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Rostende Raritäten

erstellt am 29.10.2008 um 19:34 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:39 Uhr | x gelesen
München (DK) Will uns die Neue Sammlung in der Pinakothek der Moderne mit der Ausstellung "Rettet den Panda" auf die kommenden harten Zeiten vorbereiten und zeigen was demnächst auf Deutschlands Straßen so herumfährt?
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Heruntergekommenes Erfolgsauto: Der Panda wird in der Neuen Sammlung präsentiert. - Foto: Goetz
Das wichtigste Ausstellungsobjekt jedenfalls scheint solche Assoziationen zu bestätigen: Eine Rostlaube, die der TÜV nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen würde, scheint über die große Freitreppe ins Untergeschoss des Museums gekullert zu sein. Aber der weiße Star der Schau, Originalfarbe "Bianco Corfú", nicht ganz unbefleckt, soll uns etwas ganz anderes zeigen: die faszinierenden Design-Leistungen des italienischen Automobildesigners Giorgetto Giugiaro, der nicht nur Passat, Scirocco und Golf für Volkswagen oder den Audi 80 entwarf, sondern ganz allgemein als Vordenker für zeitgenössisches Automobildesign gilt. 1999 wurde der 1938 geborene Giugiaro zum "Automobildesigner des Jahrhunderts" gekürt.

Und mit dem seit 1976 entworfenen und ab 1980 von Fiat verkauften Panda gelang ihm für Italien das, was der Käfer einst für Deutschland war: ein kostengünstiges Auto für die breite Masse. Bloß ist der Panda deutlich praktischer. Und so wurde der bereits 1981 mit dem höchsten Designpreis Italiens, dem "Compasso d’Oro", ausgezeichnete Wagen zukunftsweisend – aber irgendwie auch nicht. Denn im Gegensatz zu den immer rundlicheren, vermeintlich emotionaleren, immer schwereren und durstigeren Autos der 80er und 90er Jahre geizte der Panda mit Rundungen. 700 eckig-kantige Kilos besaßen innen wie außen die gleiche Metallfarbe, ein waschbares "Campinggestühl" und zwei Türen plus Heckklappe. Das spartanisch rustikale Outfit ließ sich bloß durch ein doppeltes Falt-Dach ein wenig aufpeppen. Dennoch avancierte der Kleinwagen für Geringverdiener zum Kultauto, das in 23 Jahren 4,5 Millionen mal gebaut wurde.

Aber nun ist er eine bedrohte Art – wie übrigens auch sein Kollege Käfer, der nur in seltenen Fällen eine grüne Umwelt-Plakette kriegt.

Das hat den Architekten, Designlehrer und Forscher Paolo Tumminelli nun dazu gebracht, der einst revolutionären und jetzt rostenden Rarität mit dem Fotoapparat auf Italiens Straßen nachzujagen. Fotografien mit weißen "Ur-Pandas", aufgenommen zwischen Brennerpass und Sizilien, sind nun in einer anmutigen Dia-Schau auf schicken Großbildschirmen neben dem Exemplar 20422, das den Weg von Olbia/Sardinien nach München aus eigener Kraft bewältigte, zu sehen. Eine Italienreise der anderen Art, die Tumminelli treffend selber so beschreibt: "In den Fokus rücken nicht die üblichen touristischen Schönheiten, sondern Realität, Alltag an unscheinbaren Orten, und dies genau dort, wo ein weißer Panda die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er sieht immer gleich aus, doch er ist nie derselbe. Hier eine Delle, dort ein Aufkleber, mal liebevoll gepflegt, mal brutal vernachlässigt. Ungeschönt, ungeschminkt, authentisch . . . "

Natürlich ist den Organisatoren mit der Installation ein wenig mehr gelungen, als nur Aufmerksamkeit für ein Schrottauto zu erregen. Subtil versteckt sich hier auch Kritik an den voluminösen Designerautos von heute, deren pralle Rundungen dem Benutzer erhöhte Lust am Gas geben vorgaukeln (sollen).

Wenn man sich nämlich die mitunter liebevoll arrangierten Details in den derben Pandas anschaut, wird einem schnell klar, dass auch eine kantige Blechkiste hoch geschätzt, womöglich sogar geliebt werden kann. Vielleicht erkennt man aber auch, dass Autos eigentlich ungeeignete Objekte für emotionale Zuwendungen sind – sondern einfach raffinierte Fortbewegungsmittel.

 

Rettet den Panda, Neue Sammlung München, noch bis 4. Januar 2009.

 

Von Joachim Goetz
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