuhr direkt weiter zum nächsten Rennen nach Osnabrück. Ebenfalls ein Bergeuropameisterschaftslauf. Hier steigerte sich Thomas auf Platz 14 von 31 Fahrern - und dies im ersten Jahr als Rennfahrer. Für das nächste Rennen im unterfränkischen Eichenbühl musste Thomas die Getriebeübersetzung verändern. Auf der schnellen und anspruchsvollen Strecke war ein längeres Getriebe notwendig, um nicht längere Zeit im Begrenzer zu fahren und Zeit zu verlieren. Dann folgte der Schock kurz vor dem ersten Training: Der Golf nahm kein Gas mehr an. Schnell wurde der Fehler ausfindig gemacht. Eine Schraube an der Befestigung für den Gaszug zur Drosselklappe fehlte. Schnell wurde Ersatz beschafft und das erste Training konnte beginnen. Dort tauchten immer wieder Probleme mit der Schaltung auf, die Thomas und sein Team aber bis zum Rennsonntag lösten. Im Training noch auf Platz 19 von 31 Startern, verbesserte sich Thomas am Renntag auf Platz 15.

Gut vorbereitet für das letzte Rennen im Bergcup ging es nochmal nach Sankt Agatha in Österreich. Kaum hatte man es sich im Fahrerlager eingerichtet,
schlug über Nacht ein Sturm zu. Zum Glück waren ein ortsansässiger Landwirt und das Team von Sabine Röck zur Stelle und boten Hilfe und einen Platz zum Unterstellen an. Kollegial teilte man sich ein Rennzelt, das an dem verregneten Rennsonntag
auch von Nöten war. Bis zu diesem verregneten Tag fanden alle Rennen bei trockenen Bedingungen statt und es musste noch an einem Nass-Setup gearbeitet werden. Am Ende des Rennens stand es nun fest: Thomas Einsatz wurde mit dem Rookie-Titel als bester Neueinsteiger belohnt. Die Siegerehrung des KW-Berg-Cup fand am Wochenende in Bad Mergenheim statt. Hier nahm Thomas die Ehrung entgegen. Er dankt seinen Schraubern Michael Koster, Falk Full und Thomas Leng sowie allen Rennkollegen und Sponsoren, die ihm mit Rat und Tat zur Seite standen. Für 2019 hat Thomas den Start bei der Europameisterschaft österreichischem Rechberg geplant und natürlich will erneut am Berg-Cup teilnehmen. Bleibt nur noch zu sagen: "Ist der Berg auch noch so steil a bissl was geht allerweil!"
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