Bewährte Konzepte

Bei den Jazztagen ist von den derzeitigen Krisen nichts zu spüren – Max Mutzke und Power of Tower kommen wieder

09.08.2022 | Stand 09.08.2022, 18:29 Uhr

Stars bei den 39. Ingolstädter Jazztagen: Die wichtigsten Konzerte bestreiten Max Mutzke und Marialy Pacheco. Melody Gardot und Jamie Cullum. Foto: Künster

Von Jesko Schulze-Reimpell

Ingolstadt – Ein bisschen ist es so, als wenn es keine Krisen gäbe. Keinen Krieg in der Ukraine, keinen Mangel an Gas, keine Inflation, kein Corona. Alles soll wieder so sein, wie früher, vor dem Jahr 2020, als die Epidemie fast die ganze Welt lähmte: Die Ingolstädter Jazztage, ein Festival, das aus der Zeit gefallen scheint.

So hat der Künstlerische Leiter des Festivals, Jan Rottau, erstmals seit drei Jahren wieder die legendären Jazzpartys im NH Hotel geplant, Konzerte, die man sich unter pandemischen Umständen nur schwer vorstellen kann mit ihrem Gedränge vor den Bühnen, der Enge in den Gängen, den Musikern, die manchmal in Armlänge vor den Fans spielen.

Aber das ist nur ein Beispiel für die Restauration bewährter Konzepte. Das gesamte Festival, das in diesem Jahr vom 22. Oktober bis zum 12. November stattfindet, wirkt geradezu beängstigend vertraut, in vielen Details ist künstlerischer Stillstand zu spüren.

„Jazz in den Kneipen“ ist eine Art Experimentier-Stube

Das betrifft bereits die Strukturen und Formate, bei denen sich kaum etwas verändert hat. Außer vielleicht bei „Jazz in den Kneipen“. In diesem Jahr beteiligen sich so viele Lokalitäten wie vermutlich niemals zuvor – insgesamt zehn Restaurants, Bars oder Kneipen. Diesmal wird dem Publikum ein einziges Ticket angeboten für alle Konzertorte, so dass die Musikfreunde den Abend über immer wieder die Orte wechseln können.

„Jazz in den Kneipen“ ist in diesem Jahr auch mehr als sonst eine Art Experimentier-Stube des Musikfests geworden. Künstler, die man bisher nicht in Ingolstadt gehört hat, treten auf – etwa das Simon Oslender Trio, dem man bei der Festivalleitung noch eine große Zukunft zutraut. Auch eine ukrainische Sängerin gastiert in einer Kneipe (im Mo): Ganna Gryniva.

Ansonsten wiederholt sich auch künstlerisch vieles bei den 39. Jazztagen. Das betrifft dabei keineswegs nur die verschiedenen regionalen Bands und die unterschiedlichen Jazzpreisträger der vergangenen Jahre. Denn die Jazztage sind der künstlerischen Nachhaltigkeit verpflichtet, wie Kulturamtsleiter Tobias Klein gestern bei der Vorstellung des Programms betonte. So sollen nicht nur wie bei anderen Festivals hochkarätige Künstler gastieren, sondern es gehe auch darum, die Jazzszene am Ort zu fördern – durch Auftrittsmöglichkeiten regionaler Künstler, durch die Formate „Jazz for Kids“ und „Jazz in den Schulen“. Ziel sei es „Kinder und junge Leute für den Jazz zu begeistern“, sagt Klein.

Stars der vergangenen Jahre wurden wieder eingeladen

Der Trend zur Wiederholung betrifft das gesamte künstlerische Angebot. So ist es gewiss kein Zufall, dass alle drei Highlight-Konzerte auf Musiker zurückgreifen, die bereits (mehrfach) in Ingolstadt aufgetreten sind. Sängerin Melody Gardot war bereits 2015 bei den Jazztagen, Pianist Jamie Cullum 2006 und 2010, Sänger Max Mutzke 2004, 2013 und 2017. Jazzpianistin Marialy Pacheco, die heuer mit Mutzke auf der Bühne in der Kirche St. Pius stehen wird, gastierte in den vergangenen Jahren im Audi-Forum, im Neuburger Birdland und auch bei den Jazztagen.

Auch sonst wimmelt es von Wiederholungstätern im Programm – von Tower of Power über Nils Landgren bis hin zu Bill Evans und vielen anderen.

Im Kulturamt sieht man den Trend zur Wiederholung keinesfalls nur negativ. Es handele sich um „tragende Säulen“ des Festivals, allseits beliebte Künstler, die das Publikum gerne immer wieder hören möchte.

So ist zu hoffen, dass das Festival da wieder anknüpfen kann, wo es 2019 aufgehört hat, und dass nicht die schwelenden Krisen, die Konzerte verhindern oder erschweren: etwa der Mangel an Gas oder ein erneuter Anstieg der Corona-Inzidenzen. Denn ein Plan B existiert nach Auskunft von Tobias Klein vorläufig noch nicht.

DK