Ingolstadt

Gymnasien schlagen Alarm

Immer mehr Jugendliche leiden an psychischen Problemen – Jugendsozialarbeit an Schulen wird ausgebaut

05.07.2022 | Stand 05.07.2022, 15:30 Uhr

An der Leo-von-Klenze-Schule gibt es bereits seit 1997 Jugendsozialarbeit: Anna Strobl (links) und Rike Neb vom Sozialdienst katholischer Frauen kümmern sich um das Wohl der Berufsschülerinnen und -schüler. Foto: Hammer

Der Direktor des Katharinen Gymnasiums sagte öffentlich, es sei keine Schande, Schwächen zuzugeben. Nach dem coronabedingten Homeschooling sind die Schülerinnen und Schüler längst wieder in den Präsenzunterricht zurückgekehrt – und damit „massive Probleme“, konstatierte Matthias Schickel in seiner Funktion als CSU-Stadtrat in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses. Er gestand: „Wir sind mit unserem Latein am Ende.“ Hilfe verspricht die Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS), die massiv ausgebaut werden soll.

Zunächst stand Jugendsozialarbeit an Schulen teils in der Kritik, denn sie verdrängte in Ingolstadt die mobile und offene Jugendarbeit. Die Stadt wollte lieber gezielt dort investieren, wo der Schuh drückt. Die CSU-Fraktion hatte im Januar den Antrag gestellt, angesichts zunehmender Probleme an Schulen die JaS auszuweiten. Zur Erklärung: JaS richtet sich an junge Menschen mit sozialen und erzieherischen Problemen, die zum Ausgleich von sozialer Benachteiligung oder zur Überwindung individueller Beeinträchtigungen in erhöhtem Maße auf Unterstützung angewiesen sind. Kernaufgabe von JaS ist die Einzelfallhilfe, aber auch Projekt- und Gruppenarbeit sowie Gemeinwesen- und Netzwerkarbeit zählen zu den Aufgaben.

Das Angebot gibt es bereits an 8 von 16 Grundschulen sowie an 5 von 7 Mittelschulen. Des Weiteren ist JaS an den beiden Berufsschulen sowie an den Sonderpädagogischen Förderzentren eingerichtet. An der August-Horch-Schule gibt es neben der JaS auch Schulsozialpädagogik. Am Scheiner-Gymnasium sowie an der Fronhofer- und Freiherr-von-Ickstatt-Realschule gibt es ebenfalls Schulsozialpädagogik, ebenso an der Grundschule Haunwöhr. Außerdem bezuschusst die Stadt seit 2022 JaS an der privaten Wirtschaftsschule. An staatlichen Realschulen oder Gymnasien, an FOS oder BOS gibt es bisher keine JaS. Gymnasien sind von der staatlichen Förderung bislang auch ausgenommen. Aber auch dort wird Hilfe gebraucht. Um den Bedarf zu ermitteln, hat das Amt für Jugend und Familie bei den 19 Schulen, an denen es bislang kein Angebot gibt, eine Befragung durchgeführt.

Die Rückmeldungen sind erschütternd und verdeutlichen, dass insbesondere psychische Probleme bei den Schülerinnen und Schülern zugenommen haben. Depressionen, Leistungsdruck, Versagens- und Prüfungsängste sind seit der Corona-Pandemie verstärkt zu beobachten, ebenso soziale Ängste, Phobien sowie Süchte und verstärktes Schulschwänzen. Zwischen 2 und 10 Prozent der Schülerschaft weist nach Einschätzung der Schulleitungen Unterstützungsbedarf auf – teilweise bis zu 100 Jugendliche an einer Schule.

Mobbing und Konflikte unter der Schülerschaft wurden bei der Befragung häufig als Probleme genannt. Streitigkeiten in Klassen gibt es seit Corona deutlich mehr, was zu Unterrichtsstörungen führt und die Bearbeitung der Konflikte in den Vordergrund stellt. Isolation, Gewalt in der Familie, finanzielle Probleme durch die Pandemie, Verlust der Arbeitsstelle der Eltern oder Verlust von Familienangehörigen sind Themen, mit denen sich Kinder und Jugendliche in den vergangenen Jahren verstärkt konfrontiert sahen und damit teilweise überfordert waren.

Schulleitungen berichten auch, dass sich zunehmend mehr Kinder und Jugendliche in stationäre psychologische oder psychiatrische Behandlung begeben müssen. Sie benötigen Unterstützung, sich wieder im Schulalltag einzufinden und in die Klassen-/Schulgemeinschaft zu integrieren.

Es besteht zudem hoher Bedarf an Elternarbeit: Schulleitungen melden, wonach teilweise wöchentlich Kontakt mit Eltern erforderlich ist. An manchen Schulen sind Schulleitungen wöchentlich durch Krisensituationen gefordert. Die Ressourcen sind oftmals nicht ausreichend, um die nötige Unterstützung zu geben,

Aus diesem Grund wird die Etablierung von JaS an fünf weiteren Standorten in Ingolstadt empfohlen. Aufgrund der Größe der Schulen sowie der beschriebenen Problem- und Bedarfslagen wird für das Katharinen-Gymnasium, Apian-Gymnasium sowie Reuchlin-Gymnasium jeweils eine Vollzeitstelle für erforderlich erachtet. Beim Christoph-Scheiner-Gymnasium ist eine halbe Stelle ausreichend, da dort schon Schulsozialpädagogik etabliert ist. Die Grund- und Mittelschule Oberhaunstadt werden als ein Einsatzort bewertet, hier soll JaS mit 25 Wochenstunden eingerichtet werden. Für den Ausbau der Jugendsozialarbeit an Schulen fallen 2023 Kosten von rund 320000 Euro an.

DK