Schrobenhausen
Orchesterkonzert der Barocktage: Einfach großartig

Neuer Glanz für den alten Fürsten: Renaissance-Abend der Barocktage um Orlando di Lasso

16.09.2022 | Stand 22.09.2023, 5:35 Uhr |

Sorgte für eine Renaissance der Musik des Namensgebers des Münchner Platzls: das Ensemble splendor musicae. Fotos: M. Schalk

Von Florian Erdle

Schrobenhausen – Da war man nun der europaweit wohl berühmteste, produktivste und vielseitigste Komponist und Kapellmeister der Renaissance, erste Biografie und Gesamtausgabe noch bei Lebzeiten inklusive, dazu mit zwei Häusern in München. Aber was weiß das Volk 400 Jahre später noch von einem? Vielleicht, dass im „Orlando-Haus“ am Platzl heute der Schuhbeck kocht. Und aus den über 1500 bis zum Jahr 1594 komponierten Werken, von denen die meisten schon im 16. Jahrhundert teils mehrfach gedruckt wurden, kennt der eine oder andere bestenfalls die eine Refrainzeile „Don don don, diri diri don don don don“.

So kann das nicht weitergehen mit Orlando di Lasso, dem kosmopolitischen Belgier, der knapp 40 Jahre als Musiker und Münchner Hofkapellmeister wirkte, sagte sich Jakob Rattinger und ging während des Lockdowns daran, mit einem Programm für sein Ensemble splendor musicae dem Komponisten zur weiteren Renaissance seines alten Ruhmes zu verhelfen.

FünfzehnköpfigesEnsemble

Das gelingt, nach der Aufführung in St. Jakob bei den Barocktagen vor – angesichts einer coronageschädigten Branche – immerhin gut 80 Kunstsinnigen zu schließen, einwandfrei. Splendor musicae, diesmal fünfzehnköpfig mit Sängerquintett und zehn Instrumentalisten, widmet sich in vier Abschnitten engagiert verschiedenen von di Lasso bestellten Feldern, der Kirchenmusik wie dem französischen Chanson, dem italienischen Madrigal oder dem deutschen Lied. Und ja, diese gut 450 Jahre alte Musik des von seinen Zeitgenossen als „Fürst der Musiker“ Geehrten ist unbedingt auch für „moderne Ohren“ abwechslungsreich und unterhaltsam.

Wirkt ansonsten die kunstvolle Vokalpolyphonie der Renaissance in ihrer strengen Nachahmungstechnik auf den heutigen Hörer, mit Verlaub, gelegentlich sehr ... kontemplativ, so setzt di Lasso dagegen vielfach einen moderneren „Kontraststil“: Der musikalische Ausdruck wechselt also häufig in kurzen, am Text orientierten Abschnitten. Sehr gut nachzuverfolgen war dies im Credo der „Vinum-Bonum-Messe“ (1577), der doppelchörig-achtstimmige Vokalsatz auf Gesangsquartett einerseits und Countertenor/Bläserstimmen verteilt.

Den musikalischen Abwechslungsreichtum ergänzte auch die häufig wechselnde Aufstellung der Musiker. So gruppierten sich die Sänger im Mittelgang a-cappella zum fünfstimmigen Chanson „Susanne un jour“ – damals einer der großen „Europa-Hits“ des Orlando. Nur am Rande sei gefragt, ob die manchmal etwas flackernd-nervöse Lichttechnik die musikalische Abwechslung nachgeahmt hat.

Streicherfassungaus Gründen

Trotz all seiner Vielseitigkeit gibt es von di Lasso fast keine Instrumentalmusik; bei „Matona, mia cara“ verstand es sich fast von selbst, nur eine Streicherfassung zu spielen, denn was der Landsknecht in dieser Tedescha (also italienischer Text im deutschen Akzent) mit dem womöglich bekannten Don-don-Refrain seiner Freundin zur abendlichen Freizeitgestaltung vorschlägt, ist nicht kirchentauglich.

Daneben bot splendor musicae zwei kürzere frühbarocke Instrumentalsätze, eine Allemande von Johann Schein und eine Sonate à 6 von Giovanni Buonamente, deren gekonnte imitatorische Wirkungen zwischen Violine (Filip Rekiec) und den Bläserstimmen ohne weiteres auch bei einer Vesper im Markusdom vorstellbar wären. Dass auch die aus Venedig berühmten Andrea und Giovanni Gabrieli damals bei di Lasso gelernt haben, nur nebenbei.

Ergreifendschön

Es bleibt schließlich, laut das Preislied des Sängerquintetts − Theresa Steinbach, Ulrike Malotta, Yosemeh Adjei, Richard Resch, Matthias Winckhler – zu singen, das nicht allein fünf hervorragende Stimmen vereinte, sondern ein wirkliches Ensemble bildete: ergreifend schöne Trauer in der Passionsmotette „In monte oliveti“, ausdrucksvoll in den Liebesliedern, höchst vital im Lob des Weines. Wunderbar durchhörbar, mit beeindruckender Klangfülle, in kluger, nicht überbetonter Textausdeutung wurde hier durchweg musiziert, mit einem Atem und einer Linie, kurz: großartig.

Und wer’s nicht glaubt, wie ausgewogen und klar, wie stimmkräftig und auch zart das klingt, der höre es einfach im Internet nach (YouTube, splendor musicae). Mit dem Lied der Weinpflücker „O vin en vigne“ als vielversprechendem Einstieg hatte es begonnen, mit einem ebenso schwungvollen Trinklied endete nach gut einer Stunde der Abend zu Ehren des großen Orlando: vivat Bachus? vivat Lassus!

SZ