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"Christlicher Glaube verträgt keine Radikalisierung"

Herr
erstellt am 01.12.2016 um 20:09 Uhr
aktualisiert am 09.01.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Heute vor zehn Jahren ist Gregor Maria Hanke zum Bischof von Eichstätt geweiht worden. Zurückblicken auf das Vergangene wollte der Benediktiner nicht. Wir haben dennoch mit ihm gesprochen über die aktuelle Situation von Kirche und Gesellschaft.
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Herr: "Christlicher Glaube verträgt keine Radikalisierung"
Foto: Marco Schneider
Herr

Herr Bischof, bei einem Besuch in einer Justizvollzugsanstalt vor einigen Wochen nannten sie eine Zelle einen "Lebensraum der Veränderung". Vermissen Sie nach zehn Jahren als Bischof ihre Zelle im Kloster Plankstetten

Gregor Maria Hanke: Ich glaube, dass die Einfärbung des klösterlichen Lebens stark ist. Ich habe vieles vom benediktinischen Geist mitgenommen. Natürlich ist das klösterliche Leben etwas Kostbares, damit ist auch Vermissen verbunden. Aber ich möchte nicht im Sinn einer Nostalgie sprechen: Der Weg mit Gott lässt uns Augenblick und Zukunft ernst nehmen. Von daher braucht man nicht zurückschauen, sondern soll dankbar sein. Ich fühle mich berufen, froh in die Zukunft zu schauen. Wie man mir aber äußerlich ansehen kann, bin ich immer noch Benediktiner.

 

Wie oft sind sie noch in Plankstetten?

Hanke: Es ist immer sehr schwierig, längere Zeiträume im Kloster zu sein. Die zweiten Feiertage versuche ich, in der Gemeinschaft zu verbringen. Ansonsten sind spontane Besuche nicht so einfach: Stellen Sie sich vor, man fiele in das rhythmisierte Leben ein. Das wäre nichts. Solche Termine müssen geplant sein.

 

Aber der Konvent sieht sie noch als einen der seinen?

Hanke: Ich bin noch als Plankstettener Mönch geführt.

 

Und haben noch eine Zelle dort.

Hanke: Nein. Es ist umgebaut worden, und ich habe mit dem Abt besprochen, dass man keinen Raum blockieren muss. Zwischen Eichstätt und Plankstetten ist es keine Weltreise.

 

Papst Benedikt hat Sie vor zehn Jahren zum Bischof ernannt, mittlerweile regiert Papst Franziskus. Was unterscheidet die beiden Päpste in Ihren Augen?

Hanke: Beide Päpste ergänzen sich. Benedikt war ein großer Denker und Theologe. Franziskus ist ein Mann der Pastoral. Er bringt die Herausforderungen, denen sich die Kirche in Lateinamerika gegenübersieht, auf erfrischende Weise in unsere europäische Denke - etwa, wenn er sagt, wir müssen an die Ränder gehen. Das ist ein starker missionarischer Impuls. Er macht das mit einer starken Bildersprache: Ich denke an seinen Besuch auf Lampedusa. Beides gehört zusammen - theologische Reflexion und Hirtendasein. Beide Pontifikate sind kein Gegensatz.

 

Franziskus ist ein Mann, der die Gläubigen mehr mitnimmt. Sie haben davon gesprochen, dass sich die Kirche mehr auf spirituelle, kleinere Gemeinschaften zurückbesinnen soll, um das Wort Gottes zu verkünden.

Hanke: Das ist genau die Linie, die Papst Franziskus unterstreichen würde in seiner lateinamerikanischen Erfahrung mit Basisgemeinden und Hauskirchen.

 

Aber kleine Gemeinschaften gehen doch weg von der Idee der pastoralen Räume Ihrer Diözese, die immer größer werden.

Hanke: Deswegen müssen wir lernen, diese pastoralen Räume als Gemeinschaft von Gemeinschaften zu gestalten.

 

Wie soll das gehen?

Hanke: Wir müssen die Menschen einladen, kleinteiliger zu denken, sich in ihren dörflichen Filialen und Kirchen zum Gebet zu versammeln, Hauskirchen aus mehreren Familien zu bilden, Bruderschaften zu Räumen geistlicher Begegnung zu machen, Weggemeinschaft zu bilden.

 

Kann man das den Gläubigen vermitteln?

Hanke: Im ländlichen Raum dürfte das im Augenblick noch schwerer Aufnahme finden. Da ist eine hohe Identifikation mit der Kirche am Ort da, es gibt viel Ehrenamt. Aber im städtischen Bereich - ich denke da an unseren Nürnberger Süden - kann man mit solchen pastoralen Wegen mutig in die Zukunft gehen.

 

Das heißt aber auch mehr Verantwortung für Laien.

Hanke: Natürlich. Es gibt teilweise noch sehr ausgeprägt die Einstellung: warten, bis der Pfarrer etwas macht. Wenn der Pfarrer etwas nicht macht, schreibe ich einen Beschwerdebrief. Wir tragen gemeinsam Verantwortung. Der Priester hat den Leitungsdienst, aber einen geistlichen. Er muss zusammenführen, Futter geben, dass die Menschen spüren, die Verkündigung der Kirche will mein Leben verändern.

 

Es gibt in der Politik Strömungen, gegen die sich mancher deutliche Worte von der Kirche wünscht.

Hanke: Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass mein Christsein mich zunächst nicht dazu befähigt, dass ich von vornherein ein besserer Politiker bin. Aber als Bischof bin ich berufen, christliche Eckwerte zu skizzieren. Wenn die Gesellschaft in ökonomischer Hinsicht auseinanderdriftet, wenn sich Gräben auftun, dann ist es nicht meine Aufgabe, der Politik vorzuschreiben, was sie zu tun oder zu lassen hat. Aber ich kann von der christlichen Soziallehre her Impulse geben.

 

Kardinal Lehmann hat die AfD unlängst als "für Christen nicht wählbar bezeichnet".

Hanke: (überlegt lange) Ich würde grundsätzlich sagen, ein christlicher Glaube verträgt keine extreme politische Position, keine Radikalisierung. Ich bin gegen den rechten wie den linken Extremismus. Politische Extreme sind im Widerstreit mit unserem christlichen Menschenbild. Mit dieser Sicht soll der mündige Christ in die Politik gehen, prüfen und entscheiden. Als Bischof würde ich keine Hirtenbriefe schreiben wollen, welche Partei zu wählen ist und welche nicht. Was die AfD betrifft, scheint mir diese auf Protest basierende Partei eine Sammelbewegung zu sein, die nicht nur unzufriedene und enttäuschte Menschen anspricht, sondern ebenso politisch Extreme von rechts bewegt, sich unter diesem Dach zusammenzufinden.

 

Können Sie mit dem Begriff "Leitkultur", wie er im CSU-Programm verankert ist, etwas anfangen?

Hanke: Diesen Begriff halte ich für nicht sonderlich zielführend. Kultur ist etwas Vereinigendes. Kultur ist etwas, das nie fertig und stets im Fluss ist und vielerlei Manifestationen hat. Der Begriff ,Leitkultur' birgt mir die Gefahr, dass er ausschließend wird. Ich ahne, was gemeint sein könnte, es geht um Grundvoraussetzungen für Identität. Aber das hätte man anders ausdrücken können.

 

Sind dann Aussagen wie von CSU-Generalsekretär Scheuer, dass wir den "ministrierenden Senegalesen nicht mehr losbekommen", in so einem Umfeld hilfreich?

Hanke: Ich bin ein Mann der Kirche, der Menschen einlädt, zu einer Beziehung zu Jesus Christus zu finden. In dieser Beziehung haben wir doch alle Platz. Als Jünger Jesu sind wir Geschwister: Das ist die erste Globalisierungserfahrung der Welt.

 

Unter dieser Prämisse haben Sie auch in der Flüchtlingskrise reagiert und als einer der ersten Bischöfe ein Haus geöffnet.

Hanke: Es war ein symbolischer Beitrag, um zu zeigen, wie wir als Christen diesem Problem antworten müssen: mit dem Glauben. Deswegen ist es ganz logisch, dass man solch eine Möglichkeit bietet, Flüchtlinge, Fremde, die in der Heiligen Schrift eine große Rolle spielen, aufzunehmen. Ich habe bei beiden Asylgipfeln in der Staatskanzlei aber immer darauf hingewiesen, dass wir eine integrierte Flüchtlingspolitik brauchen.

 

Was meinen Sie damit?

Hanke: Wir müssen die Ursachen der Migration anschauen und vor Ort helfen. Die Konflikte im Nahen Osten sind doch nicht vom Himmel gefallen. Da haben wir westlichen Industrienationen ordentlich gezündelt, aber lange die Augen verschlossen. Und wenn die Not bei uns anklopft, sind wir ebenfalls gerufen.

 

Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff hat gesagt "Der Islam gehört zu Deutschland". Können Sie das unterstreichen?

Hanke: Ich würde sagen, die Muslime, die hier wohnen und unsere Nachbarn sind, gehören zu Deutschland. Wenn Wulff aber sagt, d e r Islam gehört zu Deutschland, muss ich fragen, welchen Islam meint er? "Den" Islam gibt es gar nicht.

 

Wir erinnern uns an 500 Jahre Reformation. Was verbinden Sie mit der Person Martin Luthers?

Hanke: Für mich ist Luther im großen Kontext dieser Zeit des Umbruchs zu sehen. Er war vielleicht deren Spitze und das markanteste Sprachrohr. Es gab viele Reformversuche vor Luther, aus denen er auch geschöpft hat. Die etablierte Kirche hat das nicht ernst genommen. Andererseits hat Luther aus seiner Verbitterung heraus eine innere und äußere Gegnerschaft entwickelt.

 

Das hat dann zur Kirchenspaltung geführt. Wie kann man das wieder kitten?

Hanke: Im Rückblick auf die letzten 50 Jahre ist in der Ökumene enorm viel gewachsen. Wir haben gelernt, miteinander zu beten, einander zu respektieren, uns anzunähern. Ich denke an das Rechtfertigungspapier. Das wäre vor 100 Jahren nicht denkbar gewesen. Diesen Weg der Ökumene müssen wir weitergehen. Aufeinanderzugehen, Wohlwollen schenken, einander aushalten.

 

Sehen Sie da ein Ziel?

Hanke: Ich hoffe, dass der Herrgott das Ziel sieht. Wir tun, was wir tun können.

 

Zur Katholischen Universität: Man hat den Eindruck, Sie haben sich seit 2010 zurückgezogen und das Feld Kardinal Marx und Herrn Losinger überlassen.

Hanke: Ich bin nicht abserviert worden, ich habe eine Strukturreform angeleiert. Sie sollte die KU dem Odium der Provinzialität entheben. In der Vergangenheit wurde sie doch nur als Eichstätter Geschichte angesehen. Sie ist unsere gemeinsame Einrichtung. Ich habe Marx bedrängt, er hat sich nicht danach gerissen. Jetzt mit seinen vielen Aufgaben geht es nicht mehr. Sollte ich wieder einsteigen? Dann hätten wir in Kürze dieselbe Schablone. So kam die Idee mit Losinger.

 

Ist ein Engagement der gesamten Deutschen Bischofskonferenz für die KU möglich?

Hanke: Wir können inzwischen zumindest darüber diskutieren. Vor zehn Jahren wäre das nicht möglich gewesen. Natürlich ist im Moment keine Bereitschaft für eine Pauschalunterstützung da. Man könnte sich im derzeitigen Stadium entschließen, projekt- oder fachbezogen zur Profilierung beizutragen.

Wie sehen die Finanzen Ihrer Diözese aus?

Hanke: Im Moment sind die Kirchensteuereinnahmen nicht schlecht, wobei wir in den zurückliegenden Jahren in die Rücklagen greifen mussten. Da hatten uns Großprojekte und auch Personalkostensteigerungen in die Enge getrieben.

 

Sie arbeiten derzeit an der Zusammenstellung der Finanzen.

Hanke: Wir wollen nach HGB bilanzieren. Was haben wir davon? Wir wissen dann, wie wir mit den eingehenden Finanzmitteln planen müssen. Wir wissen, wo Verbindlichkeiten, wo Risikofaktoren sind. Vor allem haben wir ein Steuerungsinstrument in der Hand, um viel stärker die pastoralen Notwendigkeiten abbilden zu können.

 

Gibt es noch Gelder für Kindergärten?

Hanke: Wir wollen sie, aber wir bauen keine neuen. Das ist primär kommunale Aufgabe. Dort, wo eine Kommune einen Kindergarten errichtet und ihn der Pfarrgemeinde übergibt, macht sie noch viel Plus. Viele Kommunen sehen das inzwischen auch so, manche noch nicht.

 

Einen Rückblick auf zehn Jahre Bischof Gregor Maria Hanke finden Sie hier.

 

Das Gespräch führten

Marco Schneider

und Hermann Redl.

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