Eichstätt

Spanische Grippe, Cholera und Corona

Der Medizinhistoriker Heiner Fangerau zeigt bei einem Vortrag an der KU historische Parallelen auf

18.01.2022 | Stand 23.01.2022, 3:34 Uhr
Der Medizinhistoriker Heiner Fangerau sprach im Rahmen des K'Universale über "Pest und Corona - Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft" und zog dabei verblüffende Parallelen zu vorherigen Pandemien. −Foto: Luff

Eichstätt - Mit Heiner Fangerau traten die Zukunfts-Vorträge der Reihe K'Universale in eine neue Phase der Aktualität ein. Der Düsseldorfer Medizinhistoriker sprach über die historischen "Schwestern" der derzeitigen Corona-Pandemie: Typhus, Cholera und Spanische Grippe. Dabei legte er überraschende Parallelen in der Wahrnehmung dieser Epidemien durch die Bevölkerung und staatlicher Gesundheitspolitik offen. Fangerau gilt durch seine Publikationen als ausgewiesener Experte für Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft.

In drei Schritten beleuchtete der Referent zunächst den Staat als gesundheitspolitischen Akteur dieser Pandemien und zeigte anschließend sowohl Hygienekonzepte des 19. und 20. Jahrhunderts als auch jüngere gesellschaftliche Entwicklungen auf, welche die Impfgegner und die Privatisierung der Medizin in einem neuen Licht erscheinen lassen.

Die Idee, dass der Staat sich um die Gesundheit seiner Bürger kümmert, entstand im 19. Jahrhundert, als die Nationalstaaten erkannten, dass gesunde Bürger höhere Steuereinnahmen bedeuten. Parallel dazu mehrten sich aber auch ethische Forderungen nach einer staatlichen Gesundheitsvorsorge. So verlangte bereits 1819 der Arzt und Begründer der öffentlichen Hygiene und eines sozialmedizinischen Gesundheitsdienstes Johann Peter Frank, dass die Obrigkeiten aus "Menschenliebe" eine Minderung der Sterblichkeit herbeiführen müssen, um das Menschengeschlecht zu alter "Stärke und Würde" zurückzuführen. Daraus leitet noch heute die Bundesrepublik ihren Anspruch als Sozialstaat, aber auch ihr Gewalt- und Rechtsmonopol in Gesundheitsfragen ab.

Erstaunlich muten da während der Spanischen-Grippe-Epidemie zwischen 1918 und 1920 die Rufe nach mehr Freiheit an, die deutlich an aktuelle "Lichterwanderungen" erinnern und bereits 1920 in der Satire-Zeitschrift "Der Nebelspalter" abgedruckt wurden: "Das war es nicht, was wir gewollt, gebt frei das Tanzen, Saufen! Sonst kommt das Volk - hört, wie es grollt - stadtwärts in hellen Haufen!" Zugleich forderte aber ein anderer Teil der Bevölkerung: "Wo bleiben die Verbote? Man singt und tanzt, juheit und kneipt. Gibt's nicht genug schon Tote?" Fangerau sah hier exakt die gleichen gesellschaftlichen Mechanismen am Werke.

Etwa 100 Jahre zuvor war mit der Cholera die große Seuche des 19. Jahrhunderts über die Welt hereingebrochen. Die bakterielle Infektion, die oft über verunreinigtes Trinkwasser übertragen wurde, führte zu extrem starkem Erbrechen und Durchfall und unbehandelt meist zum Tode. Die Urbanisierung begünstigte die Verbreitung dieser skandalisierten Krankheit, die erst gegen Ende des Jahrhunderts wirksam eingedämmt werden konnte.

Sozialhygiene und Wohnraumverbesserung in den verarmten Vierteln der Großstädte stoppten nicht nur die Cholera, sondern sorgten auch für einen deutlichen Rückgang der Sterblichkeitskurve ab etwa 1870. Hierzu mussten allerdings Stadt und Staat zusammenwirken.

Auch Impfdebatten gab es in der Medizingeschichte schon häufiger, wie Heiner Fangerau an der kontroversen Debatte um die Polio-Impfung in der damaligen DDR und BRD zeigen konnte. Die DDR führte die Impfpflicht früher ein und die Bundesrepublik musste aus medizinischen Gründen nachziehen. Der damalige bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel schluckte sogar öffentlichkeitswirksam ein Schnapsglas Impfstoff, um dessen Unschädlichkeit zu bezeugen.

Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen führen einerseits zu einer Privatisierung der Medizin, andererseits aber zu einem gesteigerten öffentlichen Interesse an der Gesundheit. Ein Paradebeispiel für diese dystopische Entwicklung sei die öffentliche Corona-Warn-App, die nur dann funktioniert, wenn sie mit privaten Informationen wie etwa einem positiven Selbsttest "gefüttert" wird. In Zukunft werden daher wohl Pfade der Gesundheit beschritten werden, die bereits aus der Vergangenheit bekannt sind, denn historische Erfahrungen bilden nun einmal die Grundlage unseres heutigen Gesundheitswesens, so Fangerau.

EK

Robert Luff