Schrobenhausen

Das Leitsystem führt Blinde in die Irre

Kein Übergang stimmt: Begehung der neuen Innenstadt mit Bernhard Claus vom Blinden- und Sehbehindertenbund

23.06.2022 | Stand 23.06.2022, 16:19 Uhr

Eigentlich sollten die ertastbaren Felder im Pflaster wie eine Wegmarkierung für Blinde funktionieren und sie beispielsweise sicher über die Straße leiten. Allerdings stimmen die Felder in Schrobenhausens neuer Innenstadt nicht, wie Bernhard Claus vom bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund bei einem Rundgang mit Bürgermeister Harald Reisner sowie Heiko Wenger und Helmut Rischer vom Bauamt feststellte. Fotos: Ammer

Von Isabel Ammer

Schrobenhausen – Bernhard Claus bewegt sich behände durch die Welt. Mit seinem Langstock erspürt er die Hindernisse, die Schilder auf dem Gehweg, die Mülleimer, Bänke, Fahrräder, Autos und Laternenpfosten, die er nicht sehen kann. Das ist kein langsames Vorantasten sondern ein schnelles Begreifen. Dass sich Bernhard Claus in Schrobenhausen nicht auskennt, lässt sich nicht erahnen, wenn er an den Häuserzeilen in der Lenbachstraße entlanggeht. Zumindest so lange, bis er über die Straße will. Mit dem Blindenleitsystem, das sich überall in der neuen Innenstadt findet, sollte auch das kein Problem sein – möchte man meinen. Und doch führen die gut gemeinten taktilen Übergänge Bernhard Claus weniger ans Ziel und mehr in die Irre. Sein Fazit: Sie sind falsch gebaut. Alle.

Bernhard Claus war nicht immer blind. Bis er 22 Jahre alt war, konnte er ganz normal sehen. Ein Unfall durchtrennte ihm beide Sehnerven – 37 Jahre ist das nun her. Heute engagiert er sich beim bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund für barrierefreie Umwelt- und Verkehrsraumgestaltung und Öffentlichkeitsarbeit. In dieser Funktion hat ihn die Stadtverwaltung eingeladen, die neue Innenstadt in puncto Barrierefreiheit auf Herz und Nieren zu prüfen. Denn von einer vorangegangenen Begehung mit dem VdK hatten bereits Zweifel bestanden, was die Richtigkeit der taktilen Übergänge betrifft. Berechtigte Zweifel, wie sich am Mittwochnachmittag bestätigt.

Etliche Hindernisse für Sehbehinderte

Bernhard Claus steht am nördlichen Stadteingang. Wenn er in einer fremden Stadt unterwegs ist, orientiert er sich zumeist an der inneren Linie, sprich an der Häuserseite, denn an der äußeren, also der Gehwegkante, stünden oft Autos. In der Lenbachstraße stößt er auch dort auf so manches Hindernis – vom Werbeaufsteller bis zur Rieseneistüte. „In München sind Aufsteller verboten“, erzählt er. Doch diese Hürden nimmt der Münchner noch problemlos, Bernhard Claus ist erfahren.

Kniffliger wird es beim taktilen Übergang auf Höhe der Raiffeisenbank. Obwohl die Noppen- und Rillenfelder weiß gestrichen sind des Kontrasts für Sehbehinderte wegen, nehmen sie viele Sehende gar nicht groß wahr. Zum Beispiel der Autofahrer, der gerade achtlos darauf parkt, obwohl es sich um keine Parkfläche, sondern den Zebrastreifen für Blinde handelt. Kommt der Parküberwacher vorbei, gibt es einen Strafzettel.

Bernhard Claus ertastet das Noppenfeld an der Hausmauer, auch wenn es statt normalerweise 90 auf 90 nur 60 auf 60 Zentimeter misst. Ein Noppenfeld sagt ihm, dass er achtsam sein muss, weil beispielsweise eine Querung kommt. Und es sagt ihm, dass rund um dieses Feld auf jeden Fall 60 Zentimeter sicherer Raum für ihn sind. Er ertastet das Rillenfeld, das ihm die Richtung zur Straße weist. Soweit, so gut. Doch dann stockt Bernhard Claus, der Stab gleitet über das Pflaster, forschend. Ein weiteres Noppenfeld? Dabei beginnt doch direkt dahinter die Straße. Das passt so gar nicht. Hier, wie an allen weiteren taktilen Übergängen in der Stadt.

Er selbst sei viel unterwegs, er sei geübt, aber gerade ältere Menschen, die spät erblindet seien, die hätten sowieso Angst, sich auf die Straße zu wagen, sagt Claus. „Sie müssen sich drauf verlassen können.“ Auf das taktile System nämlich, darauf dass die Noppen stets in allen Städten das gleiche bedeuten, ebenso wie die Rillen. Sonst ist es ein bisschen so, als müsste man in manchen Städten dem spitzigen Ende eines Wegweisers folgen, um an das gewünschte Ziel zu kommen, in anderen dem Stumpfen. Nur, dass man vorher nicht weiß, dass die Pfeile hier anders funktionieren. In Schrobenhausen wäre es momentan also das stumpfe Ende, dem man folgen müsste.

Bernhard Claus überquert die Straße und stößt auf ein weiteres Noppenfeld. Am Ende der Fahrbahn, noch vor dem Multifunktionsstreifen, an den die Parkplätze anschließen. Also mehr oder weniger mitten drin in der Lenbachstraße, vielleicht vier Meter vom sicheren Gehsteig entfernt. Der Münchner bleibt stehen, wähnt er sich auf einem Noppenfeld doch in Sicherheit. Bürgermeister Harald Reisner (FW) sagt ihm, dass er da besser nicht stehen bleiben sollte. Und Bernhard Claus fragt: „Wie kommt das da hin?“ „Das fragen wir uns auch“, spricht Reisner für sich sowie Heiko Wenger und Helmut Rischer vom Bauamt. „Ein Punktfeld darf es gar nicht geben auf einer Straße“, erklärt Claus. Eines ist für ihn klar: So wie die taktilen Übergänge gebaut sind, stimmen sie nicht.

Keine Chance,Hinweise zu finden

Bernhard Claus versucht sich auch noch an den anderen neuralgischen Stellen in der Stadt. Am Perger Platz auf Seite des Roten Turms hat er nicht die geringste Chance, die für Blinde gedachten Felder im Pflaster zu finden – „das ist reine Glückssache“, stellt er fest. Liegen sie doch mitten auf dem Weg und nicht am Rand, an den sich der Blinde normalerweise hält. Aufmerksamkeitsfeld und Richtungsfeld, das Claus den Weg über die Straße weisen soll, liegen meterweit auseinander, auch hier irrt er verloren über den Platz. 60 Zentimeter sollten an ungesicherten Übergängen zwischen den beiden Feldern liegen, eine Entfernung, die sich gut ertasten lässt. Und auf der Verkehrsinsel am Perger Platz zeigt ihm der Bodenindikator einen gesicherten Übergang an – nur, dass es weder eine Fußgängerampel geschweige denn einen Signalton für Blinde gibt. Also von gesichert keine Spur – ein Risiko für den Blinden, der sich in Sicherheit wähnt. Auch beim Weg über den Bürgermeister-Stocker-Ring hat Bernhard Claus ein Problem, denn die Fußgängerampel piepst nicht, wenn sie grün ist. Barrierefreiheit? Fehlanzeige. „Ich weiß nicht, ob die Ampel grün oder rot ist“, sagt der Blinde. Er müsse also darauf horchen, wo die Autos gerade fahren. Und die sind gerade an dieser Stelle in ganz schön viele Richtungen unterwegs.

Was ist da schief gegangen?

„Wie es aussieht, ist das ein Planungsfehler“, sagt Bürgermeister Harald Reisner (FW) nach dem Rundgang mit Bernhard Claus vom Blinden- und Sehbehindertenbund mit Blick auf die taktilen Übergänge. Denn, wie Helmut Rischer aus dem Bauamt auf den Plänen zeigt: Das Blindenleitsystem in der Innenstadt wurde genau so gebaut, wie es in den Plänen gezeichnet ist.

Dass hier so manches korrigiert werden muss, steht für Reisner außer Frage: „Wir können und wollen das so nicht lassen“, betont der Bürgermeister. Nicht nur, weil in einer nagelneuen Innenstadt für rund zwölf Millionen Euro eine entscheidende Geschichte falsch sei, sondern natürlich vor allem, weil das irreführende Blindenleitsystem ein Sicherheitsrisiko für Blinde und Sehbehinderte darstellen kann.

Für Reisner ist klar, dass die Stadt nicht für die Kosten aufkommen kann, die die Überarbeitung der taktilen Übergänge kosten wird. „Die Stadt kann nichts dafür, wir haben die Planung übergeben“, erklärt der Rathauschef. Dementsprechend werde man nun mit den planenden Architekten Kontakt in dieser Angelegenheit aufnehmen.

SZ