Eichstätt

„Dieser einzigartige Schatz muss gehoben werden“

Harry Neß setzt sich für das kulturhistorische Erbe der Lithographie ein

21.06.2022 | Stand 21.06.2022, 10:31 Uhr

Eichstätt – Anlässlich der Tagung des Internationalen Arbeitskreises Druck- und Mediengeschichte (IADM) kam eine Vielzahl von Ideen und Aspekten rund um einen „Senefelder-Kulturpfad“ ins Gespräch. Nicht nur auf der Podiumsdiskussion am Freitagabend im Spiegelsaal der Residenz (wir berichteten), auch während der Tagung der IADM mit seinen rund 25 teilnehmenden Mitgliedern kursierten die Gespräche immer wieder um die zentrale Frage: Wie kann das öffentliche Bewusstsein für das kulturhistorische Erbe der Lithografie in der Region geschärft und am Leben erhalten bleiben? Harry Neß, langjähriger Vorsitzender des IADM, hat dazu eine klare Meinung.

Herr Neß, bei der Podiumsdiskussion stand Ihr „Solnhofer Signal“ im Fokus, von dem Sie erstmals im Oktober 2020 bei einer Veranstaltung von Li Portenlänger sprachen und das in einer Artikelserie im EICHSTÄTTER KURIER im Spätsommer 2021 aufgegriffen wurde. Was beinhaltet dieses „Signal“?
Harry Neß: Die Veranstaltung im Oktober 2020 gab mir die Gelegenheit, auf das Wunder der Verbindung des in 150 Millionen Jahren gewachsenen Plattenkalks in der Region und der am Ende des 18. Jahrhunderts erfundenen chemischen Druckerei Alois Senefelders hinzuweisen. Auf diesen einmaligen Schatz einer Verbindung von Natur und Technik hier in und um Solnhofen stärker für eine Öffentlichkeit hinzuweisen, darauf zielte der an die Politik, Kultur und Wirtschaft gerichtete Appell des Solnhofer Signals.

Welches sind die wichtigsten Argumente für die Realisierung Ihrer Idee eines „Weges des druckhistorischen Wunders im Altmühltal“ und welche Voraussetzungen braucht es?
Neß: Die Botschaft lautet: Macht was daraus, aus dem druckgeschichtlich Einmaligen im Altmühltal. Um die unterschiedlichen Stationen des Weges zum Stein des Drucks, zur Technik der Lithographie und die aus dieser Verbindung entstandenen und noch entstehenden Produkte wie Karikaturen, Plakate, Kunstdrucke und vieles andere mehr ansteuern zu können, braucht es Orientierung gebende Wegweiser, eine Art Wanderführer, vor Ort beispielsweise entsprechende Stelen, wo digital über eine App entsprechende Informationen abgerufen werden können.

Die Lithographie und der Steindruck sind bereits im Rang eines Weltkulturerbes, was zeichnet Alois Senefelders Entdeckung besonders aus?
Neß: Die Lithographie und der Steindruck sind der Ausgangspunkt einer farbigen Bilderwelt, innerhalb der wir heute leben und manchmal durch die Überflutung auch leiden. Der Erfinder der Lithografie, Alois Senefelder, erfand 1798 eine ganz neue Form der drucktechnischen Reproduktion von Bildern, was bis dahin ein mühsames Handwerk war.

Welche praktikablen Umsetzungsschritte erachten Sie auf dem Hintergrund dieses Wissens für die Schaffung eines „Altmühltaler Lithowegs“ als erforderlich?
Neß: Zuvorderst müssen sich die Verbände und Personen, die für die Entwicklung der Region Verantwortung übernommen haben, an einen Tisch setzen und sich fragen: Wie kriegen wir solch einen druckgeschichtlichen Pfad inhaltlich, organisatorisch und finanziell für Touristen, aber auch für unsere Bürgerschaft hin? In einer zweiten Phase müssten Fachleute der Druck- und Mediengeschichte, der didaktischen und digitalen Umsetzung hinzugezogen werden.

Wird es ausreichen, das Überleben der Lithografie und anderer künstlerischen Druckformen durch die Aufnahme in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Unesco und die angestrebte Erarbeitung eines „Senefelder-Stationenweg im Altmühltal“ zu sichern?
Neß: Das Immaterielle Kulturerbe und der Aufbau eines druckgeschichtlichen Senefelder-Pfades können selbstverständlich allein noch nicht dazu beitragen, die damit verbundenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu bewahren. Zu deren Erhalt sind besonders Künstler, Grafiker und Druckexperten in Ateliers, im besten Falle sogar neu eingerichtete Professuren und Forschungseinrichtungen an Hochschulen aufgerufen, diese heute alte Technik und deren Effekte für ihre Arbeit zu nutzen.

EK