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Im Regensburger Korruptionsprozess gerät die Staatsanwaltschaft in die Defensive

Wolbergs macht Punkte

Regensburg
erstellt am 11.10.2018 um 22:18 Uhr
aktualisiert am 27.10.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Regensburg (DK) Am Ende der dritten Verhandlungswoche im Prozess gegen den suspendierten Regensburger Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (SPD) kommt ein weiterer Zeuge aus dem Aufsichtsrat des SSV Jahn Regensburg ins Spiel. Der stellvertretende Vorsitzende Norbert Fritsch schilderte gestern die stets prekäre Lage des Fußballvereins und drängte durch seine Aussage die Staatsanwaltschaft weiter in die Defensive.
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Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten. Das ist so ein lapidarer Spruch aus der Welt des Fußballs, die Branchenkenner im Laufe des Prozesses um den suspendierten Regensburger Oberbürgermeister, in die auch der SSV Jahn Regensburg verwickelt ist, schon mal gerne als Parallelwelt bezeichnen.

Ganz so einfach ist das Spiel aber dann doch nicht. Auch nicht im Saal 104 am Landgericht in Regensburg. Dort wird seit Wochen der "Fall Wolbergs" vor der Wirtschaftskammer verhandelt. Am Ende der dritten Verhandlungswoche scheint der Ball nun in eine neue Richtung zu laufen.

Die Wirtschaftskammer unter Vorsitz von Richterin Elke Escher untersucht neben Verstößen gegen das Parteiengesetz auch die Verflechtung zwischen dem millionenschweren Engagement des Bauträgers Volker Tretzel beim chronisch defizitären SSV Jahn Regensburg und der Vergabe eines begehrten Grundstücks der Stadt. Angeklagt sind neben Wolbergs und Tretzel auch dessen ehemaliger Geschäftsführer Franz W. und der ehemalige SPD-Stadtrat und Fraktionsvorsitzende Norbert Hartl.

Lange Zeit sah es so aus, als kämen Wolbergs und seine Verteidiger, um im Bild zu bleiben, aus der eigenen Hälfte gar nicht mehr heraus. Spielmacher waren die Ermittlungsbehörden. Auch der Fußballclub saß immer wieder auf der Reservebank, ohne echte Gegenwehr. "Die Ermittlungen haben dem SSV Jahn schweren Schaden zugefügt", hatte Aufsichtsratschef Hans Rothammer vor Gericht ausgesagt. Mit seiner Aussage hatte er die Ermittler erstmals in die Defensive gebracht und eine Lanze für Wolbergs gebrochen.

Auch Rothammers Stellvertreter Norbert Fritsch folgte gestern seinem Beispiel und bezeichnete die Gesprächskultur in den Aufsichtsratssitzungen und auch die Inhalte dieser Gespräche zwischen Wolbergs, Tretzel und der Jahn-Geschäftsführung als "im politischen Geschäft völlig normal". Er könne sich "nicht daran erinnern, dass es in einer der Aufsichtsratssitzungen je um die Stadt gegangen wäre", sagt Fritsch. Auch in den Pausen, versichert er der Richterin auf Nachfrage, sei da "absolut gar nichts" gewesen.

Lediglich im Zusammenhang mit dem Stadionneubau habe das damalige Aufsichtsratsmitglied und ehemalige CSU-OB-Spitzenkandidat Christian Schlegl ein paar Pläne mitgebracht, um zu zeigen, wie die Arena einmal aussehen soll. Für Schlegls späteren Rücktritt vom Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden hat Fritsch kein Verständnis: "Seine Erklärung von der ,Freunderlwirtschaft' ist mir absolut unerklärlich. Das ist doch ein gestandener Mann, der für 150000 Regensburger Oberbürgermeister werden wollte, und dann sagt er kein Wort des Bedenkens und wirft hin?"

Inzwischen hat nicht nur der heutige Zweitligist seinen Rückstand aufgeholt, auch Wolbergs scheint nicht nur wütend gegen den Gegner anzurennen, sondern erste Punkte machen zu können. Nicht zuletzt wegen einer E-Mail, die Wolbergs Anwalt Peter Witting ins Spiel brachte, könnte der Kampf um die Wahrheit im "Korruptionsprozess" ausgeglichener werden. Das Schriftstück entlastete Wolbergs in der Frage, wie eine Darlehensumwandlung von rund 1,2 Millionen Euro in eine Kapitalerhöhung, Ende 2015, zustande kam. Der Mail zufolge wurde sie ausschließlich von Jahn-Geschäftsführer Christian Keller initiiert und auch von ihm mit Volker Tretzel abgesprochen.

Anlass zur Kritik gab jedoch der Umstand, dass diese Mail weder dem Gericht vorlag noch in den Akten der Staatsanwaltschaft zu finden war. Sie war erst durch Aufsichtsratschef Hans Rothammer bekannt geworden. "Es ist auch Aufgabe der Ermittlungsbehörden", kritisierte Witting, "Entlastendes in die Akten zu bringen."

Die Verteidigung wirft den Ermittlungsbehörden nicht zum ersten Mal grobe Fouls vor. Die Staatsanwaltschaft beeindruckt die ständig hochgehaltene Gelbe Karte der Verteidiger jedoch kaum. Wohl wissend, dass es die Rote nicht geben wird. Denn anders als beim Fußball kann sie nicht vom Platz gestellt werden.
Flora Jädicke
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