Sternstunde im kleinen Kirchenraum

Beim Tag des Streichquartetts gastierten das Modern String Quartet und das Henschel-Quartett in Pfaffenhofen

28.09.2020 | Stand 23.09.2023, 14:25 Uhr |
Spitzenquartette in Pfaffenhofen: Das Modern String Quartet (links) setzte sich mit Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" in der evangelischen Kreuzkirche auseinander, das Henschel-Quartettt spielte Beethoven und Schulhoff. −Foto: Schulze-Reimpell

Pfaffenhofen - Die Not ist groß.

Viele Musiker sind durch die Covid-19-Krise "praktisch mit einem Berufsverbot belegt", schreibt die Geigerin Anne-Sophie Mutter in einem Grußwort zum Tag des Streichquartetts. Die Künstler wollen auftreten, spielen, aber sie können oft nicht. Deshalb greifen sie zur Selbsthilfe. Zusammen mit rund einem Dutzend Rotary Clubs in Bayern haben sie eine Art Festival initiiert. Geld, das an diesem Wochenende des 26. und 27. September erwirtschaftet wird, soll notleidenden Musikern helfen.

Erstrangige Quartette haben sich zusammengefunden, um meist in kleinen Orten Benefizkonzerte zu geben, darunter Buchloe, Andechs, die Gemeinde Wald und Landsberg. 10 Ensembles gaben so insgesamt 16 Konzerte. Besonderes Glück hatten dabei die Pfaffenhofener, bei denen gleich zwei Streichquartett-Ensembles in der evangelischen Kreuzkirche gastierten, überdies zwei der berühmtesten und besten Quartette überhaupt. Den Auftakt machte das Modern String Quartett (MSQ), später spielte das Henschel-Quartett.

Zwischen den beiden Formationen liegen Welten. Das MSQ zählt zu den erfolgreichsten stilistischen Grenzgängern überhaupt. Klassische Quartett-Literatur spielen sie selten, die Klassik ist für sie vielmehr seit ihrer Gründung 1983 fast immer der Ausgangspunkt, von dem aus sie weiter vordringen in Region des Jazz, des Rock oder Pops. Weit über tausend Konzerte haben sie so gegeben, gastierten in zahlreichen großen Konzertsälen und bei wichtigen Festivals. Das in München ansässige MSQ ist einmalig, grandios und so bekannt in Deutschland wie kaum ein anderes klassisches Ensemble.

In der Kreuzkirche präsentierten sie ihr neues Programm "Framed in Jazz - Pictures at an Exhibition" und taten genau das, was von den vier Musikern zu erwarten war: Sie begannen mit der "Promenade" aus Modest Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung", und dann ging es gleich weiter in Richtung Jazz. Sie fügten sozusagen eigene Bilder zu Mussorgskys Ausstellung hinzu, manche waren völlig unabhängige Jazzstücke, dann tauchten wieder Motive aus dem berühmten Zyklus auf, wurden aber sofort weiterverarbeitet. Das alles war wunderbar unorthodox, überschritt alle stilistischen Grenzen. Da swingte mal die Geige, jaulte schräge Bluenotes, während das Cello in die Rolle des Walking-Bass schlüpfte und die anderen Musiker über die Geigen schlugen als wären es Gitarren. Dann wieder klang die Musik maschinenartig wie früher Schostakowitsch oder zuckersüß musicalselig. Das alles war vor allem deshalb so hinreißend, weil fast alle Stücke komplex und hochinspiriert komponiert waren. So erwies sich die Auseinandersetzung mit dem berühmten Klavierzyklus vor allem als ein großer, etwa 80-minütiger Spaß.

Viel seriöser ging es danach beim Henschel-Quartett zu, das Werke von Ludwig van Beethoven und Erwin Schulhoff aufs Programm gesetzt hat. Schulhoff (1894-1942) wurde von der Musikgeschichte leider fast vergessen. Dabei hat er fantastische Werke hinterlassen, die Elemente von Atonalität, Jazz und Folklore geschickt amalgamierte. Vor allem aber sind die Werke äußerst zugänglich, wirken oft wie die logische Fortsetzung der fast volkstümlichen Kompositionen eines Antonín Dvo? áks.

Das Henschel-Quartett eröffnete sein Konzert mit dessen Streichquartett Nr. 1. Da hörte man etwa im zweiten Satz, wie vor einem sphärisch oszillierenden Klangteppich und einem Pizzicato-Bass sich eine zarte Geigenmelodie entfaltete, bis sich plötzlich sarkastische Untertöne breit machten. Immer wieder blitzte slawische Folklore auf, hörte man Melodien, in denen ein Dreivierteltakt gegen einen Viervierteltakt gesetzt war. Das ist eine Musik, die vor Ideenreichtum und Spielfreude schier überquellt. Und das Henschel-Quartett spielte das kongenial. Handwerklich waren sie dem Modern String Quartet natürlich überlegen. Im Zentrum des Abends stand allerdings ein schwerblütiges, dramatisches Beethoven-Werk (das "Quartetto serioso"), das die vier Musiker ruppig, energetisch und mitreißend wiedergaben. Nach dem genialen Beethoven ein eher mittelmäßiger: die etwas naiv komponierten "Gellert-Lieder" (in einer Bearbeitung für Sopran und Streichquartett), die Lioba Braun hervorragend darstellte. Die großartige Wagner-Interpretin hielt sich zurück, fand auch im Piano schöne Farben und konnte vor allem in der Tiefe unglaubliche Wärme verströmen. Und zum Ende erklang noch einmal Schulhoff mit seinen "5 Stücken für Streichquartett", wieder sehr versiert dargestellt vom Henschel-Quartett.

Was für ein hinreißendes Doppelkonzert in der akustisch vorzüglich klingenden Pfaffenhofener Kreuzkirche, vom Publikum begeistert gefeiert: Der Tag des Streichquartetts verdient es, zur dauerhaften Institution erhoben zu werden.

DK

Jesko Schulze-Reimpell