Pfaffenhofen

Von unten die Welt verändern

Der Mann packt an

31.08.2018 | Stand 02.12.2020, 15:46 Uhr
Ein Politiker packt an: Markus Käser (rechts) brachte mit seinem "Käser-Express" Altenheimbewohner zum Wolnzacher Volksfest. Im Festzelt gab es für die betagten Gäste Hendl und Bier. −Foto: Herchenbach

Pfaffenhofen (PK) Der Mann packt an: Einer 82-Jährigen hilft er aus dem Rollstuhl, hakt sie unter und führt sie behutsam zum Bummelzug. Dem 76-Jährigen, der sich gebeugt an seinem Rollator festhält und vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzt, reicht er die Hand, fasst ihn um die Hüfte und hilft ihm auf die Sitzbank. Dann eilt er ans Zug-Ende und verstaut den Rollator neben dem Rollstuhl.

Der Pfaffenhofener SPD-Stadtrat, Kreisrat, Vorsitzender von Ortsverein und Kreisverband seiner Partei, Markus Käser, ist im Wahlkampf um einen Sitz im Maximilianeum: Die Delegierten haben ihn einstimmig zum Direktkandidaten nominiert. Und Käser ist sich sicher: Jetzt, im zweiten Anlauf, schafft er es. 2013 holte er für seine Partei mit 19,9 Prozent zwar immerhin das beste Ergebnis in der Region, aber CSU-Mann Karl Straub hatte mit 47,1 Prozent klar und deutlich die Nase vorn.

Heute ist Käser in Wolnzach unterwegs. Willi Amann, Senior-Chef des Pfaffenhofener Busunternehmens, hat frühmorgens "Paffi" rübergefahren. Die ehemalige Gartenschau-Bahn ist mit unübersehbarer Beschriftung zum "Käser-Express" mutiert. Und der fährt jetzt beim Seniorenheim Röhrich und dem BRK-Haus vor, um die Bewohner zum Volksfestplatz zu bringen. "Die Menschen da abholen, wo sie sind", das ist Käsers Wahlkampf-Strategie. Er hält nichts davon, sich mit Prospektmaterial unter einen roten Sonnenschirm hinter einen Biertisch zu stellen. "Da siehst du schon von weitem, wie die Leute die Richtung ändern und einen Bogen machen", sagt er. "Die Fahrt mit der Bimmelbahn zaubert ein Lächeln ins Gesicht", hat Käser erfahren, der seit April mit seinem "Express" im Landkreis unterwegs ist. Statt Partei-Prospekten, Kugelschreibern oder Luftballons gibt's für die betagten Fahrgäste im Festzelt Hendl und ein Bier.

Eine Gemeinschaftsaktion - das ist es, für das der 42-Jährige brennt. Nicht von oben herunter mit theoretischen Konstruktionen aus den politischen "Elfenbeintürmen in Berlin und München" will er die Gesellschaft verändern, sondern von unten. Wenn Wohnungen fehlen, dann lädt er keine Experten zu Diskussionsrunden ein, sondern gründet eine Wohnungsbau-Genossenschaft. Wenn Bedürftige sich keine neuen Klamotten leisten können, initiiert er die Kleiderkammer. Wenn über alternative Energie geredet wird, dann handelt er: Käser ist Mitbegründer des Energie- und Solarvereins Pfaffenhofen und Gründungsmitglied der Bürgerenergiegenossenschaft Pfaffenhofen. Von der kommunalen Ebene aus die Welt verändern, das ist sein Plan: "Energiepolitik ist Friedenspolitik", davon ist er überzeugt. "Die Kernursache aller Probleme ist die Energieversorgung." Durch die Drohung des iranischen Präsidenten Rohani, im Fall von US-Sanktionen die Straße von Hormuz im Roten Meer für Öltanker zu sperren, sieht sich Käser bestätigt.

"Manche denken ja, wenn sie erst in München oder Berlin als Abgeordnete gelandet sind, dann haben sie's geschafft. Aber Politik machen heißt arbeiten, arbeiten, arbeiten." Stillstand, den Ist-Zustands entspannt verwalten, das kann er nicht. "Das schlimmste ist doch zu sagen, alles ist alternativlos." Er will Strukturen verändern, damit die Welt gerechter wird. Das hat er schon als Schülersprecher der Pfaffenhofener Realschule getan. Die Struktur sagte: Gymnasiasten dürfen nicht zu Realschul-Festen. Käser sah das als ehemaliger Gymnasiast nicht ein. Er erwirkte keine Ausnahmegenehmigung, sondern eine Strukturveränderung.

"Wenn Kinder und Jugendliche eine Subkultur brauchen, dann organisiere ich das", sagt der gelernte Sozialpädagoge, der in Pfaffenhofen als Jugendpfleger gearbeitet hat. Der Rufbus, die Skatehalle, das Jugendparlament, richtungsweisend in Bayern, seien auf seinem Mist gewachsen, blickt er zurück. Mist im Sinne von Humus: 2007 ist Käser der SPD beigetreten, weil er einen "Nährboden", wie er das nennt, für seine Ideen suchte. Ein Jahr später wurde er zum Stadtrat gewählt. Seine Partei schaffte es zusammen mit ihren Partnern in der Bunten Koalition, die CSU in die Opposition zu schicken.

Käser ist Sozialdemokrat bis ins Mark. "Dass der Mensch besser werden kann, das ist Sozialdemokratie." Enttäuschungen steckt er scheinbar mühelos weg. Nach Wolnzach ist er in Flip-Flops gekommen. Auf den Riemen steht: "CSU-Wahlschlappe." "Ach die", sagt Käser und schaut an sich hinunter, "die hatte ich noch vom Wahlkampf 2008." Die CSU verlor damals mit Beckstein die absolute Mehrheit, insofern hat die Käser-Schlappe gehalten, was sie versprach. Aber auch seine Partei fuhr mit 18,6 Prozent ihr bis dahin schlechtestes Ergebnis ein. Einen Mann wie Käser entmutigt das nicht, im Gegenteil: Vor einem Jahr hat er versucht, als Steuermann das Ruder in die Hand zu nehmen und als Landesvorsitzender das SPD-Schiff flott zu machen. Er unterlag, die klare Siegerin war Natascha Kohnen. Ihr Erfolg ist mäßig, die SPD ist in den Umfragen der letzten Monate bei etwa zwölf Prozent wie festgetackert. Für Käser wenig erstaunlich: "Anstatt sich nur noch als soziales Korrektiv einer planlosen CDU/CSU zu positionieren, sollte die Partei in meinen Augen progressive, optimistische Ideen für ein besseres Leben - bei uns und global - vertreten."

Ein besseres, ein gerechteres Leben - Käser ist davon überzeugt, dass die Menschen das wollen. Um das für sie als Politiker zu erreichen, müsse man "mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und immer im direkten Kontakt mit den Menschen sein". Der Mensch brauche Führung, er wähle einen Politiker nicht, damit der ausschließlich seine Wünsche umsetzt, sondern er wähle Eigenschaften, Fähigkeiten und eine Haltung. Und deshalb versteht Käser Politiker nicht, die ohne Not ihre Haltung ändern. Manche würden über ihn sagen, er habe keinen Hals, "aber ich habe ein Rückgrat". Das sprechen ihm auch politische Gegner nicht ab.

Der Landtagskandidat sieht die Politik vor gewaltigen Herausforderungen: "Wir stehen vor einem Paradigmenwechsel." Wohlstand durch Wachstum sei an seine Grenze gekommen. Von den schwindenden Ressourcen abgesehen: Wenn Familien zwei Autos und vier Handys besitzen, was kommt dann noch? "Wenn Sie alt sind", sagt Käser, "fallen Sie aus diesem Kreislauf raus. Schauen Sie sich die Senioren an: Ohne fremde Hilfe sind die total aufgeschmissen." Das sei die gesellschaftliche Zukunft: Mitgefühl, gegenseitiges Helfen. Und weil wir uns in einer Zeit der Entsolidarisierung befinden würden und Probleme weit über die Stadt- und Landkreisgrenzen hinaus reichen, will er die globalen Zusammenhänge erklären, die sich ganz unten, auf kommunaler Ebene, niederschlagen. Mit der Ausbeutung ganzer Kontinente "bekommen wir das zurück, was wir gesät haben. Und trotzdem muss ich jedem einzelnen erklären, warum dieser Flüchtling jetzt hier ist. Wir sind die Ursache."

Käser ist überzeugt: "Bayern und SPD, das geht!" Wie, das macht er auf der unteren Ebene, in Pfaffenhofen, vor. Was er in der Politik vermisst? "Da ist oft zu wenig Mut, die notwendigen Dinge anzupacken." Was ihn frustriert? "Dass alles viel zu langsam geht."
 

Albert Herchenbach