Zeitreise in eine vergangene Ära

Raphaela Gromes und Julian Riem führen im Ingolstädter Festsaal ein Konzert von Igor Loboda auf

21.07.2022 | Stand 21.07.2022, 17:53 Uhr

„Regenbogen des Lebens“: Raphaela Gromes und Julian Riem sind die Solisten in Igor Lobodas Konzert, Ruben Gazarian dirigiert das GKO. Foto: Schaffer

Von Jesko Schulze-Reimpell

Ingolstadt – Die Corona-Epidemie, die ja immer noch andauert, wirbelt das Kulturleben durcheinander. Bei manchem Konzert kommt man sich vor wie bei einer Zeitreise – Jahre zurückversetzt, als die Welt noch eine andere war.

Etwa beim Abonnementkonzert des Georgischen Kammerorchesters am Mittwoch, das eigentlich vor zwei Jahren hätte stattfinden sollen. Der damalige Chefdirigent des Orchesters, Ruben Gazarian, hatte den Geiger seines Orchesters, Igor Loboda, beauftragt, ein Konzert für das Duo Raphaela Gromes (Cello) und Julian Riem (Klavier) zu komponieren. Nun wurde das Konzert endlich aufgeführt – und man fühlte sich fast zurückversetzt in die Ära Ruben Gazarian. So innig und bestens auf den Dirigenten abgestimmt agierte das Orchester.

Igor Loboda scheint gerade einen Lauf zu haben. Kürzlich erst spielte Lisa Batiashvili sein „Requiem für die Ukraine“ mit Leidenschaft bei den Audi-Sommerkonzerten. Und vor einigen Tage fand in der Ingolstädter Matthäuskirche die Uraufführung einer Fantasie für Orgel und Klavier statt. Loboda scheint ein Händchen für skurrile Besetzungen zu haben.

Nun also das Konzert „L’Arcobaleno della vita“ – der Regenbogen des Lebens. Der Titel klingt optimistisch, vielleicht entsprechend der Stimmung der Vor-Corona-Zeit. Tatsächlich aber ist die Musik durchaus auch düster. Das Konzert beginnt mit einer Art Fragezeichen, vor einem fahlen Streichorchesterakkord tasten sich Klavier und dann Cello an das erste Thema heran, das dann allerdings in melodiöser Schönheit erscheint und das Loboda allmählich in heftigere musikalische Untiefen führt. Raphael Gromes’ Cello wurde bei dem Konzert übrigens elektronisch verstärkt, während Julian Riem am Flügel ohne Deckel spielte. Während das Klavier mit Leichtigkeit das Kammerorchester übertönte, gelang das dem Cello dennoch kaum – es war fast immer zu leise, übrigens auch bei den zuvor gespielten drei Stücken für Cello und Klavier von Nadia Boulanger.

Die Stärke von Igor Lobodas ungewöhnlichem Konzert ist die enorme Bandbreite der Stimmungen, die er damit einfängt. Der dritte Satz etwa ist ein melancholisches Zwischenspiel, hauptsächlich zwischen dem Solistenduo, voller zarter Töne – wie ein Moment im Leben, wo die Zeit nicht vergehen will. Raphaela Gromes spielte die langen Töne fast ohne jedes Vibrato, was die Musik noch hoffnungsloser erscheinen ließ. Der vierte Satz hingegen ist hektische, motorische Maschinenmusik im Stil von Dmitri Schostakowitsch, mit einem Mittelteil voller fahler Cellotöne. Im Epilog knüpft Loboda wieder an den Anfang an, lässt noch einmal die zweifelnden, suchenden Töne anklingen und endet, endlich, mit dissonant schillernden, optimistischen Dur-Akkorden.

Igor Lobodas neoklassisch wirkendes Konzert ist vor allem wunderbar spielerische Musik, voller schöner, fast folkloristischer Themen, milder Traurigkeit und kämpferischen Temperamentsausbrüchen. Wie schön wäre es, das Konzert bald noch einmal hören zu können.

Das zweite Schwergewicht des Abends war nach der Pause die Streicherserenade von Peter Tschaikowsky – und hier wuchs das Georgische Kammerorchester unter der Leitung ihres ehemaligen Chefdirigenten förmlich über sich hinaus. Dabei fiel wieder auf: Die tänzelnde Leichtigkeit, das lockere Kommenlassen der Klänge ist Ruben Gazarians Sache eher nicht. Er legt immer eine gewisse Bedeutungsschwere, eine tiefe Sinnhaftigkeit in die Noten hinein. So strebte der Abend erst bei der Elegie dem Höhepunkt entgegen – den gehauchten Tönen, dem nahe am Griffbrett der Geigen intonierten Liebesduett. Und später bei den langen Pausen, bei denen der musikalische Fluss zu verebben droht, als wäre das Leben zu Ende. In diesen Augenblicken traute sich das Publikum kaum mehr zu atmen.

Und schließlich im Finale, das das GKO mit faszinierender Virtuosität gestaltete. Man hatte das Gefühl, die Musiker spielten ohne Rücksicht auf die drückende Hitze, gaben alles, um noch kraftvollere Töne, noch prägnantere Motive zu erzeugen, noch mehr Intensität in den Saal zu transportieren. Hier gelangen wahrscheinlich die mitreißendsten Momente des Konzerts.

Das Publikum ließ sich anstecken von dieser Energie und feierte die Musiker mit Bravorufen. Irgendwie war alles wie früher – bei den besten Konzerten, die Ruben Gazarian dirigiert hatte.

DK