Samstag, 21. Juli 2018
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Was prägt die Identität der Ingolstädter, und wieso ist auch Bürgerengagement dazu nötig? Aus einer nachdenklichen Runde

Darauf einen Schluck Schutterwasser

Ingolstadt
erstellt am 12.01.2018 um 20:11 Uhr
aktualisiert am 15.01.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Dieser Lange schon wieder. Einige in Ehren ergraute Veteranen des Historischen Vereins haben gegrummelt, als sie erfuhren, dass der Fraktionschef der Bürgergemeinschaft Ingolstadt (BGI) im Begleitprogramm zur Ausstellung "Stadtidentität" im Schloss eine Gesprächsrunde moderieren darf.
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Ingolstadt: Ingolstädter Selbstvergewisserung im Stuhlkreis: Der BGI-Fraktionsvorsitzende Christian Lange (5. v.
Ingolstädter Selbstvergewisserung im Stuhlkreis: Der BGI-Fraktionsvorsitzende Christian Lange (5. v. l.) moderierte am Donnerstagabend im Neuen Schloss ein Gespräch über das Thema "Stadtidentität braucht gesellschaftliches Bürgerengagement".
Silvester
Ingolstadt
Seinen Anhängern in der bürgerlich-rebellischen BGI gilt Christian Lange als eine Art Robespierre der Ingolstädter Kommunalpolitik. In den (meist genervt rollenden) Augen seiner Widersacher tendiert er eher so in Richtung Leibhaftiger.

Doch Matthias Schickel, der Vorsitzende des Historischen Vereins, wagte den Ausflug auf dieses unwägbare Terrain, weil er und die anderen Macher der Ausstellung davon überzeugt sind, dass sich Entstehung und Entwicklung der Identität einer Stadtgesellschaft nie völlig von der Politik trennen lassen. Unparteiisch betrachtet, erlebten die Teilnehmer am Donnerstagabend im Schloss einen moderat moderierenden Lange in einer meinungsfreudigen, aber immer friedlichen Aussprache. Was wohl auch daran lag, dass außer Simone Vosswinkel (UDI) weitere Stadträte (aus Sicherheitsgründen?) fernblieben.

Referenten, die referieren: Ganz unpolitisch macht Lange natürlich nichts - auch nicht in einem selbsthilfegruppenmäßig anmutenden Stuhlkreis. Deshalb ballerte der BGI-Chef zur Einstimmung gewohnt sonor ein bisschen in die Runde: Das Bürgerbeteiligungsverfahren für die Renaissance des Georgianums sei "nicht ehrlich gewesen", weil das Volk hier den Eindruck gewinnen konnte, es bekomme von der Verwaltung "vorgefertigte Meinungen vorgesetzt". Und wieso werden die Stadtratsprotokolle nicht online veröffentlicht? "Transparenz macht die Menschen erst sprachfähig! Je mehr ich weiß, desto besser kann ich mich beteiligen." Und dann immer diese Bürgerversammlungen. Für Lange eine Qual: "Da referiert der OB eine halbe Stunde lang, wie toll in Ingolstadt alles ist. Danach referieren die Referenten der Stadt und erzählen, wie bei einer Straßensanierung eine Grasnarbe von der linken auf die rechte Seite versetzt worden ist - und nach zweieinhalb Stunden sagt der OB zum Publikum: ,Jetzt sind Sie dran.' Dieser Ablauf muss sich unbedingt ändern!" Die BGI schlägt daher einen neutralen Moderator vor. Und eine zentrale Bürgerversammlung im Stadttheater. Außerdem fordert das Bündnis, die Jugend an Entscheidungsprozessen zu beteiligen.

Echte Bürgerbeteiligung und wahres Bürgerengagement: Da gibt es große Unterschiede! Wir merken uns: Unter Bürgerbeteiligung versteht man ein von der Verwaltung organisiertes Verfahren für ein strukturiertes Vorgehen zur Ermittlung des (mehrheitsfähigen) Bürgerwillens. Bürgerengagement dagegen entsteht ohne administratives Zutun, es entwickelt sich aus einer Gruppe heraus. "Es muss nicht organisiert oder von außen aktiviert werden", so definierte es Stadtbaurätin Renate Preßlein-Lehle. "Bürgerengagement ist da oder es ist nicht da." Dazu Lange: "Wir brauchen beides! Die Partnerschaft von Bürgern und Verwaltung." Aber nicht mit Jean-Pol Martin! Der emeritierte Eichstätter Pädagogikprofessor bevorzugt einen eher bürgerlich-rebellischen Ansatz: "Man muss immer von unten nach oben vorgehen, bis der OB nichts mehr zu sagen hat! Dafür brauchen wir kollektive Reflexion." Pluralität sei eine zentrale Voraussetzung, ergänzte Winfried Frey von der BGI, sie werde aber "gefährlich, wenn sie zu Ab- und Ausgrenzung führt - denn dann zergliedert sich Stadtidentität in viele kleine Identitäten". Doch man dürfe "niemals Meinungen kanalisieren!", warf Lange ein. Und: "Bürgerbeteiligung ist die klare Bringschuld der Verwaltung und des Stadtrats!"

Da traf ihn der entsetzte Blick eines Ingolstädters zwei Stühle weiter: "Haben Sie eben den Stadtrat als Teil der Verwaltung bezeichnet? Das ist ja schrecklich!" Darauf Lange (jetzt leicht gedämpft): "Das steht so in Artikel 30 der Bayerischen Gemeindeordnung." Da sah man wieder: Der BGI-Chef ist bei allem Willen zu Widerborstigkeit gegenüber der städtischen Obrigkeit halt auch noch Jurist.

Ingolstadt: Ingolstadt damals und heute: Aktuelle Stadtansichten von Erich Reisinger stehen über historischen Fotos.
Ingolstadt damals und heute: Aktuelle Stadtansichten von Erich Reisinger stehen über historischen Fotos. Die Ausstellung "Stadtidentität" im Neuen Schloss wurde bis 28. Januar verlängert
Hauser
Ingolstadt

Konstruktive und eher weniger konstruktive Bürgerbewegungen: Renate Preßlein-Lehle hat in ihrem bald neunjährigen Wirken als Stadtbaurätin viel Fronterfahrung gesammelt. Sie muss sich in Infoveranstaltungen, Bürgerversammlungen und Bezirksausschusssitzungen vorne hinstellen und das Volk besänftigen, wenn es in Wallung geraten ist. Ob Parkraumnot, Neubaugebiete oder Stauzonen - überall kann schnell der Funke überspringen. Bis es kracht. Es ist gewiss nicht immer eine Freude, Mitbürgern außer Rand und Band unbeachtete Perlen des Baugesetzbuchs ans Herz zu legen. Die Stadtbaurätin fragte: "Wenn eine Sache kompliziert ist, und die Verwaltung deshalb mehrere Alternativen bringt - wie geht es dann weiter? Wir sollen eine Straße beruhigen. Die einen fordern dort Aufenthaltsqualität, die anderen mehr Parkplätze. Wie kommt man bei stark gegensätzlichen Interessen zu einer Lösung?" Sie hat im Laufe der Jahre "zwei Arten von Bürgerbewegung" kennengelernt: "Die einen wollen jede Veränderung vor ihrer Haustür als gefühlte Bedrohung verhindern. Die anderen verfolgen übergeordnete Ziele und haben das Gemeinwohl im Blick."

Noch einmal die Frage: Wie findet man die beste Lösung? Dafür hat auch Lange kein Patentrezept parat. Er und Renate Preßlein-Lehle einigten sich zumindest auf die Feststellung: "Das ist anstrengend."

Echte Schanzer und wahre Lokalpatrioten: Die gebürtigen Ingolstädter - auf Neudeutsch Natives - waren klar in der Minderheit an jenem Abend. Die Fülle von Schanzern mit Migrationshintergrund darf als herausragendes Charakteristikum dieser Stadt gelten. Christian Lange wurde in 52152 Simmerath (Landkreis Aachen, Nordrhein-Westfalen) geboren und lebt seit 1995 in Ingolstadt. Renate Preßlein-Lehle ist Oberfränkin. Erich Reisinger, der für die Ausstellung im Schloss das Ingolstadt der Gegenwart fotografiert hat, kam im Alter von sechs Jahren aus Landshut nach Ingolstadt. Die Heimatstadt von Jean-Pol Martin ist Paris. Er findet die Ingolstädter Stadtgeschichte "faszinierend". Und es ärgert ihn, "dass viele nicht wissen, wie toll diese Geschichte ist. Das Identitätsangebot in Ingolstadt ist erstklassig!"

Allerdings kann es sein, dass Ingolstädter Natives da unterschiedlich zugreifen. Wie Winfried Frey, ein echter Schanzer. Er bekannte unbefangen: "Mich stört diese Überbetonung der Identität bei vielen Ingolstädtern. Was bringt es, dauernd darauf hinzuweisen, dass man ,ein echter Schanzer' ist und ,mit Schutterwasser getauft'? Was soll denn immer dieses blöde Schutterwasser? Das ist doch überhaupt nicht wichtig!"

Am Sonntag geht's weiter: Wie bitte? Blödes Schutterwasser? Das sollte man dringend ausdiskutieren! Zum Beispiel an diesem Sonntag, wenn um 19 Uhr im Neuen Schloss eine große Diskussion zur Ausstellung "Stadtidentität" beginnt. Mit auf dem Podium: OB Christian Lösel. Und ihm gegenüber: Christian Lange. Diesmal jedoch als einfacher Mann aus dem Volk. Irgendwo im Publikum.

Christian Silvester
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