Donnerstag, 21. Juni 2018
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Über Wertschätzung und Respekt für ein Gebäude

Ein Plädoyer, warum das Schrobenhausener Rathaus großartig ist

Schrobenhausen
erstellt am 13.03.2018 um 15:00 Uhr
aktualisiert am 17.03.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
Schrobenhausen (SZ) Über Geschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten, und wer Lust drauf hat, kann das auch mit Wonne tun. Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege hat sich jetzt in seinem Hochglanzmagazin "Schönere Heimat" mit solch einem Thema befasst: dem Schrobenhausener Rathaus. Und Stadtbaumeister Axel Westermair hat den Beitrag an den Stadtrat verteilt, mit diesem Hinweis: "Vielleicht trägt der Artikel ja ein kleines Stück dazu bei, Wertschätzung und Respekt für unser Rathaus zu entwickeln."
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Schrobenhausen: Ein Detail aus dem nach denkmalschützerischer Wahrnehmung nach wie vor hochspannenden Schrobenhausener Rathaus.
Ein Detail aus dem nach denkmalschützerischer Wahrnehmung nach wie vor hochspannenden Schrobenhausener Rathaus.
Petry
Schrobenhausen
Was wiederum Schrobenhausens Stadtmarketingreferent Günther Schalk so kommentierte: "Eine interessante Betrachtung, die ein wenig bestätigt, was man an Eindrücken gewinnt, wenn man viel im Land unterwegs ist: Oft hadern Einheimische mit dem, was Externe ganz anders wertschätzen. Manchmal fehlt uns allen ja vielleicht ein Stück Blick über den eigenen Tellerrand hinaus - und Meckern und Dinge Schlechtreden gehört ja in Schrobenhausen doch eher zur Königsdisziplin."

Auf zehn Seiten hat sich der Kunsthistoriker Bernd Vollmar unter der Überschrift ",Bauschrott Beton'? - Die Rathäuser in Gräfelfing und Schrobenhausen" dem historischen Wert der Betonzeitarchitektur genähert. Vollmar war von 1996 bis 2017 Abteilungsleiter für Praktische Denkmalpflege an Bau- und Kunstdenkmälern des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Er greift in seinem Text bewusst örtliche Attribute und Spitznamen für die Betonrathäuser auf. Im Fall Schrobenhausen zitiert er die örtliche Heimatzeitung, die von einem "riesigen verwohnten Betonklotz, der inmitten der Altstadt im Weg steht" spricht. Das Gräfelfinger Rathaus wurde seinerseits schon als "Palazzo brutale" bezeichnet, aber auch als "Paragrafensilo" oder "Ratsbunker". Da ist man ja in Schrobenhausen vergleichsweise nett.

Und Vollmar erklärt, warum das Schrobenhausener Rathaus unbedingt erhaltenswert ist. Er scheibt: "Auch wenn der Architekt angesichts des noch vorhandenen historischen Rathauses keineswegs eine Stadtreparatur vorzunehmen hatte, demonstriert er, trotz der neuen, um ein Geschoss erweiterten Höhenentwicklung, dass ,moderne Architektur nicht an ein Flachdach gebunden und somit die Einfügung (nicht Anpassung) mit einem Steildach möglich war."

Und weiter: "Wesentlich bleibt der städtebauliche Bedeutungsgrad, insbesondere gegeben durch die Kontinuität des Standortes, sowie die Großform und das Volumen des Neubaukörpers." Damit bezieht sich der Autor auf einen Beitrag in der Heimatzeitung, laut dem in Schrobenhausen Leute gibt, die sich mit "Luft zum Atmen und Raum zu bewegen" anstelle des Betonklotzes, also einem Abriss, anfreunden könnten. Bernd Vollmar offensichtlich nicht.

Im Folgenden beschreibt Vollmar diverse architektonische Kniffe, die das - unbestrittene - besondere Gespür des renommierten Architekten Peter Buddeberg untermauern: "Dazu gehören auch die bis ins Detail der Brettstöße kalkulierte Gestaltung der Sichtbetonschalung, der charakteristische Materialwechsel, etwa von grauen Sichtbetonwänden zu weißen Rauputzdecken oder zu anthrazitfarbenen, bruchrauen Bodenbelägen aus Naturstein, sowie die individuell gefertigten Türelemente, deren Zargen über ausgeklügelte Fugen an die abgefasten Betonkonstruktionen bzw. die Einbaumöbel anschließen. (...) Im Weiteren gibt es eine an Scarpa erinnernde Detailausbildung der Brüstungselemente, die zeittypischen hölzernen Handläufe in Kombination mit vorgefertigten Verbindungs- bzw. Abschlusselementen aus Edelstahl oder die, wohl von Heinrich Wilke konzipierten, im Design anspruchsvollen Türklinken. Die charakteristische Detailfreude reicht bis in die Sanitärräume, deren räumlicher Enge die optische Wirkung kleinformatiger Fliesen enteggengesetzt wird, und schließlich bis zu den quadratischen Decken- und Wandleuchten und den vor allem im sogenannten Lenbach-Saal raumprägenden Kugelglas-Leuchten."

Mit anderen Worten: Bernd Vollmar findet das Schrobenhausener Rathaus großartig. Drum hofft er auch, dass es nicht mehr allzu lang seiner Instandsetzung harrt, auch wenn es immer noch genügend Leute gibt, die sich mit einem Abriss weit mehr anfreunden könnten als einer Sieben-Millionen-Euro-Sanierung.

Mathias Petry
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