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Expertenanhörung des Bayerischen Jagdverbands zur Afrikanischen Schweinepest

Mehr Wildschweine töten aber wie?

München
erstellt am 25.01.2018 um 20:23 Uhr
aktualisiert am 12.02.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
München (DK) Immer mildere Winter, ein explodierender Maisanbau, keine Fressfeinde: Wildschweine finden in Bayern zunehmend fantastische Bedingungen vor und vermehren sich rasant - keine gute Perspektive für den Kampf gegen die stetig näher rückende Afrikanische Schweinepest. Politiker und Landwirte fordern immer lauter: Der Bayerische Jagdverband soll mehr Sauen töten.
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Doch die Jäger wissen oft nicht wie. Gestern lud die Organisation zu einer wissenschaftlichen Expertenanhörung in den Münchner Presseclub.

Miroslav Vodnansky, Leiter des Mitteleuropäischen Instituts für Wildtierökologie in Wien, thematisierte den Stellenwert des Nahrungsmittels Wild. Seit Tschernobyl herrscht unter Konsumenten große Skepsis, das wird sich künftig wohl noch verschärfen. Vodnansky und sein Team beobachten die Ausbreitungswege des Virus, das ursprünglich aus Afrika stammt, wo es durch Zecken auf Warzenschweine übertragen wird. Durch den unsachgemäßen Umgang mit dem Transport von Müll kam es über Georgien und Russland ins Baltikum und aktuell wütet es bereits in Tschechien.

Der Philosoph John McCarthy von der Vanderbilt-University in Nashville im US-Bundesstaat Tennessee beschäftigt sich mit der Frage, wie die Deutschen - anders als die Amerikaner - soziokulturell zur Jagd stehen. Jäger genießen hierzulande kein großes Ansehen, gelten vielen nur als gut betuchte Tiermörder. Das macht es schwierig, sie zum stärkeren Abschuss zu motivieren. Außerdem ist das Ganze ein teures Zuschussgeschäft. Der Jäger bekommt pro toter Sau 20 Euro vom Freistaat, hat aber mit Untersuchungen, Versicherungen und Entsorgung viel höhere Kosten.

Doch Jagen dürfte auf lange Sicht die einzige Möglichkeit im Kampf gegen die Seuche bleiben. Es gibt noch keinen Impfstoff, infizierte Tiere erkranken innerhalb von 48 Stunden und sterben nach maximal einer Woche. Für den Fall eines Ausbruchs hat der Jagdverband gemeinsam mit dem Friedrich-Loeffler-Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit einen Maßnahmenkatalog nach dem Werkzeugkasten-Prinzip entwickelt: Je nach Jahreszeit, Gelände und Vegetation müssen die lokalen Behörden dann unterschiedlich reagieren.

Jürgen Vocke, Präsident des bayerischen Jagdverbands, machte unterdessen seinem Unmut Luft: "Saufänge sind eine Möglichkeit, mehr Schwarzwild zu erlegen. Aber dann sollen sich die großen Schweinemastbetriebe, die deren Einsatz fordern, auch an der Finanzierung der Vorrichtungen beteiligen. Wenn er nämlich tierschutzgerecht sein soll, kostet so ein Saufang zwischen 7000 und 8000 Euro." Ein Saufang ist eine große Falle, in die mittels Futter gleich eine ganze Rotte - die Bache und ihre bis zu zehn Frischlinge - hineingelockt und dann abgeschossen werden. Das fanden die Jäger bisher aber eher unwaidmännisch.

Problem: Niemand weiß, wie viele Wildschweine es derzeit in Bayern gibt. Erlegt wurden in der Jagdsaison 2016/2017 rund 60 000. Allerdings gehen die Veterinäre der Tierärztlichen Hochschule München von einer Reproduktionsrate von 230 Prozent aus. Das Fehlen natürlicher Feinde, die immer milderen Winter, der Umbau der Forsten von Nadel- zu Mischwäldern und das wachsende Angebot an Nahrung lassen die Population in die Höhe schnellen. Die Afrikanische Schweinepest wird also nicht so schnell verschwinden - im Gegenteil.

Von André Paul
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