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Günter Stössel und Sandy Wolfrum entdecken Ähnlichkeiten zwischen Englisch und Fränkisch

"Bow, doe dye hand doe wag"

Hilpoltstein
erstellt am 13.03.2018 um 17:59 Uhr
aktualisiert am 17.03.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Hilpoltstein (HK) Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit sind die Freunde der fränkischen Mundart in Hilpoltstein auf ihre Kosten gekommen. Nach Fitzgerald Kusz und Klaus Brandl kamen nun der fränkische Liedermacher Günter Stössel zusammen mit seinem musikalischen Partner Sandy Wolfrum.
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Hilpoltstein: "Bow, doe dye hand doe wag"
Ergänzen sich fränkisch-kongenial, werden allerdings auch mitunter langatmig: Liedermacher Günter Stössel (sitzend) zusammen mit seinem musikalischen Partner Sandy Wolfrum. - Foto: Klier
Hilpoltstein

"Tschäng-Bäng-Singmeräweng" hieß das Programm in der ausverkauften Residenz. Viel Originelles und Heiteres erfreute die Zuhörer - aber es gab auch etlichen Klamauk und langatmige Einführungen. Fast drei Stunden dauerte die reine Spielzeit. Nachdem es erfrischend begonnen hatte, konnten schließlich manche das Gähnen nicht unterdrücken, andere amüsierten sich immer noch.

Mit trockenem Humor stellte sich Günter Stössel vor. 1944 ist er in Nürnberg zur Welt gekommen, aber in Fürth aufgewachsen. Nach seinem Ingenieursstudium war er lange Zeit für eine Erlanger Weltfirma tätig, bevor er sich entschloss, sich kreativ zu entfalten. Sandy Wolfrum stellte sich als Bayreuther vor. Er schreibt seine Lieder selber. "Wagner, Wilhelmine von Bayreuth, Franz Liszt und Jean Paul sind auch Bayreuther, aber sie sind schon alle tot. Ich bin noch da!", stellte Wolfrum fest, um gleich den stimmkräftigen Beweis zusammen mit seiner Gitarre anzutreten: "Ich bin da, ihr seid da. Wissen ist nicht immer gut, weil Hoffnung manchmal besser tut."

Zum Titel "Es lebe die Kleinkunst" hatte ihn eine nur winzige Kleinanzeige in der Zeitung über seinen Auftritt inspiriert. Makaber-heiter ging es mit dem Geisterfahrerlied weiter, in dem sich der Fahrer über die verkehrt herum stehenden Schilder beschwert.

Danach war Günther Stössel an der Reihe. Verschmitzt lächelnd und mit trockenem Humor stellte er in einer Art Hommage alte Nürnberger Stätten vor, etwa die "Hertie-Wach", also das Zeughaus neben dem ehemaligen Kaufhaus Hertie. Karl Valentin und Bert Brecht seien im damaligen Café nebenan schon aufgetreten. "Jetzt wird mir der Hals wieder trocken", gestand er. Aber das "Seidla" war ja nicht weit. Es war am Mikrofonständer in Griffweite befestigt: "Ich trink ja net viel, ich spotz beim Singa des Meiste wieder raus!" Das "Gustenhufer Gärchla" kaufte Reizwäsche für sein Liesela ein und die Marktfrau Gunda Herbst hatte den unschlüssigen Kunden "ä Waffel ang'hängt". Damit war aber kein Süßgebäck gemeint, sondern das ist auf Hochdeutsch eine üble Nachrede. Das Baby ist zunächst "ä oddlis Bobbelä", "ä Waggelä", bis es schließlich zum "Banggerd" mutiert. Ebenso die Ehefrau, die von der "goudn Henna" zu "mei goude Sau" wird. "Is des ned der allerschönste Dialekt", heißt dazu der Refrain.

Wie man einem Verkehrsstau in Nürnberg begegnen könnte? Dafür hatte Stössel praktikable Vorschläge parat. Wenn sie "aaf Nämberch mit'm Audo neifahrn wolln", dann sollten die Eisenbahner über Gleisbühl kommen, die Maurer über Ziegelstein, die Metzger über Schweinau, die Apotheker über Pillenreuth, die Maler übers Färbertor und die Politiker über den Plärrer.

"Nämberch, English spoken" heißen die Erfolgsschriften von Günther Stössel. Darin beweist er höchst originell die zumindest phonetische Verwandtschaft des Englischen mit dem Fränkischen. Jeder kennt das Paradebeispiel "face". Im Englischen ist es das Gesicht, im Fränkischen sind es die Füße. "Bow, doe dye hand doe wag", sagt die Mutter beim Einkaufen zu ihrem Buben. Der unzufriedene Kunde schimpft: "Dare auto handler consign mist weeder home, den shy-sramble doe!" Alles sei vom Leiter des Sprachzentrums der Universität Erlangen-Nürnberg für sprachlich in Ordnung befunden worden.

Nun folgte wieder Sandy Wolfrums Auftritt. Er sang von seiner Liebe zum "Audo", von seinen Vaterfreuden in verflossener Zeit beim Windelwechseln und von seinem Kampf mit der modernen Technik. Einige gähnten schon, als Günter Stössel weitermachte. Zwar langatmig, aber voller Wortwitz und im wahrsten Sinn des Wortes "Bier-ernst" erzählte und sang er die Ballade vom armen Studenten, der einen alten Opel Corsa geschenkt bekommt, bei dem allerdings der TÜV fällig ist. Die Werkstatt soll die Schrottlaube herrichten. "Etz hammer halt ä wenig wos g'macht!", sagt man in der Werkstatt, und knöpft dem Studenten sein letztes Geld ab.

Nach ausführlichen Abhandlungen über die Kunst des Gitarrespielens wollte Stössel den gesamten Soundtrack aus "Alice's Restaurant" seinem Publikum doch nicht mehr zumuten. Der hätte nämlich weitere 90 Minuten gedauert.

Von Manfred Klier
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