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Michael Siwak aus Hilpoltstein sorgt mit seinem historischen Gefährt für Aufsehen - Der Weltmeister als Lehrmeister

Von der Harley zum Hochrad

Hilpoltstein
erstellt am 12.09.2018 um 14:43 Uhr
aktualisiert am 16.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Hilpoltstein (HK) Ein nostalgisch gewandeter Mann auf einem historischen Gefährt sorgt in Hilpoltstein seit einiger Zeit für Aufsehen. Hochradfahrer Michael Siwak ist die erstaunten und neugierigen Blicke aber längst gewohnt. Der 50-Jährige ist früher lieber Harley gefahren, doch längst ist das Hochrad sein Favorit.
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Hilpoltsteins Hochradfahrer: Michael Siwak mit seinem originalen Nachbau des historischen Gefährts aus dem Jahr 1885.
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Für alles, was Räder hat, interessiert sich Michael Siwak schon seit seiner Kindheit. Seit jeher bastelt der Mann, der in Magedeburg aufgewachsen ist, gerne an Fahrrädern, Mofas und Motorrädern herum. Sein großer Traum - eine eigene Harley Davidson - schien unerreichbar. Doch kurz vor dem Mauerfall flüchtete Siwak in den Westen, fasste dort schnell Fuß und konnte sich schon nach kurzer Zeit seinen Traum erfüllen.

Insgesamt vier Motorräder hatte sich Siwak nach und nach angeschafft. Um sich seine Ausbildung zum Tätowierer zu finanzieren, verkaufte er aber 1998 seine gesamte Motorradsammlung. Nach den rasanten Jahren auf den schweren Motorrädern hat es Siwak inzwischen zu den traditionellen Fortbewegungsmitteln der Menschheitsgeschichte zurückgezogen.

Noch sehr gut kann sich Siwak an seine erste Begegnung mit einem Hochrad erinnern. "Das war im September 2016 beim Oldtimertreffen der Bulldog-freunde in Unterrödel", sagt Siwak. Denn dort gab sich der "Radsherr" Helmut Walter vom Fahrradmuseum Pflugsmühle die Ehre und drehte mit seinem altertümlichen Rad einige Runden auf dem Gelände. "Ich war sofort fasziniert", erinnert sich Siwak. Nach einer interessanten Unterhaltung mit dem "Radsherren" hatte er Blut geleckt. Noch am selben Tag setzte er sich an den Computer, um noch mehr über Hochräder zu erfahren.

Bei einem Hochrad ist das vordere Rad riesig und das hintere klein. Die Pedale sind starr mit der Achse verbunden. Das heißt: Es gibt weder Freilauf noch Rücktrittbremse. Sobald das Rad rollt, drehen sich die Pedale. Eine richtige Bremse gibt es nicht. Die Bremse am Lenker hat nur eine Alibifunktion, verzögert wird durch das Gegentreten auf die Pedale.

Bei seinen Recherchen im Internet stieß Siwak nicht nur auf diverse Hochrad-Foren, in denen er sich zunächst allerlei theoretisches Wissen aneignete, sondern auch auf das Deutsche Fahrradmuseum in Bad Brückenau. Gezeigt wird hier eine umfassende Sammlung historischer Fahrräder mit 230 Fahrzeugen auf zwei Etagen.

Noch genau kann sich Siwak an seinen Besuch vor knapp einem Jahr erinnern. Denn er bekam in dem Museum auch die Möglichkeit, ein Vorführrad zu testen. Diese Gelegenheit ließ er sich nicht nehmen. Museumsleiter Ivan Sojc nahm sich viel Zeit und erklärte dem Neuling einige Tipps und Tricks für den richtigen Umgang mit dem Hochrad. "Nach zwei Stunden bin ich schon gefahren", erinnert sich Siwak. Wenn es auch noch eine recht wacklige Angelegenheit war. Dass er jenes Vorführrad - ein exakter Nachbau des Modells des tschechischen Fahrradbauers Josef Mesicek von 1885 - gleich mit nach Hause nehmen würde, hatte er nicht geahnt. "Das war mein Glückstag. Die Museumssaison war fast zu Ende und der Museumschef bot mir das Rad für 2400 Euro an", sagt Siwak.

Das fleißige Üben mit dem "Tschechen", wie Siwak sein Hochrad nennt, hat sich schnell ausgezahlt. Die Kunst beim Hochradfahren ist aber weniger das Fahren an sich, sondern vor allem das Auf- und Absteigen. Der Fahrer erklimmt das Gefährt über zwei am Rahmen angebrachte Sporne, lässt sich in den Sattel gleiten und tritt sofort los. Schaut man Siwak dabei zu, sieht das ganz einfach aus. Wer allerdings mit zu viel Schwung aufsteigt, saust unfreiwillig nach vorne wieder herunter.

"Zuerst hab ich in den Nebenstraßen trainiert, damit mich keiner sieht", erzählt Siwak. "Nach einigen Wochen wurde ich frecher und hab mich schon auf die Hauptschauplätze gewagt." Wertvolle Tipps bekam der Fahranfänger sogar von einem Weltmeister. Hochradkünstler Hans Bauer besuchte Siwak im November 2017 und erteilte ihm Unterricht.
Hochradfahrer Michael Siwak und seine vom Weltmeister ausgestellte „Fahrerlaubnis“.
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Dass der Weltmeister tatsächlich nach Hilpoltstein gekommen ist, lässt Siwak noch heute staunen. "Ich hatte ihn per E-Mail angeschrieben, hätte aber nie und nimmer damit gerechnet, eine Antwort zu bekommen", sagt Siwak. Am Ende stand der Weltmeister plötzlich vor der Haustür. "Und er hat gestaunt, wie gut ich schon fahren kann", sagt Siwak mit einem stolzen Lächeln im Gesicht.

Drei Stunden nahm sich Bauer Zeit, um den Hilpoltsteiner in die Feinheiten des Hochradfahrens einzuweisen. "Und schließlich stellte er mir sogar einen Führerschein aus". Eine Fahrerlaubnis braucht ein Hochradfahrer zwar nicht, aber aus dem Dokument samt Passbild ist zu ersehen, dass der Fahrer durchaus Herr seines Gefährtes ist - beglaubigt vom Weltmeister.

Im Januar hat sich Siwak sogar noch ein zweites Hochrad, einen "Schweden", für 1500 Euro angeschafft. "Der ist zwar nicht ganz so detailgetreu wie mein Tscheche", sagt Siwak. Aber als Ersatzrad, während der "Tscheche" beim Reparieren war, erfüllte es durchaus seinen Zweck. Kleine Reparaturen erledigt Siwak aber meist selbst. Neben seinen beiden Hochrädern nennt er auch ein historisches Fahrrad der DDR-Marke Phänomen Zittau aus dem Jahr 1937 sein Eigen.

Damit fährt es sich auch wesentlich leichter als auf dem filigranen Hochrad mit den rennraddünnen Reifen, sagt Siwak, der nach eigenen Angaben aber erst einmal mit dem Hochrad gestürzt ist. "Das war bei einer Tour um den Rothsee, als beim Wenden irgendwie die Kurve zu eng wurde", erinnert er sich. "Aber ich bin gelandet wie eine Katze und bin nahezu unverletzt geblieben. Nur ein Knopf an der Hose hat nach dem Sturz gefehlt", fügt er hinzu. Doch das war nicht weiter schlimm, schließlich trägt Hochradfahrer Siwak meistens Hosenträger, wenn er unterwegs ist.

Damit das Outfit aber auch zum Gefährt passt, dürfen Schirmmütze (hin und wieder auch Zylinder oder Melone), ein weites Hemd, Weste, Halstuch, Stoffhose (gerne auch im Nadelstreifendesign) und das passende Schuhwerk dazu nicht fehlen. "Für die Klamotten gibt es diverse Retro-Shops. Da werde ich immer fündig", sagt Siwak, dem das lässige Outfit mehr zusagt als Frack und Zylinder, in denen sich die meisten Hochradfahrer zur Schau stellen. Wie etwa beim Jahnradkriterium in Niederfrohnau bei Zwickau, wo Ende August im Rahmenprogramm auch eine Hochradshow mit eigenem Rennen stattfand. "Ich war dabei und hab den sechsten Platz unter 20 Teilnehmern" erreicht", sagt Siwak stolz.

In Zwickau lernte er auch den Österreicher Franz Seggl kennen. Der 73-Jährige aus Schladming ist ein Star in der Szene. Er hat schon die 100000-Kilometer-Schallmauer auf dem Hochrad gebrochen und kann mittlerweile 133000 zurückgelegte Kilometer vorweisen. So ein großes Ziel hat sich Siwak zwar nicht gesetzt, dafür reift in ihm aber ein anderer Gedanke:
Dass er jederzeit Herr seines Gefährts ist, zeigt der 50-Jährige auch bei seinen Runden um den Stadtweiher.
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2020 will er am "Knutsford Great Race" in England teilnehmen. Dieses Event in der kleinen Stadt südlich von Manchester findet nur alle zehn Jahre statt. 87 Fahrer aus aller Welt waren bei der jüngsten Auflage im Jahr 2010 am Start. "Und nur zwei aus Deutschland", hat Siwak recherchiert. In diesen illustren Kreis will er sich auf jeden Fall einreihen. Bei diesem Ausdauerrennen mit dem Hochrad wird drei Stunden durch den Stadtpark gefahren - oder so lange eben die Kraft reicht. Der Gesamtsieger Jim Brailsford legte in drei Stunden satte 66 Meilen zurück.

So hohe Ziele steckt sich Siwak aber nicht. Er möchte einfach die Atmosphäre unter Gleichgesinnten genießen. "Wir Hochradfahrer sind schon ein kleiner, durchgeknallter Kreis", sagt er schmunzelnd, ehe er elegant auf den Sattel gleitet und seine nächste Runde dreht.














 
Christa Bleisteiner
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