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Heidecker Erzählcafé widmet sich alten Flurnamen Bürgermeister Wechsler tauchte zur Eröffnung im Freibad ab

Der "Lange Zaun" als Treffpunkt der Liebespaare

Heideck
erstellt am 12.02.2018 um 17:39 Uhr
aktualisiert am 16.02.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Heideck (HK) Das Thema "Heidecker Flurnamen" stieß im Erzählcafé auf große Resonanz. Und viele Besucher kannten Geschichten und alte Bezeichnungen zu den alten Flurnamen.
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Heideck: Der "Lange Zaun"   Treffpunkt der Liebespaare
Richard Böhm bedankt sich beim Heidecker Kinderprinzenpaar für dessen Auftritt im Erzählcafé. Böhm wird die Leitung des Cafés an Georg Hafner abgeben. - Foto: Peschke
Heideck

Auch das Kinderprinzenpaar Emily I. und Jurii I. machte im Bürgersaal seine Aufwartung und sorgte mit der charmant vorgetragenen Begrüßungsansprache und dem Paradetanz für Stimmung. Der Auftritt wurde vom Publikum stilgerecht mit einer Heidecker "Rakete" stampfend, klatschend und schreiend mit einem dreifachen "Heideck rot-weiß-blau, Heideck helau" belohnt.

Dann waren für mehr als zwei Stunden die historischen Flurbezeichnungen an der Reihe. Richard Böhm hatte dazu die historische Landkarte "Heidecker Flur" aus dem Bayernatlas mitgebracht, in der alle 18 ehemaligen Flurbezeichnungen wie Boint, Gänsbühl, Dietgraben, Siechenbach, Kappelsberg oder Tummelhaid eingetragen waren. Manche Flurnamen gingen auf die Gründung der Stadt Heideck im Jahre 1278 zurück, mit welcher der Stadt die Gerichtsbarkeit, die Marktrechte, Zoll- und Wiegerechte sowie die Münzprägung übertragen wurde.

Die Besucher im Erzählcafé kannten nicht nur die meisten Flurnamen, sie wussten auch, wo die Gebiete liegen. Der Flurname "Boint" umfasste den heutigen Bereich um den südlichen Stadtgraben und am Friedhof. Der "Gänsbühl" ist heute besser bekannt als Abelesbuck. Gertrud Peschke erzählte, dass dort ihr Großvater vor dem Anrücken der Amerikaner einige Gewehre in seinem Hopfengarten vergraben habe, die er später nicht mehr finden konnte. Die Flur "Dietgraben" habe man im Volksmund auch "Schleichersbuck" nach dem damaligen Besitzer genannt. Sie liegt hinter dem heutigen Spielplatz beim städtischen Kindergarten und führt bis in die "Höll" in Richtung Rudletzholz.

Zum Flurnamen "Siechenbach" wussten alle Gäste, dass in diesem Bereich früher die Menschen wohnen mussten, die eine ansteckende Krankheit wie die Pest oder andere Seuchen hatten. Beim Kappelsberg hatten viele Erinnerungen an das Schlittenfahren in der Winterszeit. Viele Lehrer seien früher mit der ganzen Klasse dorthin zum Schlittenfahren marschiert. Auch erinnerte man sich an Spaziergänge auf dem Weg vom "Ziegelmoos" hinauf über den Kreuzweg zur Kapelle und nach Rudletzholz und Besuche im Hahnenwirtskeller und Postkeller.

Die "Tummelhaid" war den meisten Besuchern ein nicht so geläufiger Flurname, denn die Heidecker nannten diesen Bereich früher am "Langen Zaun". Das war der ausgemachte Treffpunkt der Buben und Mädchen sowie der Liebespaare. Dort standen auch früher viele Bänke, von denen aus man einen wunderbaren Blick auf die Altstadt hatte. Etwas unterhalb entstand das Baugebiet "Am Langen Hardt". Der ganze Südhang war ein sehr begehrter Heidecker Baugrund.

Der "Vogelsbühl", von den Heideckern auch "Saumarkt" genannt, befindet sich in der Ecke, auf dem heute das BRK-Seniorenhaus am Schlossberg steht. Auf dieser Flur lagen einst auch der Wurmskeller und der Fischerkeller. In der "Horlanden", rechts der Straße nach Rudletzholz gelegen, hat die Stadt zur Erntezeit Apfelbäume an die Meistbietenden versteigert. Maximilian Peschke erinnerte sich, dass Bürgermeister Hans Stücklen dort in den 70er-Jahren persönlich die Obstbäume versteigerte. Er habe dort mit seinem Schwiegervater Hans Höfner jedes Jahr einen Baum für das Mosten ersteigert und wurde von ihm in die hohe Kunst des richtigen Steigerns eingeweiht. Roland Schütz erzählte, dass in der Horlanden immer wieder Streitigkeiten ausgetragen wurden und man sich dort schon mal zu einer Rauferei traf.

Die Flur "Neckenbach" erstreckte sich links der Straße zum Schlossberg. Man erzählte, dass dort ein Hopfengarten vom Wechsler-Bäck mit einem Weiher lag. Es habe vorzügliche Kirschen gegeben, die mancher Wanderer per "Mundraub" schon mal mitgehen ließ.

Zum Namen "Finsterloh" wussten alle Gäste, dass sich dort das legendäre Freibad "Finsterle" befand, das aus einer ergiebigen Quelle mit gutem Wasser gespeist wurde. Als eines der ersten Bäder im damaligen Landkreis Hilpoltstein wurde es 1934 unter Bürgermeister Josef Wechsler, einem Onkel von Karl Wechsler, gebaut. Josef Wechsler soll bei der Einweihung des Bades vom Sprungbrett ins Wasser gesprungen und "ewig" nicht aufgetaucht sein, sodass die Leute es mit der Angst zu tun bekamen. Er war seinerzeit einer der wenigen Heidecker, die überhaupt schwimmen konnten, und habe sich deshalb mit dem Tauchgang einen Spaß erlaubt. In den Erzählungen schwärmten viele von den Erlebnissen in " ihrem" Finsterle, das in den 70er-Jahren durch den Neubau ersetzt wurde, der jetzt saniert wird.

Auf der Gemarkung "Siebenloh" flossen früher hier und entlang der kleinen Roth die Wassermassen von Regengüssen aus Rambach und vom Schlossberg zur Stadthalle durch. Es konnten sich daher etliche Besucher noch an frühere Hochwasser erinnern. Dann war der heutige Festplatz mit Stadthalle und der Wäschweiher ein einziger See. Georg Hafner erinnerte sich, dass er als kleiner Bub die bei Hochwasser auf den Wiesen des nördlichen Stadtgrabens "gestrandeten" Karpfen einsammelte - eine willkommene Abwechslung im Speiseplan.

Am "Offenbrunn" befand sich nicht nur der Barthskeller, sondern auch die ergiebige Offenbrunnquelle, die bis 1948 der Wasserversorgung von Heideck diente. Es wurde bedauert, dass es von den ehemaligen sieben Heidecker Bierkellern nur noch den Mändlskeller an der Laffenauer Straße gibt.

Das "Bachi" war für alle Besucher ein aktueller Begriff, vor allem, weil dort in den letzten Jahren viele neue Häuser gebaut wurden. Es wurde erzählt, dass in dieser Flur einst Ferdinand Schmalz, der Mitglied der Silbervasen-Werksmannschaft von Herkules war, mit seiner Geländemaschine Sektionen ausgesteckt und zum Training gefahren ist. Er galt als einer der besten deutschen Geländefahrer und war der Initiator für die Gründung des Trial-Vereins MSC Jura Heideck in Liebenstadt. Andreas Meier erinnerte zum "Bachi" daran, dass dort am 31. März 1936 Franz-Xaver Steib beim Aufbau seines Hopfengartens von einem umfallenden Stamm tödlich verletzt wurde.

Richard Böhm bedankte sich abschließend für die rege Diskussion und die vielen Erzählungen zu den alten Heidecker Flurnamen. Er freute sich, dass sich Georg Hafner bereiterklärt habe, sein Nachfolger als Chef des Erzählcafés zu werden. Bis zur Sommerpause versprachen beide unter dem Beifall aller Anwesenden, sich als "Doppelspitze" um die Vorbereitung weiterer Themen zu kümmern.

Das nächste Erzählcafé findet am Donnerstag, 8. März, ab 14.30 Uhr im Bürgersaal des Heidecker Rathauses statt. Thema sind dann alte Klassen- und Kindergartenfotos aus der Zeit um den Zweiten Weltkrieg. Diese Fotos können ab sofort bei Roland Schütz zum Einscannen abgegeben werden und sollen dann am 8. März mit dem Beamer auf der Leinwand gezeigt werden. Richard Böhm erhofft sich, dass es gemeinsam gelingt, die Namen der abgebildeten Kinder zu enträtseln und Geschichten aus dieser Zeit zu erfahren.

Von Maximilian Peschke
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