Dienstag, 21. August 2018
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Überfall auf die spanische Gelddruckerei: Die Netflix-Serie "Haus des Geldes" ist ein irrer Städtetrip - und atemberaubend gut gemacht

Das perfekte Verbrechen

erstellt am 10.08.2018 um 19:29 Uhr
aktualisiert am 10.08.2018 um 22:33 Uhr | x gelesen
(DK) Gerade wurde das alte Arbeiter- und Partisanenlied "Bella Ciao" zum offiziellen Sommerhit des Jahres gekürt.
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Serie mit Suchtfaktor: ?Haus des Geldes?.
Serie mit Suchtfaktor: "Haus des Geldes".
Foto: Netflix
Es ist schon 100 Jahre alt, bekannt wurde es als Hymne der italienischen Widerstandsbewegung gegen den Faschismus. Heute tanzen die Menschen zum Remix des französischen DJs und Produzenten Florent Hugel. Dass der Song die Charts stürmen konnte, verdankt er einer atemberaubenden Serie, die derzeit auf Netflix zu sehen ist: "House of Money" (Originaltitel: "La casa de papel"; deutsch: "Haus des Geldes").

Nach Angaben des Unterneh-mens ist die spanische Produktion die international meistgesehene nicht englischsprachige Serie auf dem Streamingportal. Das Lied "Bella Ciao" zieht sich durch die Serie, die zwei Staffeln mit 13 und neun Folgen umfasst. Die Hauptfigur, Professor genannt, stimmt es in einer Schlüsselszene an, weil er es schon von seinem Großvater, einem Widerstandskämpfer vorgesungen bekommen hat, seine Räuberbande intoniert es vor dem Eingang zum Tresor und beim actionreichen Finale ist es noch einmal zu hören.

Der Professor (brillant gespielt von Álvaro Morte) ist der Initiator, der Boss und das Gehirn eines minutiös geplanten Raubüberfalls auf die Nationale Banknotendruckerei Spaniens. Er plant das perfekte Verbrechen, sucht sich ein Team aus Dieben, Killern und Hackern zusammen, bereitet mit den acht Frauen und Männern die Aktion detailliert vor und gibt seinen Miträubern Städtenamen: Tokio (Úrsula Corberó), Nairobi (Alba Flores), Río (Miguel Herrán), Moskau (Paco Tous), Berlin (Pedro Alonso), Denver (Jaime Lorente), Helsinki (Darko Peric) und Oslo (Roberto García).

Der Überfall gelingt. Doch die Beute ist noch nicht da, sie muss erst noch gedruckt werden. Ins-gesamt 2,4 Milliarden Euro soll der größte Raubüberfall in der Geschichte Spaniens einbringen. Dazu brauchen sie aber elf Tage Zugriff auf die Gelddrucker. Dies erfordert einen ausgeklügelten Plan, um die Spezialkräfte der spanischen Polizei hinters Licht zu führen. Und so ist der Professor auch nicht in der Druckerei, sondern koordiniert und lenkt von außen die Aktion. Dass er sich dabei in die leitende Ermittlerin, Inspektorin Rachel Murillo (Itziar Ituño), verliebt, ist ein besonderer Kniff der Serie.

Der perfekte Raub, begangen von einer Bande mit einem klugen Kopf und Gentleman an der Spitze - das erinnert an einen TV-Klassiker, der hierzulande in den 1960er-Jahren zum Straßenfeger wurde und das Genre des Heist-Movies (= Raubüberfall) zu einem der ersten großen Erfolg führte: "Die Gentleman bitten zur Kasse".

Da ging es um einen akribisch vorbereiteten Postzugraub, der Anführer (gespielt von Horst Tappert) war ein Gentleman, suchte sich seine Crew ebenfalls genau aus, zog sich mit allen auf ein einsames Gehöft zurück, sprach mit ihnen alles durch, auch die Zeit nach dem Raub, versprach sich zu kümmern, wenn einer verhaftet wird und hatte eine klare Devise: keine Gewalt, kein Toter. Was auch er nicht einhalten konnte.

"Haus des Geldes" hat Parallelen zu diesem Klassiker, geht aber in der Inszenierung und der Story weit darüber hinaus. Hier wird gleich das ganze spanische Finanzsystem angegriffen. Die Serie ist visuell ansprechend modern und auch spektakulär umgesetzt, erzählt viele Nebengeschichten und hat Rasanz, Tempo und so großartige Wendungen, dass man sie zum Besten, was derzeit auf dem Markt sind, zählen kann und auch muss. Selten hat man so viele Überraschungen erlebt, der Macher Alex Pina reiht einen Zaubertrick an den nächsten, lässt u. a. Räuber und Geiseln in den selben Masken und Overalls agieren, was zu großartigen Szenen führt. Und die Charaktere sind durchweg klug ausgedacht und hochinteressant: der Rowdy, der Kindliche, die Geschwätzige, das Duo fürs Grobe, die Killerin, der gutmütige Brummpa und der Widerling mit Namen Berlin, der der verlängerte Arm des Professors in der Druckerei ist. Reichlich Spannung ergibt sich aus dem sich stetig ändernden Verhältnis der Figuren zueinander.

Für "Haus des Geldes" muss man zwar einen langen Atem mitbringen, doch die spanische Serie ist der Sommertipp für alle Sonnen- und Biergartenmüden. Den Sommerhit gibt es ja gratis dazu.

Netflix: Haus des Geldes. Krimiserie, 2 Staffeln, 13 und 9 Folgen,
Volker Bergmeister