Der US-Präsident sagte vor seinem Abflug nach Europa, sein Treffen mit Wladimir Putin könne der leichteste Termin werden. Zwei weitere auf seinem Reiseplan - ein im Vereinigten Königreich höchst umstrittener Besuch in London und der Nato-Gipfel in Brüssel - scheinen für ihn lästige Pflicht zu sein. Ausgerechnet den Besuch beim Klassenfeind der Nato und eben nicht den Termin mit den Verbündeten macht Donald Trump also zu seinem Highlight.

Als würde das nicht reichen, um den Partnern in Übersee die Zornesröte ins Gesicht zu treiben, legt Trump in Brüssel angekommen nach. Aus einem Plausch mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg entsteht eine fünfminütige Tirade, die das Klima des so wichtigen Gipfels mit einem Schlag vergiftet. Der US-Präsident echauffiert sich über die wirtschaftliche Zusammenarbeit einiger europäischer Staaten mit Moskau. Vor allem Deutschland hat er im Visier. Es sei ein "Gefangener Russlands". Wenn man bedenkt, dass Teile der heutigen Bundesrepublik bis 1989 unter russischem Einfluss standen, kann man über eine solch unreflektierte und zutiefst beleidigende Äußerung eigentlich nur den Kopf schütteln.

Hintergrund des Ärgers ist der geplante Bau der Gas-Pipeline "Nord Stream II" durch die Ostsee. In der Tat hat dieses wild debattierte Projekt mehr Feinde als nur den Mann im Weißen Haus. Polen etwa fühlt sich im wahrsten Sinne umgangen und viele Kritiker fürchten - genau wie Trump - die Abhängigkeit von Russland bei der Energie- und Wärmeversorgung.

Der US-Präsident macht sich aber keine Sorgen um Deutschland oder die Europäer. Viel mehr ärgert ihn, dass niemand sein mittels Fracking der Erde abgerungenes Gas kaufen mag. Außerdem vermengt er den Pipeline-Bau mit seinem Lieblingsthema: Rüstungsetats. Statt Milliarden für russisches Gas auszugeben, solle Berlin lieber ins Militär investieren.

Um eine möglichst heftige Kritik an den Verbündeten der USA formulieren zu können, wirft Trump also alle auffindbaren Baustellen in einen Topf, rührt kräftig um und dreht die Hitze hoch. Dass Amerika in den Nato-Partnern seit Jahrzehnten treue Unterstützer in Afghanistan, im Kampf gegen den Terror oder an den Fronten des Bündnisses hat, ist ihm nichts wert. Er sollte langsam wirklich aufpassen, damit er die allerletzten Freunde seines Landes nicht vergrault.