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Der märchenhafte Aufstieg der Marmeladenoma

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erstellt am 12.12.2017 um 20:54 Uhr
aktualisiert am 29.01.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
Berlin/Ettlingen (DK) "Es war einmal ein braver Bube, der filmte seine liebe Großmutter beim Vorlesen." So könnte das Märchen von der Marmeladenoma beginnen. Doch diese Geschichte ist kein Märchen, sondern wahr. Jeden Samstagabend streamt der 15-jährige Janik die Märchenstunde seiner 86 Jahre alten Großmutter im Internet. Mittlerweile hat die Oma fast 200 000 Fans und ist gefeierter YouTube-Star.
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Foto: DK
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Als Janik mit suchendem Blick den großen Plenarsaal des Berliner Abgeordnetenhauses betritt, wirkt er wie jemand, der nicht weiß, wo er hin soll und nicht im Weg stehen möchte. Dabei sind viele der Gäste nur wegen ihm und seiner Oma hier. Gleich wird den beiden im Rahmen einer festlichen Gala des Deutschen Zentrums für Märchenkultur die Auszeichnung Goldene Erbse verliehen. Neben Janik stützt seine Oma Helga Sofie Josefa sich auf ihren Rollator. Auch wenn ihr das Gehen schwerfällt, wirkt sie so entspannt, als hätte sie ihr ganzes langes Leben vor großem Publikum verbracht.

Dabei hat ihr Enkel sie erst vor wenigen Monaten zum Internet-Star gemacht. Früher besuchte Janik jedes Wochenende seine Oma in Ettlingen (Baden-Württemberg). Die beiden spielten zusammen mit Lego, und bevor er zu Bett ging, las seine Oma ihm noch ein Märchen vor. Doch irgendwann war der Enkel dem Lego- und Märchen-Alter entwachsen und installierte sich bei seiner Oma einen Computer.

Von nun an verbrachte Janik immer mehr Zeit vor dem Bildschirm und seine Oma mehr Zeit mit ihren Büchern. Weil er jedoch viel lieber wieder etwas mit anstatt nur neben ihr machen wollte, überlegte Janik sich, wie man sein Interesse für Computer und Omas Leidenschaft für Geschichten unter einen Hut bringen könnte. Die Idee des Märchen-Livestreams war geboren. Weil seine Oma die beste Marmelade der Welt kocht, nannte Janik das Format "Die Marmeladenoma". Ein paar Tage später las Helga im zum Fernseh-Studio umfunktionierten Kinderzimmer das erste Mal vor einem virtuellen Publikum.

"Am Anfang waren wir ja nur eine kleine schnuckelige Sendung mit ein paar treuen Fans, aber dann kam Gronkh", berichtet die Marmeladenoma. Es gibt wohl nur wenige 86-Jährige, die wissen, wer oder was Gronkh ist. Helga hingegen weiß, dass "der liebe Gronkh" einer der erfolgreichsten deutschen YouTuber mit fast 4,7 Millionen Abonnenten ist. Und dieser Gronkh landete zufällig auf Helgas Livestream, verliebte sich in die vorlesende Oma und empfahl seinen Fans ihre Märchenstunde. Kurz darauf brach der Stream unter dem Ansturm zusammen. Mittlerweile läuft die Liveübertragung wieder ruckelfrei, die Videos wurden bislang mehr als acht Millionen Mal angesehen, auf YouTube haben die Marmeladenoma und ihr Enkel, die zum Schutz ihrer Privatsphäre ihre Nachnamen nicht preisgeben wollen, mittlerweile rund 190 000 Abonnenten.

Fast drei Viertel von ihnen sind männlich, über 60 Prozent sind zwischen 18 und 34 Jahre alt und alle flüchten sich am Samstagabend gerne zwei Stunden in eine heile Welt. Dann liest die Marmeladenoma teilweise recht holprig, aber mit warmer Stimme vier Märchen vor, beantwortet Fragen ihrer Fans und erzählt, wie sie vor 82 Jahren Weihnachten gefeiert hat oder eine andere Geschichte aus ihrer Kindheit. Dass ein böser Wolf mit Wackersteinen gestopft wird oder ein geküsster Frosch sich in einen Prinzen verwandelt, ist das Aufregendste, was in diesen Stunden passiert. Wohl kaum jemand im Internet bedient die Sehnsucht nach Ruhe, Geborgenheit, Entschleunigung, heiler Welt und Eskapismus besser als die Marmeladenoma. Bevor sie die Goldene Erbse gewannen, räumten Janik und seine Oma deshalb in diesem Jahr in der Kategorie Livestream bereits den begehrten Webvideopreis, die Internetversion des deutschen Fernsehpreises, ab.

"Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich Dinosaurier da überhaupt mitmache. Ich hatte früher eine regelrechte Abneigung gegen das Internet. Es hat mich gestört, dass die jungen Leute ständig am Computer sitzen und auf ihre Handys starren", sagt die Oma, die als junge Frau noch auf Feuer gekocht hat, bis heute keinen Geschirrspüler besitzt - "brauche ich nicht" -, ihr Handy - "also so ein normales, nicht so ein Smartphone" - ausgeschaltet in einer Schublade aufbewahrt und Musik am liebsten vom Plattenspieler hört. Nur das von Janik eingerichtete iPad ist mittlerweile zum unverzichtbaren Arbeitsmittel geworden.

"Janik und ich sind ein tolles Team", sagt die Oma, die ihrem Enkel vor jeder Livesendung zwei Zwiebelwurstbrötchen schmiert und ihn so gütig und liebevoll anschaut, wie nur Omas es können. Seinetwegen wagt die Seniorin sich jeden Tag ein bisschen mehr von ihrer Märcheninsel ins digitale Neuland vor. Viele ihrer Bekannten hingegen wollen am liebsten gar nichts Neues mehr an sich ranlassen. "Das würde mich verrückt machen", sagt die Seniorin, die ihren neuen Ruhm genießt.

Wird die bescheidene Großmutter auf ihre alten Tage so noch zu einer digitalen Rampensau? "Nein! Ich bin überhaupt nicht geltungssüchtig, höchstens sendungssüchtig. Ich wollte mit meinen Geschichten schon immer mehr Liebe in die Welt bringen. Und ich bin sehr dankbar, dass dank Janik jetzt mehr Menschen meine Botschaft hören können", so die Oma.

86 Jahre Leben, ein Weltkrieg, vier Kinder, vier Enkel und fünf Urenkel haben in Helgas freundlichem Gesicht Spuren und tiefe Falten hinterlassen. Doch in ihren Augen blitzt noch die kindliche Neugier eines kleinen Mädchens auf. Ihre Lebenserfahrung und Lebensfreude gibt sie jetzt an ihre Anhänger weiter.

Fast jeden Tag zwischen acht Uhr abends und Mitternacht beantwortet sie handschriftlich Fanpost. Für viele ihrer Zuschauer ist sie eine Art Ersatz-Oma geworden. Oft fragen die Schreiber sie nach Rat. Die Marmeladenoma erzählt dann, was ihr langes und nicht immer einfaches Leben sie gelehrt hat. Niemals aufzugeben, ist dabei eine der wichtigsten Lektionen. Die gibt sie gerne weiter. Einer lebensmüden Frau haben die Briefe der Märchenoma neuen Lebensmut geschenkt und sie so gerettet.

Doch wer sich im Internet exponiert, der wird nicht nur geliked, sondern manchmal auch von "Hatern" angegriffen. Auch Janik und seine Oma sind davor nicht gefeit. "Neider gibt es überall. Am besten ist es, sie einfach zu ignorieren", meint Janik und seine Großmutter nickt zustimmend. Der Enkel und die Oma scheinen einen Generationenvertrag geschlossen zu haben, der ohne Worte auskommt. Schon wenn die alte Dame daran denkt, sich aus dem tiefen Sofa zu erheben, steht Janik neben ihr, bietet ihr seinen schmalen Unterarm, an dem seine Großmutter sich aufrichten kann. Und wenn ihr zurückhaltender Enkel bei Interviews und Preisverleihungen mal wieder um eine Antwort verlegen ist, springt die ungeduldige Oma schnell in die Bresche.

Ungeduldig ist sie vor allem mit sich selbst. Nach einem Sturz fällt ihr das Gehen schwer, eigentlich sollte sie jetzt in einer Schmerzklinik sein. "Aber", so die zähe Großmutter, "ich bin einfach abgehauen, um zur Preisverleihung zu fahren. Das ist die beste Medizin."

Von Philipp Hedemann
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