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"In nie versagender Geduld"

Gemeinsam
erstellt am 12.01.2018 um 19:52 Uhr
aktualisiert am 15.05.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Gemeinsam bildeten sie das berühmteste deutsche Komikerduo des 20. Jahrhunderts: Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Das Münchner "Musäum" richtet nun den Blick auf die schweren Jahre der Volksschauspielerin von 1935 bis 1945.
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Gemeinsam: "In nie versagender Geduld"
Foto: DK
Gemeinsam

München (DK) "Heute ist er gut aufgelegt", steht handschriftlich unter einem Bild von Karl Valentin (1882-1948) in einem Fotoalbum von Liesl Karlstadt. Das kleine Foto und die so harmlos daherkommende Notiz sagen viel aus: Der bayerische Tausendsassa war kein einfacher Zeitgenosse, war nicht nur beliebter Komiker und begnadeter Volksschauspieler, sondern auch ein egozentrischer Hypochonder, der mit Liesl Karlstadt eine komplizierte Beziehung führte. Auf und außerhalb der Bühne. Er war von Angst getrieben, war manchmal rücksichtslos und häufig selbstherrlich, konnte nicht ohne sie und wollte als verheirateter Mann nicht mit ihr. Sie hingegen konnte ihn oft nicht ertragen, ihn aber auch nicht aufgeben. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Dennoch waren sie mehr als 25 Jahre ein kongeniales Bühnenpaar, waren das wohl berühmteste deutsche Komikerduo des 20. Jahrhunderts.

Liesl Karlstadt, die 1892 als Elisabeth Wellano geboren wurde, ist nun im Valentin-Karlstadt-Musäum in München eine eigene Ausstellung gewidmet, bei der es nicht um die heiteren Seiten der bayerischen Ulknudel geht. Karlstadt litt unter einer manisch-depressiven Erkrankung. Wie unter dem Brennglas richtet die Schau anlässlich des 125. Geburtstags im vergangenen Jahr den Blick auf die existenziellen Krisen und Nöte, auf die Seelenpein und die Krankheitsepisoden in den Jahren zwischen 1935 und 1945. Mit Briefen von Valentin, Karlstadt, Freunden, Arztbriefen, Fotos, Krankenakten, aber auch kleinen Fundstücken, wie weihnachtliche Paketanhänger. Viel zu lesen, viel zu schauen. Eine Fülle Leben, eine dichte, berührende Biografie.

Anlass für die detailfreudige Schau war ein Konvolut an Briefen, die die Tochter einer langjährigen engen Freundin Karlstadts eines schönen Tages im Museum vorbeigebracht hatte. Brigitte Eriksson überließ die 130 Briefe und Postkarten, die Karlstadt von 1935 bis 1953 an ihre Mutter Norma Lorenzer geschrieben hatte, dem Museum. Eine Quelle, die - so sieht es das Museum - "auch Verpflichtung war, Liesl Karlstadts schwere Jahre zu beleuchten". Allein von der inniglichen Beziehung mit Norma Lorenzer war wenig bekannt. Die Amerikanerin war mit dem Münchner Hals-Nasen-Ohrenarzt Raimund Lorenzer verheiratet, einem der 88 Mediziner, die Karl Valentin auf eine Liste setzte, die er im Notfall konsultiert haben wollte.

Der Briefwechsel beginnt drei Monate nach dem Selbstmordversuch Liesl Karlstadts. Am 6. April 1935 war sie in die Isar gesprungen. Ihre geliebte Katze, die sie an sich gepresst hielt, ertrank. Sie wurde gerettet und in die Psychiatrische Klinik an der Nußbaumstraße eingewiesen. "Kummer" steht in der Polizeichronik als Ursache vermerkt. Ein Jahr zuvor war Valentin mit dem Museumsprojekt "Panoptikum" pleitegegangen, hatte seines und ihr Vermögen durchgebracht. Karlstadt fiel in eine Krise.

Die ehrgeizige und disziplinierte Schauspielerin, die ihre eigenen Wünsche hinter denen Valentins zurückstellte, war ihm treu an der Seite geblieben, auch wenn sie weniger belastbar war, als ihr munteres und handfestes Auftreten es vermuten ließ. "Meinem komischen Partner & Patienten Karl Valentin in nie versagender Geduld gewidmet von Liesl Karlstadt. Beruf: Nervenärztin. Nebenbeschäftigung: Komikerin. München 19. April 1932", schrieb sie für ihn auf eines ihrer Porträtfotos. Ein folgenschweres Spiel mit vertauschten Rollen. Valentin versuchte, sie im Oktober 1935 in der Nervenklinik aufzumuntern: "Meine liebe liebe Li, "Halte aus! Halte aus im Sturmgebraus! Ohne Dir ist die Welt für mich völlig inhaltslos Du hast für mich schon so viel Geduld aufgebracht warum solltest Du es nicht für Dich selbst können."

Karlstadt brachte die Geduld immer wieder auf, auch das zeigt die Ausstellung. "Ich will recht tapfer sein", schrieb sie 1938. 1941 und 1943 reiste sie nach Ehrwald in Tirol, wo sie sich umgeben von ihren geliebten Bergen von der endgültigen Trennung von Karl Valentin erholte. Und es ging auch ohne Valentin weiter. Karlstadt löste sich aus seinem Schatten und machte eine zweite Karriere als Volksschauspielerin, wurde bekannt durch Hörfunk-Geschichten und populär ab 1952 mit ihrer Rolle als Mutter der "Familie Brandl". 1956 drehte sie für "Persil" den ersten deutschen Fernsehwerbespot. Am 27. Juli 1960, während eines Urlaubs in Garmisch-Partenkirchen, starb Liesl Karlstadt an einem Schlaganfall. Auf dem Viktualienmarkt - wenige Schritte vom "Musäum" entfernt - erinnert seit 1961 eine Brunnenfigur an sie. Meist mit Blumen geschmückt.

Bis 20. Februar, Weitere Infos unter www.valentin-musaeum.de.

Von Katrin Fehr
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