Mittwoch, 12. Dezember 2018
Lade Login-Box.

Kabarettist Jochen Malmsheimer geht in der Kulturfabrik auf wortgewaltige Bustour nach Venedig

Cogito ergo dumm

Roth
erstellt am 12.10.2018 um 18:23 Uhr
aktualisiert am 17.10.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Roth (HK) "Dogensuppe Herzogin - Ein Austopf mit Einlage", Untertitel: Nach Motiven von Erasmus von Rotterdam, der sich als einen Vermittler von Bildung sah, hat der Kabarettist Jochen Malmsheimer sein aktuelles Programm überschrieben. In der nahezu ausverkauften Rother Kulturfabrik bot er es mit Wortspielereien und Wortgewalt dem begeisterten Publikum.
Textgröße
Drucken
Fremd im eigenen Bus fühlt sich Jochen Malmsheimer bei seiner Tour nach Venedig.
Fremd im eigenen Bus fühlt sich Jochen Malmsheimer bei seiner Tour nach Venedig.
Klier
Roth
"Das Programm zerfällt in zwei Teile, ich beginne mit dem ersten", kündigt Malmsheimer an und sofort schüttet er ein Wortgewitter über seine Zuhörer aus, voller Witz und Ironie. Leider liest er aber sein gesamtes Programm ab, was die Wortfolge beschleunigt, angestrengtes Mitdenken erfordert und kaum Zeit für Applaus lässt. Schließlich will man ja nichts von den geistvollen Einlassungen überhören. Die Zellulartelefone seien außer Betrieb zu nehmen droht er: "Sonst werden Sie ein Teil der Unterhaltung und für das Gerät ist es das Aus!"

"Eine Busreise nach Venedig wäre schön", spricht es eines Tages aus seiner Gattin. Zwölf Stunden lang in Anwesenheit einer Gruppe fremder Menschen zu sitzen? Davor graust es ihm. Da kriegt er ja Karies in den Knien. Busse und Buße: Die Wörter ähneln sich. Trotz allem: Reisen bildet, und er fährt mit. Eine hochbarocke Dame wirft sich vor ihm in den Sitz, der gegen seine Knie kracht. "Ich weiß nicht, was es da zu lachen gibt", poltert Malmsheimer gegen einige Lacher an.

Vorne im Bus sitzen ein gedungener Kutscher und ein dürrer Reiseleiter. Schlechtes Serbisch oder halbes Deutsch sind von dort zu vernehmen. Gekleidet sind seine Reisegenossen in Marinebeige oder schlammfarbenes Rehgrau, da sticht sein prickelndes Zimt deutlich hervor. Das Paar hinter ihm redet sich mit Mutti und Vati an. Auf der Rückbank haben Jugendliche, offensichtlich gezwungenermaßen dabei, ein Feldlager aufgeschlagen. Die Boombox dröhnt. Sie unterhalten sich in "getippter Spreche" mit ihrem Handy, obwohl sie nebeneinander sitzen: Mehr Unfug war nie. Das liegt vielleicht am Testosteron. Test und Ost: Das sind zwei Wörter, die kritisch machen. Hinten schnarchen Mutti und Vati mit zurückgebeugtem Kopf und offenem Mund. Eine Amsel würde da einen Wurm hineinstopfen. "Ich fühle mich fremd im eigenen Bus", jammert Malmsheimer.

In der Fernsehanlage wird eine Talkshow über Bildung gezeigt. Fürchtegott hieß einer der Teilnehmer früher. Er ist verantwortlich für Abschiebungen und hat seinen Namen in Fürchteallah geändert. Nur nicht provozieren! Jetzt sollte die Regie einen Tusch einspielen. Das klappt erst mit Verzögerung. "Sekundenschlaf", stellt der Kabarettist schlagfertig fest. Nicht alle in der Bildungsrunde sind wirklich gebildet. Bildung ist, dass man was weiß, wird da erklärt. Dazu muss man lesen, man braucht eine Lektüre. "Ist das ein Befehl, an der Pforte zu lecken?" Bildung ist offensichtlich ein "Perpetuum debile".

Gerne möchte Malmsheimer, er sitzt ja immer noch im Bus und drunter zieht in der Dunkelheit Bayern durch, sich mal die Beine vertreten. "Die Füße darf man sich aber nicht vertreten", sinniert er. Essen gibt es im Bus allenfalls aus der Dose. Aber, es sei schon merkwürdig, dass Konservendosen bereits 1810 erfunden worden sind, der Dosenöffner aber erst 1855. Immerhin habe ja der Ingenieur Erwin Tupper aus dem Ort Langenweiler eine Kunststoffdose erfunden. Aus einer solchen Dose wird Malmsheimer selbst gemachter Kartoffelsalat angeboten. Bereits angegoren, wie sich später herausstellt.

Inzwischen liegt ein allgemeines Grundröcheln in der Luft. Auch er schläft ein und der Kartoffelsalat tut ein Übriges. Plötzlich sind im Bus die Gestalten seiner Kindheit und Jugend versammelt. Neben ihm sitzt nicht mehr seine Frau, sondern Käpt'n Silverstone. Aber da sind auch noch Wilhelm Tell, der Recke Siegfried, der Lokomotivführer Lukas, Martin Luther, Robin Hood, Winneone, Winnetwo, Winnethree, Sam Hawkins, der Doge von Venedig, Odysseus, Kriemhild, Cleopatra und wie sie alle heißen. Malmsheimer spielt sie in verteilten Rollen in einem atemberaubend schnellen Dialog. Zuletzt lädt der mitreisende Doge alle in seinen Palast in Venedig zur Suppe ein. Einmal verhaspelt er sich und kann vor lauter Lachen nicht weitermachen. Das Publikum quittiert es mit Applaus.

Häufig kommt er auf den Begriff Bildung zurück und fragt sich, ob angesichts mancher politischer Parteien doch manche Menschen schon als A?.löcher auf die Welt kämen?! "Cogito ergo dumm?" Er empfiehlt, daheim die Glotze auszumachen und den Kindern etwas vorzulesen.

Frenetischer Applaus holt Malmsheimer mehrmals auf die Bühne zurück. Da muss eine Zugabe folgen, die mit einem Wortschwall aus Bud Spencers Mund beginnt und mit dem Irischen Segenswunsch à la Jochen Malmsheimer endet: "Möge der Wind in Deinem Rücken nie der eigene sein."
 
Manfred Klier
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!