Montag, 22. Oktober 2018
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Mozarts Oper "Così fan tutte" als Gastspiel aus Meiningen am Stadttheater Ingolstadt

Komische Tragödie

Ingolstadt
erstellt am 16.05.2018 um 21:48 Uhr
aktualisiert am 17.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Wie viel Tragödie verträgt eine Komödie?
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Abenteuerlustige Schwestern: Carolina Krogius (Dorabella) und Elif Aytekin (Fiordiligi, rechts).
Abenteuerlustige Schwestern: Carolina Krogius (Dorabella) und Elif Aytekin (Fiordiligi, rechts).
Foto: Liebig
Ingolstadt
Nach Ansicht des Regisseurs Anthony Pilavachi offenbar eine ganze Menge. Bis hin zu Mord und Selbstmord. In seiner Inszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts "Così fan tutte" am Südthüringischen Staatstheater in Meiningen lässt er die Geschichte in einem Blutbad enden: Ferrando vergiftet sich aus Verzweiflung, Guglielmo erschießt seinen Freund Don Alfonso. Mozarts Opera buffa ohne Happy End.

Wenn es um die Liebe geht, schlagen die Emotionen hoch. Eifersucht entfacht zweifellos zerstörerische und selbstzerstörerische Kräfte, Fremdgehen ist ein häufiges Motiv für Mord und Selbstmord. Keine Frage. Aber hat das etwas mit Lorenzo da Pontes munter-frechem Libretto und Mozarts fast immer leichtfüßiger, ironischer Musik zu tun? Verbirgt sich im versöhnlichen C-Dur-Loblied des Finales vielleicht doch Tragik und Entsetzen? Wohl kaum.

Die Schlusspointe von Pilavachi ist vor allem deshalb so abwegig, weil sie weder zum Textbuch noch zu Mozarts Musik passt - und schon gar nicht zu Pilavachis eigener Inszenierung.

Denn die ist aufgekratzt, witzig, bewegt, gelegentlich albern und klamaukig. Pilavachi und sein Bühnenbildner Christian Rinke verlegen die Geschichte (warum eigentlich? ) ins Jahr 1810. Statt Rokoko ist Klassizismus zu sehen, Don Alfonsos psychologisches Experiment findet in seiner Villa in Neapel statt. Die Fenster sind fast immer weit geöffnet, hin zum Meer und zum blauen Himmel, die Vögel zwitschern, der Wind weht durch die Vorhänge. Bereits in der Ouvertüre zeigt sich Pilavachi als hochmusikalischer Regisseur. Im Rhythmus der hüpfenden Klänge, lässt er Don Alfonsos Bedienstete über die Bühne tänzelnd den Tisch decken. Da fliegen Teller und Tomaten munter von Diener zu Diener.

Eine passende Umgebung für die kleine Wette: Don Alfonso will seinen beiden Freunden Ferrando und Guglielmo beweisen, dass ihre Verlobten auch nicht besser seien als alle anderen Frauen und sie bei erster sich bietenden Gelegenheit betrügen würden. Dazu arrangieren sie ein Experiment: Die beiden Freunde geben vor, in den Krieg ziehen zu müssen, kehren aber verkleidet zurück, um ihre Verlobten, die sie nicht erkennen, zu verführen. Pilavachi inszeniert das als eine Art Comedia dell' arte. Da zeigt sich bereits im ersten Akt, dass es auch die beiden Freunde mit der Treue nicht so ernst nehmen, wenn ihre Verlobten gerade mal nicht hinschauen. Die spielerische, letztlich relativ konventionelle und harmlose Inszenierung lässt kaum Langweile aufkommen bei all den kleinen Regieeinfällen. Und die Darsteller singen nicht nur gut, sondern es gelingen ihnen auch interessante Rollenporträts.

Musikalisch überzeugend ist dabei besonders das Tenor-Sopran-Pärchen Ferrando und Dorabella, dargestellt von Siyabonga Maqungo und Carolina Krogius. Besonders Maqungo verfügt über eine hell timbrierte, kräftige, sehr fein geführte Stimme, und auch Krogius singt mit großer Leichtigkeit. Wunderbar komödiantisch und virtuos geht Monika Reinhard die Partie der Zofe Despina an, während Elif Aytekins Mezzo (als Fiordiligi) zu sehr vibriert und Matthias Vieweg (Guglielmo) insgesamt etwas zu blass bleibt. Daniel Pannermayr ist ein ungewöhnlich jugendlicher Don Alfonso.

Der Meininger Opernchor agiert temperamentvoll und singt präzise. Eine gewisse Rolle spielt zudem noch der Cembalist Robert Jacob, der in biedermeierlichem Gewand nicht nur sehr fantasievoll die Rezitative begleitete (mit musikalischen Ausflügen bis hin zu Mozarts d-Moll-Fantasie), sondern gelegentlich voyeuristisch mit Fernglas in der Hand die Liebespaare observiert.

Ebenso feinnervig, feurig und vibratoarm agiert die Meininger Hofkapelle unter Leitung von Mario Hartmuth. In der letzten Szene ist der Ausblick durch die Fenster auf den Golf von Neapel zugemauert, ausgerechnet dann, wenn die Musik in Heiterkeit triumphiert.

Wie viel Tragödie verkraftet nun eine solch launige Inszenierung? Eigentlich gar keine.

Weitere Aufführungen im Stadttheaters Ingolstadt: Heute und morgen, jeweils 19.30 Uhr. Kartentelefon: (0841) 30547200.
Jesko Schulze-Reimpell
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