Ingolstadt

Explodierende Kosten: Privatschulen wollen für mehr Geld vom Staat demonstrieren

„Gelebte Demokratie als Schulstunde“

05.12.2022 | Stand 05.12.2022, 11:42 Uhr

In Demonstrationslaune: Die Gnadenthal-Realschule hat für die Kundgebung Schilder vorbereitet. Von links: Andreas Lustig (2. Konrektor), Angela Csapo (Vorsitzende der Mitarbeitervertretung), Direktorin Camilla Hering und Dieter Frey (1. Konrektor). Foto: Gnadenthal-Realschule

Von Christian Silvester

Sie wollen dazu beitragen, den Königsplatz in München effektvoll zu füllen. Am nächsten Mittwoch werden dort Hunderte Schülerinnen und Schüler, die in Ingolstadt eine Privatschule besuchen, mit Lehrkräften an einer Kundgebung teilnehmen.



Deren Veranstalter, der Rat Freier Schulen, argumentiert: Die privaten Schulen bedürfen wegen der derzeit explodierenden Kosten – insbesondere für Energie – höherer Finanzhilfen von den staatlichen Ebenen, um ihre öffentliche Aufgabe weiter gut erfüllen zu können.

Die Gnadenthal-Mädchenrealschule schickt ihre zehnten Klassen nach München. Die Jahrgangsstufen 9 und 10 der Wirtschaftsschule und der Tilly-Realschule sowie ein Viertel des Personals kommen in drei Bussen, weitere mit dem Zug. Von allen Eltern wurde die Einwilligung eingeholt.

In dem Aufruf des Rats Freier Schulen, der sich an private Schulen in ganz Bayern richtet, lernen die jungen Leute einen Klassiker der Demo-Rhetorik kennen (allerdings wird der Begriff Demonstration vermieden): Die Kundgebung beginnt um „Fünf vor 12“. Der Slogan: „Unsere Steuern müssen gerecht verteilt werden!“

Niemand ist dazu verpflichtet, zu demonstrieren

Alle zehnten Klassen sind am Mittwoch im Rahmen einer Exkursion dabei, erzählt Camilla Hering, die Direktorin der Gnadenthal-Realschule. „Aber es ist niemand dazu verpflichtet, an der Kundgebung teilzunehmen.“ Wer nicht wolle, könne vom Rand aus zuschauen. „Wir haben uns im Rahmen des Politik- und Gesellschaftsunterrichts mit dem Thema befasst, ebenso mit Meinungsfreiheit und Meinungsartikulation. Es gehört zur Erziehung von Jugendlichen, ihnen nahezubringen, wie eine Kundgebung abläuft. Und wir wollen ihnen zeigen, dass das etwas sehr Wichtiges ist. Denn die Privatschulen leisten große Beiträge für unsere Gesellschaft!“ Doch ihre finanzielle Situation werde wegen der steigenden Kosten immer schwieriger. Man könne und wolle das nicht allein über die von den Eltern zu bezahlende Schulgebühr refinanzieren.

Camilla Hering erinnert daran, dass private Schulen egal welcher Art den Kommunen – sie sind die Sachaufwandsträger der staatlichen Schulen – Geld ersparten. Es gibt Ausgleichszahlungen. Die Stadt Ingolstadt hat jetzt ihren Beitrag für die Gnadenthal-Schulen der Diözese Eichstätt deutlich erhöht. Hering: „Das ist super!“ Grundsätzlich hat sie aber den Eindruck, dass sich Bund, Länder und kommunale Ebene die Finanzierung der Privatschulen „gegenseitig zuschieben“.

Große Belastung wegen explodierender Heizkosten

Der Ansicht ist auch Dorothea Soffner, Geschäftsführerin des Trägers der Wirtschaftsschule und der Tilly-Realschule: „Wir werden von der Politik immer schön gelobt, aber wenn es um die Finanzierung geht, wird es vage, und wir haben keine Planungssicherheit.“ Ihre beiden Schulen treffe die Energiekrise „noch viel härter als den Großteil unserer Kollegen“. Denn das Schulhaus (es gehört der Stadt) „ist stark sanierungsbedürftig und wurde trotz Gutachten vor zehn Jahren energetisch nicht ertüchtigt. Wir sind auf dem Stand, wie man 1970 gebaut hat“, berichtet Soffner. Man müsse nächstes Jahr „mit einer Heizkostensteigerung im sechsstelligen Bereich rechnen“, dazu käme eine enorme Erhöhung der Stromkosten. Die Luftreinigungsgeräte zur Corona-Prävention seien natürlich extreme Stromfresser. „Was am Gebäude gespart wurde, darf jetzt nicht allein den Familien aufgebürdet werden! Deshalb sind wir auch mit der Bitte an unsere Stadtspitze herangetreten, trotz des Subsidiaritätsprinzips nicht abzuwarten, sondern Sicherheit für unsere Kinder zu geben.“

Die Teilnahme an der Kundgebung sei „gelebte Demokratie als Schulstunde“, betont Dorothea Soffner. „Bei manchen Schulen geht es um die nackte Existenz, bei anderen darum, dass sie weiterhin sicher planbar arbeiten können.“

Eines ist ihr ganz besonders wichtig: „Wir brauchen keinen ,Härtefallfonds’ und auch keine ,Unterstützung in Notlagen’, wie sie jetzt von der Politik vage angekündigt werden – die gemeinnützige Beschulung unserer Kinder darf weder ein Härtefall werden noch in eine Notlage kommen!“

DK