Sonntag, 18. November 2018
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Patrouillierende Soldaten und Stubenhocken mit Bürgermeister aus Höchstadt

erstellt am 09.11.2018 um 17:16 Uhr
aktualisiert am 14.11.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Auf seiner Weltreise mit dem Rad hat Marc Bernreuther inzwischen Armenien hinter sich gelassen.
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Kleine Orientierungshilfe in Armenien: 2400 Kilometer entfernt von Berlin, aber nur 850 Kilometer bis Teheran.
Kleine Orientierungshilfe in Armenien: 2400 Kilometer entfernt von Berlin, aber nur 850 Kilometer bis Teheran.
Bernreuther
Nach den ungeplanten Abenteuern mit einem spontanen Marathonlauf und einer mehrtägigen Bergtour hat der 25-Jährige jetzt die Staatsgrenze zum Iran überquert. In den nächsten Tagen will er das Land von Nord nach Süd durchqueren: "Das Abenteuer beginnt jetzt erst richtig. "

Tag66 (Shatin/Armenien): Nach einem gemeinsamen Frühstück am See heißt es Abschied nehmen. Die beiden Jungs aus der Schweiz, die wir auf dem Aragaz kennengelernt haben, müssen zurück nach Tiflis. Benni und Katha müssen sich um ihr Iran-Visum kümmern und wollen deshalb zurück nach Yerevan. Für mich beginnt dagegen die absolute Panorama-Etappe. Die Landschaft sieht durchgehend aus, als hätte sie Bob Ross persönlich gezeichnet. Zuerst geht es fast 70 Kilometer am See entlang. Der Sewansee ist doppelt so groß wie der Bodensee. Anschließend muss ich über einen Pass. Leider geht in dem Moment, in dem ich oben ankomme, die Sonne unter und es wird schlagartig eiskalt. Ich kann die Abfahrt nicht genießen und komme als Eisklotz unten an. Glücklicherweise finde ich im Tal sofort einen guten Platz zum Zelten. Mein Kocher streikt aber wieder, es reicht nicht, um Nudeln zu kochen. Deshalb gibt es Brühe mit Brot.

Tag67 (Sarnakunk/Armenien): Ich fühle mich so, als könnte ich heute gut Strecke machen, doch "leider" treffe ich nach rund 30 Kilometern am Straßenrand Toni und seine vier Chayas. Naja, eine davon ist seine Frau und die anderen ihre Schwestern. Toni hat heute Geburtstag und sie feiern. Wie in Armenien irgendwie üblich an einem Rastplatz mit mitgebrachtem Essen und natürlich Wodka. Ich habe Hunger und will mich auf die Menschen einlassen, daher folge ich der Einladung. Keiner spricht Englisch und so unterhalten wir uns hauptsächlich mit Zeichensprache. Ehe ich mich umschauen kann, habe ich nicht nur einen vollen Magen, sondern auch sechs Stamperl Wodka intus. Ich werde noch zu der Familie und zum Feiern nach Hause eingeladen. Sie erklären mir umständlich die Adresse, dann fahren sie zu fünft in ihrem Lada davon. Ich beschließe, der Einladung nur dann zu folgen, wenn das Dorf zufällig auf meiner Route liegt. Das tut es nicht. An einem schönen kleinen Stausee schlage ich mein Zelt auf.

Tag68 (Goris; Armenien): Ich stehe früh auf, denn heute will ich wirklich Strecke machen. Ich fahre entlang der Konfliktzone zwischen Armenien und Aserbaidschan. Patrouillierende Soldaten mit geladenen Maschinengewehren und Panzer begleiten mich den gesamten Weg. Ich beschließe nach 60 Kilometern und vielen viel zu kalten Nächten im Zelt, mein Glück mal nicht herauszufordern und irgendwann wieder krank zu werden, sondern mir für eine Nacht zum Aufwärmen eine günstige Unterkunft zu suchen. Für morgen ist Schnee angesagt, ich muss über den Meghri-Pass. Mal sehen, wie ich weitermache.

Tag 69 (Goris/Armenien): Heute war Stubenhocken angesagt. Aber der Tag brachte viel Gutes. Schon beim Frühstück hatte ich eine sehr nette Begegnung mit einer Delegation aus der Heimat. Die sechs Personen, zu denen ich mich an den Tisch setzte (unter anderem der Bürgermeister aus Höchstadt an der Aisch), sind im Namen der Hajastan-Armenienhilfe im Land unterwegs und heute eben auch in Goris. Später habe ich meine ganzen Eindrücke von Armenien in einem Video zusammengefasst. Morgen reißt es auf und ich kann weiterfahren. Vielleicht schaffe ich es direkt bis zur Grenze.

Tag 70 (Kajaran/Armenien) Ich habe heute morgen noch gewartet, bis das neue Video hochgeladen war. Deshalb bin ich einfach zu spät in Goris losgefahren, um es ganz bis an die Grenze zu schaffen. Aber ich war auf einem guten Weg, bis es dunkel wurde. 2500 Höhenmeter an einem Tag brauche ich trotzdem so schnell nicht wieder. Mangels Möglichkeiten, im Fels mein Zelt aufzustellen, musste ich ein Hotelzimmer nehmen. Wenigstens gab es das Abendessen umsonst.

Tag 71 (Staatsgrenze Armenien/Iran): Den restlichen Meghri-Pass hoch muss ich nochmal ganz schön kotzen. Durchgehend zwölf Prozent Steigung und die vielen Lastwagen, die einem den Dieselsmog bei der ohnehin dünneren Luft direkt ins Gesicht blasen. Pure Erleichterung, als ich endlich oben auf 2535 Metern angekommen bin. In Meghri kurz vor der iranischen Grenze genehmige ich mir noch ein Mittagessen von meinem restlichen armenischen Geld, dann bin ich bereit für den Grenzübergang. Die pure Aufregung. Aber es läuft alles überraschend problemlos. Die Beamten haben wenig Bock, meine ganzen Taschen zu durchforsten und winken mich einfach durch. Die Zeitrechnung ist jetzt eine andere: eine halbe Stunde vor (solche Hipster! ) und 621 Jahre zurück. Wir schreiben jetzt das Jahr 1397 nach Mohammed.

Tag 72 (Ersi/Iran): Als ich aufwache, regnet es. Bis es um 13 Uhr aufhört, bleibe ich in meinem Zelt. Nachdem ich zusammengepackt habe, werde ich von zwei Soldaten kontrolliert und gefilzt. Als ich endlich weiterfahren kann, lohnt es sich schon kaum mehr, überhaupt noch zu fahren. Es ist bereits 15 Uhr. Die ersten sieben Kilometer meiner Strecke folgen mir die beiden Soldaten noch auf ihrem Motorrad und ich bin genervt. Nach 20 Kilometern komme ich in den ersten Ort, nach Ersi. Dort werde ich von jungen Iranern auf Tee und später auf Hot Dogs eingeladen. Über Nacht kann ich bei Vahid, dem Schreiner, und seinen Eltern zu Hause bleiben. Ich bekomme sogar ein Abendessen. Das erste Mal bei Iranern zu Hause eingeladen und alles ist so anders!

Tag 73 (Tabriz/Iran): Heute möchte ich bis nach Tabriz kommen. Eine wirklich weite Etappe, weshalb ich froh bin, dass Vahid darauf besteht, mich noch mit dem Auto in den nächsten, 15 Kilometer entfernten Ort zu fahren. Unterwegs erzählt er mir stolz, dass er gar keinen Führerschein mehr hat. Dann mache ich mich auf den Weg. Es regnet und es ist kalt. Umso glücklicher bin ich, dass ein Lastwagen direkt vor mir den Warnblinker reinhaut und anhält. Ein kleiner dicker Mann steigt aus und wedelt mit einer Thermoskanne. Er bietet mir an, mich ein Stückchen mitzunehmen. Ein Stückchen ist gut. Ich spare mir so weitere 50 Kilometer und die beiden Anstiege auf meinem Weg nach Tabriz. Ich bezweifle, dass ich das heute sonst gepackt hätte.


 
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