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"Seehofer und Spahn sind zwei Knaller"

Ingolstadt
erstellt am 13.04.2018 um 20:25 Uhr
aktualisiert am 13.04.2018 um 20:31 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) "Gesternheutemorgen" heißt das aktuelle Programm von Urban Priol, mit dem der Kabarettist am 20. April im Festsaal in Ingolstadt gastiert. Im Interview geht es über das Parodiepotenzial der großen Koalition, Erfahrungen als Entertainer auf einem Kreuzfahrtschiff und darüber, was ihm zur AfD und Donald Trump einfällt.
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Immer unter Strom: Seit mehr als 35 Jahren macht Urban Priol Kabarett. Auch darum geht es in seinem aktuellen Solo-Programm. Der gebürtige Aschaffenburger gönnt sich aber auch einen ?spekulativ-utopischen Ausblick auf die Zukunft?.
Immer unter Strom: Seit mehr als 35 Jahren macht Urban Priol Kabarett. Auch darum geht es in seinem aktuellen Solo-Programm. Der gebürtige Aschaffenburger gönnt sich aber auch einen "spekulativ-utopischen Ausblick auf die Zukunft".
Foto: Pahl
Ingolstadt
Knallbunte Hemden, elektrisierte Haare: Das sind die unverwechselbaren Kennzeichen von Urban Priol. Der Kabarettist trägt aber auch privat keine gedeckten Farben. "Es ist so viel Grau in diesem Land", sagt er im Interview. Und die abstehende Haare kommen seiner "inneren Faulheit" entgegen. Er müsse sich nicht immer wieder fragen, wie er die Haare am Abend lege. "Ich nehme ein Frotteehandtuch, Haare hochgezwirbelt, Spray, fertig, um das Irre, Wirre und Zerrissene zu zeigen." Der gebürtige Aschaffenburger tritt nächste Woche im Rahmen der 34. Ingolstädter Kabaretttage in Ingolstadt auf.


Guten Morgen Herr Priol, es ist noch früh am Tag. Sind Sie Frühaufsteher?

Urban Priol: Vor allem wenn die Tage länger werden und es morgens früher hell wird, versuche ich, mit dem Hahn und dem ersten Sonnenstrahl aufzustehen. Ich schwinge mich dann für eine Stunde auf mein Fahrrad und kaufe mir bei meinem Kiosk die Tageszeitungen.


Sie sind als Nachrichtenjunkie bekannt, der tagesaktuelle Ereignisse in das Programm einbaut. Wie informieren Sie sich?

Priol: Das geht mit einer Stunde Morgenmagazin los. Dann habe ich schon mal mein Adrenalin für den Tag getankt. Nach meiner Fahrradtour lese ich die Zeitungen quer, nebenher schaue ich noch Phönix und was im Netz los ist.


Das sind aber viele Infos, und es werden immer mehr...

Priol: Ja, tatsächlich. Und ich muss bei meinem Programm bestehende Sequenzen dafür rausnehmen. Heutzutage muss man anders arbeiten als in der analogen Zeit. Da wusste man, dass das Gedruckte in der Zeitung ein bis zwei Tage später beim breiten Publikum angekommen war. Heute liest jeder, der irgendwo in der Schlange steht, auf seinem Smartphone, was gerade passiert ist.


Ein Programm im Kopf zu haben, ist schon eine Gedächtnisleistung. Sie packen kurzfristig neue Passagen rein. Wie können Sie sich alles merken?

Priol: Da muss ich gleich auf Holz klopfen. Ich lerne zum Glück sehr schnell und vergesse erstaunlicherweise wenig davon. Da bin ich schon sehr dankbar. In der Schulzeit musste ich 25 Minuten mit dem Zug zum Gymnasium fahren. Wir hatten dreimal in der Woche in der ersten Stunde Latein. Und da ich meine Freizeit nicht mit Wortkunde verplempern wollte, habe ich das im Crashlernen morgens nachgeholt. Das hat mein Gedächtnis geschult. So war Latein doch für etwas gut.


Ihr aktuelles Programm heißt "gesternheutemorgen". Rückblick also: Sie waren als Anfang 30-Jähriger mehrmals Entertainer auf Kreuzfahrtschiffen des SPD-Reiseservice. Fortbildung oder Lebenserfahrung?

Priol: Lebenserfahrung. Wenn man bei Windstärke acht einen Salon mit 234 SPD-Rentnern unterhalten und sich dafür auf der Tanzfläche an die Säulen anbinden muss,... Wann immer im späteren Leben eine Vorstellung nicht so gut lief und ich nicht wusste, woran es lag, musste ich nur das Bild abrufen: Salon und Seegang. Schlimmer kann es eigentlich nicht kommen.


Sie machen keinen Hehl daraus, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht zu Ihrem Lieblingspolitpersonal gehört. Was lässt Ihnen die Haare zu Berge stehen?

Priol: Ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt. Da war sie immer eher indifferent und eigentlich sehr lustlos und desinteressiert. Das hat sich jetzt auch bei der Kabinett-Klausur von Meseberg gezeigt. Kein klares Wort darüber, die Dieselbetrüger zur Verantwortung zu ziehen. Stattdessen wurde wieder die schützende Hand über die Großindustrie gehalten. Sie als Person ist mir völlig egal. Ich werfe ihr vor, dass sie eine Lethargie und Trägheit über das Land hat schwappen lassen. Und die Art der Politik, alles glatt zu bügeln. Ich sage immer: Niemand kann ewig bluffen. Was sie aber erstaunlich lange tut. Aber es liegt ja nicht nur an ihr, sondern auch an den Wählern.


Nun gibt es eine Wiederauflage der GroKo. Hat sie Parodiepotenzial oder ist das eher langweilig?

Priol: Olaf Scholz ist an Langeweilepotenzial kaum zu überbieten. Die SPD geht den Weg, den jeder prognostiziert hat. Und es macht Spaß, sich an solchen Leuten wie dem neuen CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn abzuarbeiten, der in die 50er-Jahre zurückwill und vergisst, dass er den Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte, die er jetzt so vehement bekämpft, vieles verdankt. Also der Innen- und Heimat- und Bauminister Horst Seehofer und Spahn, das sind schon einmal zwei Knaller.


Die AfD ist mit fast 13 Prozent in den Bundestag eingezogen. Erinnern Sie sich noch an den Wahlabend?

Priol: Das Ergebnis hat mich nicht überrascht. Im Wesentlichen ging es so aus, wie ich es vermutet habe. Mir war immer klar, dass wir im Land eine Größenordnung von 12 bis 20 Prozent eher stramm rechts Denkende haben. Und wir sind in Sachen Rechtspopulismus als letztes Land in der europäischen Entwicklung gefolgt. Es war klar, dass wir nicht eine Insel bleiben können. Ich werfe der Regierung aber vor, dass nicht rechtzeitig eine Diskussion geführt wurde. Da ist sie wieder, diese Trägheit.


Viele fragen sich, wie man mit der AfD und den populistischen Strömungen umgehen soll.

Priol: Ich bin da zwiegespalten. Worin besteht der Vorteil, wenn alle um die Rechten werben, um die Leute in die eigenen Reihen zurückzuholen? Sie sind dann ja immer noch da und beeinflussen die Politik der geschrumpften Volksparteien. Ich finde es besser, sich mit offenem Visier zu begegnen. Die AfD ist nun mal da, man muss sich stellen und argumentativ auseinandersetzen. Das gelingt mal besser, mal schlechter. Man muss stets gut vorbereitet sein. Vom Ausgrenzen halte ich nichts, weil man damit das Märtytertum noch befeuern würde. Ich würde mich freuen, wenn die AfD noch mehr aktuelle Stunden im Bundestag fordert, denn sie zerlegt sich in den Debatten selbst so schön. Das macht das Zuhören fast schon wieder Spaß.


Wie würden Sie einem Schleswig-Holsteiner oder einem Schwaben CSU-Innenminister Horst Seehofer nahebringen?

Priol: Ich finde, man sollte auch dem Berliner oder dem Mecklenburg-Vorpommern erst einmal vor Augen führen, warum eine regionale Splitterpartei wie die CSU seit Jahrzehnten 15 Bundesländer im Prinzip in Geiselhaft hält. Indem sie alles diktiert von einem kleinen funktionierenden Freistaat aus. Aus Staatsräson wählen viele die CDU und vergessen, dass sie diese Voralpenwichtl dazu geschenkt bekommen. Ich würde mir auch wünschen, dass die CSU - wenn sie schon immer alles besser weiß - dem Sinne von Kreuth in den 70er-Jahren folgt und mit offenem Visier sagt: Wir treten bundesweit an. Und dann fahren sie hoch nach Schwerin und erklären dem Schweriner, dass es ihnen ausschließlich um Bayern geht.


Der Karikaturist Horst Haitzinger hat einmal gesagt, dass sich in all den Jahrzehnten vieles wiederholt. Nun hat er kürzlich festgestellt, dass er sich "an so etwas wie den Trump" in seiner ganzen Laufbahn nicht erinnern kann. Wer oder was hat Sie erschüttert?

Priol: Ronald Reagan. Als ich mit Kabarett anfing, war es Ronald Reagan. Für uns war es unverständlich, dass ein so durchgeknallter Cowboy zum mächtigsten Mann der Welt werden kann. Ich habe mir jetzt die Texte von damals durchgelesen, aber nichts ist zu gebrauchen. Donald Trump ist nicht zu toppen. Ich denke, er hat eine schwere psychische Fehlfunktion und legt einen total übersteigerten Narzissmus an den Tag. Man kann ihn nicht mit normalen Maßstäben messen. Er ist ein Fall für die Therapie.


Was tun?

Priol: Es geht tatsächlich an meine Berufsehre, wenn im richtigen Leben Dinge passieren, die ich nicht mehr toppen kann. Das ist bei Trump so. Seine Kriegserklärungen im Twittermodus etwa. Wahrscheinlich werden bald die Zahl der Zeichen der Tweets erhöht, wobei bei ihm bei der Hälfte dann der Wortschatz ausgeht. Es ist irre, dass Wladimir Putin nun als Gemäßigter gilt, der sich so inszenieren kann. Es ist das alte Spiel zwischen den Mächten. Und da gebe ich Haitzinger recht. Oder nehmen Sie den Skandal um den Ex-Spion Skripal. Das kennen wir alles aus James Bond. Vergiftete Spazierstöcke oder Rosa Klebb mit Giftstachel im Schuh in "Liebesgrüße aus Moskau".


Früher war alles besser?

Priol: Es gibt einiges, was mir besser gefallen hat. Aber es gibt durchaus auch Fortschritt. Die Energie sparende Spülmaschine zum Beispiel und das E-Bike halte ich für positive Errungenschaften.


Noch eine Frage: Wenn Sie nicht Kabarettist geworden wären, wären Sie Politiker?

Priol: Nein. Ich wäre Taxifahrer geblieben. Ich habe mein Studium damit finanziert, und ich hätte mir, weil ich leidenschaftlich gerne Auto fahre, zwei, drei Taxen genommen. Und wäre auch täglich im Gespräch mit den Leuten gewesen.

Das Interview führte Katrin Fehr.
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