Daiting

"Zur Politik bin ich ganz klischeehaft gekommen"

Die gebürtige Neuburgerin Eva Lettenbauer sitzt seit November für die Grünen als jüngste Frau im bayerischen Landtag

01.02.2019 | Stand 02.12.2020, 14:43 Uhr
  −Foto: Andreas Gregor, privat

Daiting/Neuburg (DK) Das künftige Regionalbüro der Grünen in Donauwörth wirkt noch etwas kahl. Ein Tisch, drei Stühle und einige Wahlplakate - mehr gibt es bislang nicht zu sehen.

"Das ist hier alles noch in der Mache", entschuldigt sich Eva Lettenbauer, als sie mit einem strahlenden Lächeln und einem ebenso strahlenden gelben Pullover die Tür öffnet. Das Leben der gebürtigen Neuburgerin hat sich in den vergangenen Monaten ganz schön verändert. Die 26-Jährige aus Reichertswies, einem Gemeindeteil von Daiting im Nachbarlandkreis Donau-Ries, hat ihren Job als Wirtschaftsingenieurin vorerst gegen den bayerischen Landtag getauscht. Im November 2018 ist sie in den achtköpfigen Fraktionsvorstand der Grünen gewählt worden und dort als stellvertretende parlamentarische Geschäftsführerin sowie Sprecherin für Arbeitsmarktpolitik, Frauen und Jugend tätig.

"Zur Politik und den Grünen bin ich ganz klischeehaft gekommen", verrät Lettenbauer. 2011, als die Nuklearkatastrophe von Fukushima passierte, habe sie an einer Demonstration in Donauwörth teilgenommen und sei dort mit den Grünen in Kontakt gekommen. "Ich habe mir dann auch das Parteiprogramm der SPD bestellt, aber das hat nix geholfen", erzählt sie und lacht. Die Kombination aus Sozialem und Ökologischem habe sie einfach überzeugt. Vor allem bei der Grünen Jugend hat sich Lettenbauer engagiert: Politische Geschäftsführerin und Sprecherin im Vorstand der Grünen Jugend Schwaben, Landessprecherin der Grünen Jugend Bayern und 2018 schließlich die Kandidatur für den Landtag.

"Es ist ein ganz großer Unterschied, ob man Politik ehrenamtlich, nebenbei am Wochenende, macht oder hauptamtlich", erklärt die 26-Jährige. "Vorher war ich nicht mehr als ein Gast bei Fraktionssitzungen. " Jetzt ist sie die jüngste Frau im Landtag, hat ein Büro im Maximilianeum, zwei Regionalbüros in Donauwörth und Dillingen, Mitarbeiter, einen vollen Terminkalender und kann sich "voll auf die Politik konzentrieren".

Montags und freitags nimmt Lettenbauer Termine in der Region war, trifft sich mit Interessensvertretungen und Bürgern, beantwortet Anfragen und Briefe. Von Dienstag bis Donnerstag ist sie bei Sitzungen in München: Fraktionsbesprechungen der Grünen sowie der Arbeitskreise Wirtschaft und Soziales, Plenarsitzungen und Ausschusstage. "Das ist schon viel Hin- und Hergefahre", sagt die junge Politikerin, die nach wie vor in dem 60-Seelen-Dorf Reichertswies wohnt, "aber wenn's mal länger dauert, habe ich in München auch ein Zimmer". Selbstverständlich geht es mit dem Zug in die Landeshauptstadt und zurück. "Eines meiner politischen Ziele ist ja auch die Stärkung von Bus und Bahn", fügt sie hinzu. Besonders die Themen Frauen, Jugend und Arbeit liegen der 26-Jährigen am Herzen. Dass Frauen immer noch weniger als Männer verdienen, dagegen müsse etwas getan werden, außerdem brauche es grundsätzlich mehr Frauen in der Politik. Jugendliche sollten mehr Beteiligungsmöglichkeiten haben und früher mitbestimmen können, fordert Lettenbauer. Auch die betriebliche Mitbestimmung und Weiterbildungen gehören gestärkt.

Ihren neuen Arbeitsalltag beschreibt die Landtagsabgeordnete als "gute Mischung" und "total vielfältig". Es gehe ja nicht nur um Sitzungen und Besprechungen, "ich beantworte Mails, bereite Reden und Anträge vor, für die ich auch recherchieren muss und besuche Veranstaltungen". Vor allem Diskussionen in Schulen seien "richtig cool", weil die Schüler gute Fragen stellen würden und überhaupt nicht unpolitisch seien. "Die Jugend ist durchaus gut informiert und auf Zack. " Auch die aktuellen Demonstrationen "Fridays for Future", bei denen Jugendliche für den Klimaschutz auf die Straße gehen, sieht die 26-Jährige als "unterstützenswert" an. "Das ist halt ziviler Ungehorsam für einen guten Zweck", trotzdem dürfe Schule schwänzen dafür nicht zum Dauerzustand werden. "Ich denke, wenn ich noch Schülerin wäre, würde ich auch mitmachen", gesteht Lettenbauer.

Mit Blick auf die vergangenen Monate und den damit verbundenen Veränderungen, ist die gelernte Wirtschaftsingenieurin "total zufrieden, wie es gekommen ist". Anfangs hätten die anderen Abgeordneten zwar "abgecheckt", ob bei einer der Jüngsten wirklich was dahintersteckt, "aber ich bin schnell ernst genommen worden und habe mir Achtung erkämpft".

Auch ihre erste Rede vor dem Plenum - rund 200 Abgeordnete - hat die 26-Jährige bereits gemeistert. "Mir sind die vier Minuten echt kurz vorgekommen. " Wichtig sei, dass man sich einige Tage zuvor einliest, Argumente auswählt und das mit der Redezeit übt, sonst werde man von der Präsidentin ermahnt. "Obwohl ich im Wahlkampf und bei Veranstaltungen schon gesprochen habe, war das im Landtag nochmal etwas anderes und besonderes", sagt Lettenbauer. Für den AfD-Eklat bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus im Landtag findet sie auch klare Worte: "Das war absolut unpassend und zeugt von keinerlei Respekt. " Allgemein sehe sie die Partei als "hochproblematisch" an und hoffe, dass sie bald nicht mehr im Landtag sitzt.

In den kommenden fünf Jahren steht bei der Reichertswieserin jetzt erst mal die Politik im Fokus, in ihrem eigentlichen Beruf ist sie dafür freigestellt. Und danach? "Eins nach dem anderen", sagt Lettenbauer. "Es ist auf jeden Fall wichtig, eine Alternative zu haben. " Privatleben und Politik miteinander zu vereinen, sieht die junge Frau als "eine Herausforderung, die zu schaffen ist". "Da muss man sich Sonntage eben strikt freihalten oder mal einen Termin absagen. "

Das bisschen freie Zeit verbringt Eva Lettenbauer gerne in der Natur beim Wandern oder Schwimmen. "Wir sind früher auch öfter mal in Neuburg entlang der Donau spazieren gegangen", erinnert sie sich. "Da ist es richtig schön und die Stadt ist wirklich nett. " Auch der Kontakt zu Freunden und der Familie ist sehr eng. "Beim Essen kann es da schon mal turbulente Debatten geben", sagt die 26-Jährige, "weil man nicht immer einer Meinung ist - aber so soll es ja auch sein. "

 

Luisa Riß