Sensationsfund
Extrem seltene Steinkrebspopulation könnte ICE-Werk bei Harrlach kippen

Sensationsfund im Finsterbach bei Harrlach entdeckt – „Vergoldeter Tag“

11.10.2022 | Stand 12.10.2022, 6:27 Uhr |

Die Hülle eines verendeten Steinkrebses präsentiert der Finder Matthias Wiesner als Anschauungsobjekt. Der Harrlacher hat eine Population des extrem seltenen Tieres auf dem Areal des von der Bahn geplanten ICE-Werks bei Harrlach gefunden. Fotos: Meyer

Von Monika Meyer

Kann ein kleiner Krebs den Bau des umstrittenen ICE-Instandhaltungswerks bei Harrlach (Landkreis Roth) verhindern? Diese Hoffnung haben Anwohner und Naturschützer nach dem sensationellen Fund einer Population dieser stark gefährdeten Tierart im Finsterbach.



Entdeckt hat sie der Harrlacher Landwirt Matthias Wiesner, als er im Sommer durch die Flur streifte. Zunächst fiel ihm lediglich die ausgetrocknete Hülle eines Tieres auf, die Experten des Landesamts für Umwelt als Überreste eines Steinkrebses identifizierten. Ob es dort auch lebende Tiere gebe, wollten die Fachleute wissen.

Wiesner holte sich die Hilfe von Klaus Brünner, Fachreferent beim Landesbund für Vogelschutz (LBV). Die beiden marschierten los, um wenig später tatsächlich lebende Exemplare der Gattung zu finden, wie Wiesner berichtete. Ob er sich nun als Held der Bürgerinitiative fühle, die gegen das ICE-Werk kämpft? „Das ist wirklich eine coole Sache“, sagte der Landwirt erfreut, winkte aber gleichzeitig ab. „Es gilt einfach, die Tiere und das Gewässersystem in Ruhe zu lassen.“

Naturschützer kämpfen schon lange gegen das von der Bahn geplante Ausbesserungswerk

Über das ganze Gesicht strahlte die ICE-Werk-Gegnerin Verena Masopust, die – wie viele andere Anwohner – am Montagnachmittag zu einem Ortstermin am Harrlacher Bolzplatz gekommen war, zu dem die LBV-Kreisgruppe eingeladen hatte. Denn schon seit über einem Jahr kämpfen die Harrlacher und Naturschützer gegen das von der Bahn geplante Ausbesserungswerk.

Ihre Gründe sind nachvollziehbar: Bis zu 45 Hektar Bannwald sollen gerodet werden, es drohen Lärm- und Lichtverschmutzung und das Trinkwasser könnte gefährdet werden. „Wir freuen uns riesig über den Fund“, sagte Verena Masopust deshalb. „Denn er ist ein weiterer Baustein, um zu beweisen, wie wertvoll und schützenswert das Gelände ist.“

Zudem sei er ein Stolperstein für die Bahn, denn der Steinkrebs, der auf der Roten Liste geschützter Tierarten stehe, dürfe nicht umgesiedelt werden, betonte Masopust. Deshalb habe die Bürgerinitiative an die Regierung von Mittelfranken einen Nachtrag zu den umfassenden Einwendungen für das aktuell laufende Raumordnungsverfahren geschickt.

An Montagnachmittag legte der LBV-Mann Klaus Brünner eindringlich dar, wie bedeutsam der Steinkrebs aus Sicht der Naturschützer sei. „Da seine meist kleinen Vorkommensgewässer besonders gefährdet sind, befindet sich der Steinkrebs in Bayern insgesamt in einer abnehmenden Entwicklung.“ Die Aktivisten verwiesen aber auch auf Artikel 141 der bayerischen Verfassung, den sie auf ein großes Plakat gedruckt hatten. Dieser besagt nämlich unter anderem, dass Tiere als „Lebewesen und Mitgeschöpfe geachtet und geschützt“ werden und mit „Naturgütern schonend und sparsam umzugehen“ sei. Es sei auch Aufgabe des Staates, Boden, Wasser und Luft als natürlich Lebensgrundlagen zu schützen und die Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts nicht nur zu erhalten, sondern auch dauerhaft zu verbessern. Eine besondere Bedeutung kämen dabei dem Wald sowie heimischen Tier- und Pflanzenarten zu.

Ein Ansatz, der Landrat Herbert Eckstein (SPD) gefiel. Der Lokalpolitiker war am Montagnachmittag ebenfalls dem Ruf des LBV nach Harrlach gefolgt. „Der Steinkrebs ist etwas Außergewöhnliches und muss irgendwie gewertet werden“, sagte er. „Das ist ein Pfund in der öffentlichen Diskussion.“ Die Regierung sei nun besonders gefordert.

Naturschutz-Experte Klaus Brünner: „Vergoldeten Tag für Harrlach“

Beim Ortstermin nutzte Eckstein die Gelegenheit, seinen Ärger über das bisherige Agieren der Bahn zur Auswahl eines passenden Geländes für das ICE-Werk zu artikulieren. Aktuell stehen in Bayern nur noch drei Standorte zur Auswahl: der bei Harrlach, eine Fläche auf dem Gebiet der ehemaligen Muna bei Feucht sowie eine weitere südlich davon. Dass nur diese drei von mehr als 70 möglichen Standorten übrig geblieben waren, sei ein „nicht nachvollziehbarer Punkt in einem intransparenten Verfahren“, stellte Eckstein verärgert fest und stellte die rhetorische Frage: „Warum geht eigentlich der Standort Ingolstadt nicht?“

Dass Harrlach und damit die Abholzung des Reichswaldes gar nicht gehen, steht für den ehemaligen Allersberger Forstamtsleiter und Bodenkundler Manfred Kinzler fest. Auch er freute sich über den Fund des seltenen Steinkrebses, der auf gute Wasserqualität und durchgängige Wasserzufuhr angewiesen sei. Denn eine Versiegelung oder Verunreinigung der Böden in seinem Lebensbereich könnte für ihn das Aus bedeuten. „Da muss man höllisch aufpassen“, warnte Kinzler und fügte hinzu: „Wir müssen das Gebiet in jedem Fall sichern.“ Für diese Aussage war ihm der Applaus der Anwesenden sicher.

Der Naturschutz-Experte Klaus Brünner sprach jedenfalls von einem „vergoldeten Tag für Harrlach“. Denn der Steinkrebs stehe nicht nur auf der Roten Liste, sondern sei auch eine prioritäre Flora-Fauna-Habitat-Art. „Wenn wir nun nicht auf das Wasser und das Klima achten, droht diese Art bei uns auszusterben.“

HK