Sonntag, 16. Dezember 2018
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Politkabarettistin Anny Hartmann blickt im Neuburger Stadttheater auf das Jahr zurück

Rassismus, Me-Too und Umwelt

Neuburg
erstellt am 07.12.2018 um 18:21 Uhr
aktualisiert am 12.12.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Neuburg (DK) Derb, deftig, manchmal zotig - wer hinter dem Attribut "Politkabarett" etwas Ironisch-Hintersinniges erwartet hatte, war bei Anny Hartmann definitiv fehl am Platz. Ihr Jahresrückblick-Programm kam zeitweise daher wie eine Rede auf einem Parteitag der Linken.
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Politkabarettistin im Schnellsprechmodus: Anny Hartmann war mitunter schwer zu verstehen. Das ist ihr bewusst, aber ?wo käme ich denn hin, wenn ich so langsam wie die männlichen Kollegen sprechen würde? Sie wollen doch heute noch nach Hause.?
Politkabarettistin im Schnellsprechmodus: Anny Hartmann war mitunter schwer zu verstehen. Das ist ihr bewusst, aber "wo käme ich denn hin, wenn ich so langsam wie die männlichen Kollegen sprechen würde? Sie wollen doch heute noch nach Hause."
Hammerl
Neuburg
Die Kölnerin, ursprünglich in der Comedy zuhause - wo sie vielleicht immer noch hingehört -, landet ihre Lacher überwiegend mit Pointen unterhalb der Gürtellinie, wenn sie beispielsweise rätselt, warum Krankenpfleger mehr verdienen als Krankenschwestern, wenn sie auch weit abgeschlagen hinter Fußballstars - die nichts tun, sondern nur spielen wollen - zurückliegen. "Krankenpfleger schießen zwar auch keine Tore, aber vielleicht reicht es schon, dass sie theoretisch mit Bällen spielen können", vermutet Hartmann als Ursache der genderungerechten Bezahlung. Eher betretenes Lachen erntet sie für ihre politischen Pointen, die sie stets als "bösen Quickie" ankündigt , damit die Zuschauer auch wirklich wissen, wann sie zu lachen haben.

Das Publikum im Neuburger Stadttheater tut ihr den Gefallen, nicht lauthals aus vollem Herzen, aber willig an den vorgesehenen Stellen - jedenfalls den meisten. So wirklich springt der Funke nicht über. Anfangs schon, da lobt Hartmann das hübsche Theater und lässt die Leuchter im zunächst wie üblich abgedunkelten Zuschauerraum dimmen, weil sie die Beleuchtung so stimmungsvoll-weihnachtlich findet. Dann dürfen die Neuburger mithelfen, die "Nazis von Chemnitz" zu bekämpfen. Was ganz leicht ginge, wie Hartmann ironisch anmerkt, nämlich mit dem einfachen Satz "Hase, du bleibst hier". Den dürfen die Zuschauer gleich nachsprechen, und er wird sich wie ein roter Faden durch das Programm um Rassismus, Me-Too, Genderideologie, Umwelt, Rechtsterrorismus und den bösen Kapitalismus ziehen. Und zwar ungeachtet der Hintergrundgeschichte zu jenem einminütigen Video, das der Wissenschafts- und Technikjournalist Holger Douglas bereits vor zwei Wochen veröffentlicht hat. Hartmann haut drauf, wo es nur geht. Wenn sie richtig liegt, dass Politkabarett nicht lustig sein, sondern weh tun soll, dann ist sie großartig. Wer an einen Politkabarettisten jedoch den Anspruch stellt, dass er parteipolitisch gesehen über den Dingen steht und nach allen Seiten austeilt, wird enttäuscht.

Die mitunter hölzern wirkende Kabarettistin derbleckt nicht, sondern doziert, erklärt ihren Zuhörern die Welt aus ihrer persönlichen, feministisch-ideologischen Perspektive und ist sich nicht einmal zu schade, direkt zur Wahl der Linken aufzurufen. So nimmt sie ihrer berechtigten Kritik an Dieselskandal, sozialer Ungerechtigkeit und Frauenbenachteiligung die Glaubwürdigkeit, macht sie zum reinen Selbstzweck der Ideologie.

In einem Moment beklagt Hartmann die Verrohung der Sprache - am Beispiel "Asyltourismus" - im nächsten bezeichnet sie "Söder, Seehofer, Gauland und Konsorten" als "ignorante Arschlöcher". Oliver Bierhoff wird zu "Bierdoof", Winterkorn zum "Oberaffen auf der Güterstandsschaukel", Seehofer zum "von Bayern nach Berlin entsorgten Sondermüll" und Andreas Scheuer erhält die Vorsilbe "Be" dem Nachnamen vorangestellt. Einige Wortspiele sind genial, die meisten aber überschreiten Grenzen. Dann mahnt Hartmann, Flüchtlinge angesichts einer Kriminalitätsrate von angeblich acht Prozent (im Vergleich zu zwei Prozent der Gesamtbevölkerung) nicht pauschal zu verurteilen, beschimpft aber selber alle AfD-Politiker pauschal als Nazis - und die Wähler gleich mit.

Das Beste an dem Abend ist das Zitate-Quiz, bei dem Christian Lindner, Hans Georg Maaßen, Horst Seehofer und auch andere zu Ehren kommen. Die Zuhörer im Neuburger Stadttheater dürfen raten, von wem das jeweilige Zitat stammt und der Sieger bekommt ein Stückchen Schokolade zugeworfen.
Andrea Hammerl
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