Wie barrierefrei ist Ingolstadt?
Rollstuhlfahrer kritisiert: Menschen mit Handicap stoßen in der Region häufig auf Barrieren

27.01.2023 | Stand 17.09.2023, 4:33 Uhr |

Die Zwischenräume des Kopfsteinpflasters auf dem Behindertenparkplatz bereiten mit dem Rollstuhl Probleme.

Rollstuhlfahrer müssen in ihrem Leben viele Hürden und Barrieren überwinden – im wahrsten Sinne des Wortes. Eine dieser Situationen, in denen eine Barriere nicht zu überwinden ist, hat Volker Kuppelwieser aus Baar-Ebenhausen vor einiger Zeit erlebt und dem DONAUKURIER davon berichtet.



Kuppelwieser ist Kunde der Volksbank Raiffeisenbank Bayern Mitte. Kürzlich wollte er die Filiale in Baar-Ebenhausen besuchen, kam allerdings nur bis zum Eingang. Eine Stufe hindert Rollstuhlfahrer am Zugang zur Filiale – nur der Bereich, in dem die Geldautomaten stehen, ist problemlos zugänglich.

In der Bank auf Hilfe angewiesen



Um in den Beratungsbereich der Filiale zu kommen, musste er auf die Hilfe eines Mitarbeiters warten. Fast noch schlimmer sei die Situation in der Filiale Reichertshofen, so Volker Kuppelwieser. Dort verhindere eine steile Rampe den barrierefreien Zugang zum gesamten Filialbereich.

Der 49-Jährige wandte sich mit seinem Anliegen an die VR Bank Bayern Mitte. Diese teilte ihm mit, dass es in beiden Fällen aus baulichen Gründen nicht möglich sei, für durchgehende Barrierefreiheit zu sorgen. Die Mitarbeiter seien aber nach vorheriger telefonischer Anmeldung jederzeit gerne behilflich. Volker Kuppelwieser kann diese Erklärung nicht nachvollziehen. „Zumindest in der Filiale Baar-Ebenhausen dürfte es aus meiner Sicht kein Problem sein, die Stufe barrierefrei umzugestalten“, sagt er. „So etwas dürfte es in der heutigen Zeit eigentlich nicht mehr geben.“ Überall rede man von Inklusion, doch für ihn sei das ein klarer Fall von Exklusion.

Blockierte Behindertenparkplätze



„Behinderungen entstehen erst durch das soziale Umfeld“, meint Kuppelwieser. „Wenn die Umgebung barrierefrei ist, gibt es eigentlich auch keine Behinderungen.“ Das Beispiel mit den Bankfilialen ist nur eines von vielen, die ihm einfallen. „In der Ingolstädter Donaustraße stand neulich ein Baustellenschild auf dem Behindertenparkplatz“, erzählt er. „Dadurch konnte ich dort nicht parken.“ Auch zur Leerung bereitgestellte Mülltonnen würden regelmäßig Behindertenparkplätze blockieren.

Beschwerden bei der Stadt brächten keine Verbesserung, so der Rollstuhlfahrer. „Das sind eigentlich banale Dinge, die sofort geändert werden könnten. Sofern der Wille da ist.“ Und der sei eben oft nicht da, findet Volker Kuppelwieser. Deutschland hinkt seiner Ansicht nach in Sachen Barrierefreiheit generell deutlich hinterher. Andere Länder wie Schweden, die USA oder auch Frankreich seien da weiter. „Natürlich muss man erstmal Geld in die Hand nehmen, damit sich etwas ändert“, sagt er. „Die nötigen Investitionen – wie im Fall der Bankfilialen – sind meist aber wirklich überschaubar.“ Der Professor an einer französischen Hochschule sitzt seit 35 Jahren im Rollstuhl und forscht inzwischen auch selbst zu diesem Thema. In all den Jahren habe sich die Situation zwar verbessert, etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln, der große „Ruck“ sei allerdings ausgeblieben.

„Viel umgesetzt wird nicht“



„Ich habe das Gefühl, die Diskussion um das Thema Inklusion wird heutzutage immer lauter, aber wirklich viel umgesetzt wird nicht“, so der 49-Jährige. „Und die Ausreden werden immer schlechter.“ Er sei es langsam leid, immer wieder um das Recht der Barrierefreiheit kämpfen zu müssen. Ihm gehe es dabei weniger um sich selbst – er komme mit seiner Situation zurecht –, sondern viel mehr um eine Gesellschaft, die immer älter, gebrechlicher und hilfsbedürftiger werde, wie Kuppelwieser betont. „Die Aufgabe wird sein, eine Umgebung zu schaffen, die auf diese veränderte Gesellschaft angepasst ist.“ Nun sei es allerhöchste Zeit, damit anzufangen.

Wie barrierefrei ist Ingolstadt?



Inge Braun, Inklusionsbeauftragte der Stadt Ingolstadt, äußert sich zum Thema Barrierefreiheit: „Vom persönlichen Gefühl stehen wir in den städtischen Gebäuden im Vergleich mit anderen Städten ganz gut da. Wobei man Barrierefreiheit genau definieren muss – Barrierefreiheit heißt nicht rollstuhlgerecht. Barrierefreiheit umfasst alle Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen, also auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Alle Neubauten werden grundsätzlich barrierefrei errichtet. Bei Bestandsbauten sind wir auf einem sehr guten Weg und können immer wieder nachbessern.

Beispiele: Stadtmuseum: barrierefreie Toilette; VHS: barrierefreier Eingang; ehemaliges Landratsamt auf der Schanz: barrierefreie Toilette. Im Bestand kann jedoch nicht alles Wünschenswerte auch ermöglicht werden (etwa die Vergrößerung eines Aufzugs). Wünschen würde ich mir eine bessere Erschließung der Stadtbücherei – die dortige Rampe ist nicht für alle Rollstühle geeignet. Und, dass die Sanierung der Fußgängerzone bald abgeschlossen werden könnte, damit hier das Blindenleitsystem eingefräst werden kann.

Es gibt ein Gehwegprogramm des Tiefbauamtes. Alle hohen Bordsteine können dort oder beim Mängelmelder gemeldet werden und werden in das Programm einbezogen. Aber das geht nicht von heute auf morgen, und die Bordsteine sind circa drei Zentimeter hoch! Uns bringt nun der Inklusionsrat einen großen Schritt weiter. Hier gibt es sechs Arbeitsgruppen, die mit Elan die Belange von Menschen mit Behinderungen weiter vorantreiben. Wir gestalten städtische Spielplätze inklusiv, unsere Informationen werden barrierefrei.

In Ingolstadt sind wir wie gesagt auf einem guten Weg: Allerdings ist Inklusion eine Querschnittsaufgabe und betrifft jeden Einzelnen, egal ob öffentlich oder privat. Wir müssen an deren Umsetzung gemeinsam arbeiten – jede und jeder in unserer Gesellschaft ist hierbei gefordert!“