Beilngries

Lausbubengeschichten und tiefe Einblicke

Die Nachwuchsgruppe der Beilngrieser Naturschützer begibt sich auf „Heimatentdecker“-Tour

03.07.2022 | Stand 03.07.2022, 18:30 Uhr

Einer der Höhepunkte der „Heimatentdecker“-Tour war der Besuch in einem Erdkeller. Die Kinder erfuhren, was es damit auf sich hat(te) – und noch viel mehr. Foto: Adam

Von Regine Adam

Beilngries – Wer die Erzählungen des Beilngrieser Heimatforschers Wolfgang Brand einmal erlebt hat, der weiß: Es kann nur ein spannender und unterhaltsamer Vormittag werden, wenn er mit den Kindern des Bund Naturschutz und ihrer Leiterin Caroline Stadler als „Heimatentdecker“ unterwegs ist. Und so war es auch: Eine Suche „nach den Spuren und Besonderheiten der Heimat“ war vor Kurzem angesagt und dazu durften 30 Mädchen und Buben einen alten Bierkeller erforschen, einen Glockenturm besteigen und nicht zuletzt viele Geschichten aus früheren Zeiten hören. Das war besonders abwechslungsreich, weil neben Wolfgang Brand auch dessen Jugendfreund Josef Tomenendal mit von der Partie war. Und weil die beiden in ihren Kindertagen viel erlebt und so manchen Schabernack gemeinsam getrieben hatten, gab es auch viel zu erzählen. Zur Freude der Kinder, die sehr aufmerksam den „Lausbubengeschichten“ lauschten.

Erste Station war die evangelische Kirche, wo Pfarrsekretärin Danuta Suchanek alles vorbereitet hatte. Ein Bodenstein verriet das Alter des Gotteshauses: 1926 fand die Grundsteinlegung statt. Nicht mehr lange also und es kann der 100. Geburtstag gefeiert werden. Rund 35 Meter hoch ist der Kirchturm und den galt es dann zu erklimmen – während das Glockengeläut in voller Lautstärke zu hören war. Wem das doch zu heftig war, der konnte erst einmal eine Pause einlegen. Ein paar besonders Mutige aber kletterten bis ganz hinauf, sahen die Glocke schwingen und den Klöppel gegen das schwere Metall der Glocke dröhnen, während der Boden unter den Füßen vibrierte. Als das Geläut dann ausgestellt worden war, rückten alle nach und erfuhren oben von Josef Tomenendal, dass die Glocken einst nicht wie heute elektrisch betrieben wurden. Damals hing an jeder der drei Glocken noch ein langer Strick und er selber, erzählte Tomenendal, habe daran kräftig ziehen dürfen, um die Glocke zum Läuten zu bringen. „Das hat ziemlich Spaß gemacht, denn wir haben dabei den Boden unter den Füßen verloren und sind mit Schwung mit nach oben gezogen worden, als wir uns ganz fest an das Seil geklammert haben.“ Nachdem die Kinder noch den Dachboden der Kirche erkundet hatten, auf dem sie „flauschig süße“ Turmfalkenküken bewundern konnten, und eine Luke im Boden gesehen hatten, durch die an Festtagen die Fahnen in den Kirchenraum nach unten herabgelassen werden, ging es wieder nach draußen.

Hier verriet Tomenendal eine Mutprobe, der er und seine Freunde sich damals stellten: „Seht ihr die Weinranken, die an der Kirche hochwachsen? Daran sind wir früher möglichst hoch hinaufgeklettert. Das haben die Weinranken irgendwann natürlich nicht mehr ausgehalten. Sie haben sich gelöst und so sind wir Jungs langsam wieder auf den Boden gefallen.“ Ein Baumhaus hätten sie sich selbst in der großen Fichte neben der Kirche gebaut, mit einer Strickleiter, die die Erwachsenen ihnen dann allerdings abschnitten. „Weil das Baumhaus schon ziemlich gefährlich war“, gab Tomenendal aus heutiger Sicht zu. Damals aber sei es einfach ein herrliches Abenteuer gewesen.

Bei so vielen Erinnerungen und spannenden Geschichten fiel der Abschied von der Kirche schwer. Aber auch der nächste „Erforschungsort“ hatte es in sich: Ein acht Grad kalter Erdkeller der Familie Zrenner-Amrhein wurde extra geöffnet. Ganz geheuer war es allerdings nicht allen, in die Tiefe des Kellers zu marschieren. „Stürzt der sicher nicht ein?“, erkundigte sich ein Kind vorsichtig und war dann doch schnell beruhigt, als Wolfgang Brand versicherte: „Natürlich nicht.“ Brand erzählte von den rund 20 Kellern, die alleine am Fuße des Arzbergs noch vorhanden sind, früher habe es noch viel mehr davon gegeben. Wozu sie gut waren? „Sie wurden früher als Kühlschrank genutzt. Darin lagerten die Menschen Lebensmittel und Getränke“, wusste Brand. Zur Kühlung nutzten sie Eis, das im Winter in eine große Vertiefung geschüttet wurde. Bis Juni dauerte es dann in den kalten Kellern, bis das Eis ganz geschmolzen war, und bis dahin kühlte es die daneben gelagerten Bierfässer und Lebensmittel wie Fleisch, Wurst, Käse oder Kartoffeln.

Nicht nur amüsante, sondern auch dramatische Erinnerungen verbindet Wolfgang Brand mit den Kellern: Im Zweiten Weltkrieg wurden sie als Luftschutzbunker genutzt. Die Menschen fanden damals zwar Schutz dort, durften dann aber nicht mehr hinaus. „Das Vieh blieb in den Ställen zurück und fing an zu schreien, nach Wasser, Futter. Ich erinnere mich, wie mein Onkel darum fast gebettelt hat, dass er hinaus darf, um die Tiere zu versorgen. Und endlich durfte dann pro Bauernhof eine Person dazu hinaus.“ Mehrere Zwischentüren sind immer in den Kellern, damit es dort, wo die Lebensmittel gelagert wurden, auch lange kalt bleibt. Als die Kinder eine Tür fanden, die zugemauert war, rätselten sie neugierig: „Warum wurde gerade diese Tür zugemauert? Ist dahinter ein geheimer Gang? Oder vielleicht sogar ein Schatz?“ Wolfgang Brand schmunzelte und schwieg, nicht alle Geheimnisse müssen aufgelöst werden.

An der 14-Nothelfer-Kapelle gab es schließlich noch eine Brotzeit und weitere Geschichten von „einst“. Von „Schlittenfahrten“ den Arzberg hinunter beispielsweise, nicht auf Schlitten, sondern auf Kartonresten. Oder von einer Schatzsuche mit unerwartetem Ausgang. Oder von einem Eisloch im Gewässer, das ganz und gar nicht beabsichtigt war. Die Kinder lauschten wie gebannt und konnten manches kaum fassen – wie etwa, dass man früher mitten auf der Straße spielen konnte, „denn damals gab es ja kaum Fahrzeuge“.

Caro Stadler bedankte sich am Ende bei Brand und Tomenendal und bei allen, die mitgeholfen hatten, die Stunden für die Kinder unvergesslich zu machen.

Die nächste Aktion für die jungen Naturfreunde findet am Samstag, 23. Juli, statt. Dann lernen die Kinder mit Caro Stadler und Kerstin Kellerer die „Kobolde der Nacht“ kennen. Kellerer ist Fledermausbeauftragte der Stadt Ingolstadt und erkundet mit allen interessierten Kindern von 14 bis 16 Uhr das Leben von Fledermäusen in der Altmühlstadt.

DK