Heimat auf vier Rädern

Tina Gronert und Sandra-Isabel Knobloch reisen seit neun Jahren mit dem Van durch Europa

27.04.2022 | Stand 30.04.2022, 3:34 Uhr
Claudia Winter
Klein aber fein: Für Tina Gronert (links) und Sandra Knobloch gibt es kaum etwas schöneres, als mit ihrem umgebauten VW-Bus durch ganz Europa zu reisen. −Foto: Hanne

Im Urlaub in einer Wohnung mit vier Quadratmetern unterkommen - das klingt zunächst unvorstellbar und so gar nicht nach Genuss und Komfort.

Tina Gronert und Sandra-Isabel Knobloch können sich hingegen keine bessere Art zu reisen vorstellen: Als "euroamers" sind die beiden schon seit Jahren in ihrem umgebauten VW Bus in ganz Europa unterwegs.

Gerade sind sie braun gebrannt und entspannt von einer Tour auf Amrum zurück und erzählen, was für sie den besonderen Reiz dieser Art zu reisen ausmacht. Der weiße Van mit dem hellgrünen Streifen sieht dafür, dass er schon über 300.000 Kilometer auf der Haube hat, noch richtig fit aus. Das ist den beiden auch wichtig. "Das ist ja wie unser Zuhause", sagt Knobloch. Ordnung, Sauberkeit und dass alles zuverlässig funktioniert, bevor sie wochenlang die Welt erkunden, ist ihnen sehr wichtig.

Ein Zuhause auf vier Rädern

Die Liebe zum Detail wird sichtbar, sobald Tina Gronert die Schiebetür öffnet. Der Innenraum ist in warmen Holztönen und Laubgrün gehalten. Auf der hinteren Sitzbank, die zu einem Bett umgeklappt werden kann, liegen ein großes Kissen und Decken. Seit 2013 sind Knobloch und Gronert so unterwegs. Tina Gronert brauchte eigentlich ein Auto. "Ich hab das geheim für mich geplant", sagt die 46-Jährige und schmunzelt. "Ich hab' mir gedacht, jetzt oder nie. " Von dem Gedanken getrieben, auf jeden Fall noch viel erleben zu wollen, entschied sie, einen Van zu kaufen. Nach nur zwei Tagen Suche wurde sie fündig - am Abend gehörte ihr der VW Bus. "Das war fast wie Schicksal. "

Einiges hat der Wagen damals schon mitgebracht, beispielsweise die Standheizung. Die Basis haben die beiden dann von einem Profi ausbauen lassen. Der Bus erhielt eine Dämmung und Innenverkleidung, einen Boden in Holzoptik sowie LED-Deckenlichter und die Rückbank. "Die anderen Möbel haben wir uns selbst ausgedacht und von einem Bekannten schreinern lassen", sagt Knobloch, ebenfalls 46 Jahre alt. Außen prangt das Logo der "euroamers". Der Name ist eine Kombination aus EU und dem englischen Wort "roam", was so viel bedeutet wie "durchstreifen". Innen und auf der Vorratskiste zeugen zahlreiche Aufkleber von den verschiedenen Ländern und Regionen, in denen die beiden schon unterwegs waren. "Wir haben von Reise zu Reise die Ausstattung weiterentwickelt", so Knobloch.

Eine kleine Koch-Ecke mit Induktionsplatte und Kühltruhe gibt es ebenfalls. Dennoch legen die beiden viel Wert darauf, auf Campingplätzen zu stehen und nicht wild zu parken. Vor allem die Infrastruktur mit Strom und Sanitäranlagen, einen Ansprechpartner zu haben, aber auch ein gewisses Maß an Sicherheit sind ihnen wichtig. "Es gibt tolle naturnahe Campingplätze", sagt Gronert, auf denen man sich dennoch fühlt, als wäre man allein in der Wildnis.

Von Island nach Sizilien

"Die Frage nach den Lieblingszielen stellen wir uns sehr oft", sagt Gronert. "Zwei Highlights waren Island und Sizilien. Im Norden ist die Natur ganz besonders und in Sizilien war es der südliche Lebensstil", sagt Knobloch. Wenn es geht, reisen sie außerhalb der Saison. Tina Gronert arbeitet als Lehrerin, Sandra-Isabel Knobloch ist Percussionistin und gibt ebenfalls Unterricht.

"Wir versuchen, möglichst intensiv in das jeweilige Land einzutauchen", sagt Gronert. Von Kultur und Kulinarik über Kunst bis zur Natur wollen sie alles aufnehmen. Auch die Sprache wenigstens etwas zu beherrschen gehört für die beiden dazu, weil sie der jeweiligen Kultur Respekt entgegenzubringen. "Ich will zeigen: Ich interessiere mich für dich, ich interessiere mich für dein Land. "

Negative Erlebnisse haben die zwei nur selten gehabt. "Vor ein paar Jahren wurde in Göteborg ins Auto eingebrochen. Der hat die Scheibe eingeschlagen, als wir 20 Minuten einkaufen waren. " Besonders das Gefühl, dass jemand gewissermaßen in ihr Heim eingedrungen war, bedrückte die beiden. Der Täter wurde später geschnappt.

Reisen heißt Lernen

Mit dem VW Bus unterwegs zu sein, hat Gronert und Knobloch geprägt. "Es verändert einen, diese Art zu reisen. Man wird viel aufgeschlossener", sagt Gronert. Vorurteile werden weniger präsent. Sandra-Isabel Knobloch beschreibt eine andere Entdeckung, die sie über die Jahre gemacht hat: "Man entdeckt Ähnlichkeiten, von Schottland bis Portugal, es gibt viele Gemeinsamkeiten, oft nur mit anderen Bezeichnungen und trotzdem die kleinen, aber feinen Unterschiede. " Eine weitere Lektion, die beide gelernt haben: Weniger ist mehr. Mit wie wenig Gepäck man wochenlang auskommen kann, wenn man nicht mehr Platz hat, ist beeindruckend.

Dass das Reisen im Van in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Trend geworden ist, hat für die beiden positive und negative Aspekte. "Alle wollen in die Natur, aber schaden der Natur", sagt Gronert. Neulinge sehen im Internet Bilder von Lagerfeuer und Sternenhimmel auf einer grünen Wiese direkt am See, obwohl man dort eigentlich gar nicht stehen darf. Die beiden berichten von Campern, die auf Island Wanderwege entlang fahren, um möglichst nah an Sehenswürdigkeiten zu kommen. Und auch der Müll, der teilweise zurückbleibt, ist ein großes Problem. "Das schadet leider oft grundsätzlich dem Camper-Image. "

Positiv sehen die beiden, dass nicht nur die Branche wächst und Campingplätze profitieren, sondern auch, dass die Community immer größer wird. "Man kommt ins Gespräch und tauscht sich aus", sagt Tina Gronert. Inspiration, Rezepte, Packlisten und Reise-Routen stellen die zwei allen Interessierten auf ihrer Internetseite unter the-euroamers. eu zur Verfügung.

DK

Karen Hanne