Radsport in der Sackgasse

Ungewisse Zukunft als großes Problem

09.05.2019 | Stand 23.09.2023, 6:56 Uhr |
Timo Schoch
Radprofi Patrick Haller aus Ingolstadt. −Foto: Melanie Schoch (Melanie Schoch)

Ungewisse Zukunft: Es gibt immer weniger Radrennen und immer weniger Lizenznehmer in Deutschland. Dieser Abwärtstrend bestätigt sich jetzt erneut, weil sich noch kein Ausrichter für die deutschen Meisterschaften in diesem Jahr gefunden hat. Dabei eilt es: Denn diese werden regelmäßig Ende Juni veranstaltet.

Tausende Radsportler fahren über die Ziellinie. Tosender Applaus, Jubel am Streckenrand, Musik, Festival-Charakter: Die Härchen am Unterarm stellen sich auf. Für die Teilnehmer und Zuschauer bei „Rad am Ring“, einer der größten deutschen Jedermannveranstaltungen, ist es das Größte, nach 24 Stunden über die Ziellinie der Rennstrecke des Nürburgrings zu fahren, angefeuert und frenetisch empfangen zu werden vom Publikum. Rund 5000 Radfahrer jeden Alters und jeder Leistungsstärke kommen jährlich Ende Juli und fahren dort durch die legendäre Grüne Hölle. Gänsehaut pur. Eine Stunde später: Die Strecke ist wie leergefegt. Eine Handvoll Zuschauer steht an der Start-/Zielgeraden.

Schüchternes Klatschen, keine Musik, ein Streckensprecher ohne sonderliche Höhen und Tiefen in der Stimme leiert einige Namen der  rund 150 Radfahrer herunter, die gerade vorbeifliegen. Bundesligarennen. Die besten deutschen Nachwuchsfahrer sind da. Einige davon  werden wohl bald in der WorldTour auftauchen. Spitzensport – doch keiner schaut zu. Es ist quasi ein Abbild: Der Jedermannbereich boomt, der Lizenzsport darbt. Die Gründe sind vielfältig, wie unsere Umfrage zeigt. Und doch scheint der Tiefpunkt noch längst nicht erreicht. An das Wegfallen von Traditionsrennen musste man sich in den vergangenen Jahren gewöhnen.

Doch nun hat der Bund Deutscher Radfahrer (BDR), der Dachverband, sogar Probleme überhaupt einen Ausrichter für die deutschen Meisterschaften, die immer kurz vor der Tour de France Ende Juni veranstaltet werden, zu finden. „Wir prüfen im Moment noch zwei Alternativen“, teilte eine Sprecherin in der „Süddeutschen Zeitung“ nun mit. Ein Armutszeugnis. Schließlich droht mehr denn je das Szenario, dass die deutschen Meisterschaften in einem der Nachbarländern, beispielsweise in Luxemburg oder der Schweiz, stattfinden müssen.

Die Hürden der Bürokratie sind sicherlich ein Problem. Die Kosten für die Absperrungen und die Sicherheitsauflagen sind zudem enorm, was Rennorganisator Johannes Pfaff (siehe Interview) bestätigt – obwohl es sich bei ihm um ein vergleichweise kleines Rennen handelt. Doch der BDR macht es auch potenziellen Organisatoren zusätzlich schwer. Er verlangt vom Veranstalter eine Gebühr, die rund 30 000 Euro beträgt. Als Gegenleistung kommt allerdings nicht viel: keine Live-Übertragung im Fernsehen, die für Sponsoren interessant wäre. So wird ein Rennen um die deutsche Meisterschaft zunehmend zu einem unkalkulierbaren finanziellen Risiko, das kein Veranstalter mehr eingehen will. Das gilt aber auch für die kleineren Lizenzrennen. Das Bild wird sich deshalb leider in der Zukunft wiederholen: Die Jedermannrennen boomen, während der Lizenzsport ums Überleben kämpft. Der Nürburgring scheint überall zu sein. 

 

Das sagen Protagonisten

Patrick Haller, 21 Jahre alt, Ingolstadt, Radprofi beim Team Heizomat rad-net.de 

„Es ist traurig, wenn man sieht, dass es immer weniger Lizenzrennen gibt. Auch Bayern ist dabei keine Ausnahme.   Für mich als KT-Fahrer macht sich das Ganze nicht bemerkbar, weil ich die kleineren Lizenzrennen nicht fahre. Bei der Deutschland-Tour oder beispielsweise bei großen Rennen wie zuletzt bei Eschborn-Frankfurt ist es kurioserweise umgekehrt. Da merkt man, dass es großes Interesse am Radsport gibt. Viele Menschen  säumen die Straßen und auch die Medien berichten darüber. Deshalb ist es ja sehr schade, dass es der BDR nicht schafft, dieses Interesse zu nutzen.“

 

Tobias Erler (39), Tittmoning, Vorjahressieger des Altmühltaler Straßenpreises und einer der besten deutschen Lizenzrennfahrer:

"Seit Jahrzehnten bin ich bei verschiedenen Rennen am Start. Aber die Entwicklung macht mich traurig. Denn die  Lizenzreform des  BDR  sollte eigentlich zu mehr Startern bei den Rennen führen. Aber mein Eindruck ist, dass die Klassenänderung ein weiterer Baustein ist, dass es bald keinen Lizenzsport mehr in Deutschland gibt. Ich befürchte sogar, dass es der Todesstoß ist. Teilweise haben wir aktuell Rennen, da stehen kaum mehr als 15 Elitefahrer am Start. Warum sollte ich da noch ein Rennen veranstalten?! Es gibt also immer weniger Fahrer und dadurch weniger Rennen. Einzig die Seniorenfelder sind voll, weil sie den Lizenzradsport von früher her kennen. Aber bei der Elite schwindet bereits das Interesse. Besonders bemerkbar macht sich das beim Nachwuchs. Und das ist extrem bitter: Da mangelt es schlicht am Angebot der Vereine. Wobei dabei gesellschaftliche Veränderungen zugrunde liegen. Häufig  gehen beide Elternpaare arbeiten. Dadurch ist keine Zeit für ein Ehrenamt mehr vorhanden. Dabei zeigt sich: Wenn ein Verein ein regelmäßiges Angebot anbietet, dann wird das auch rege genutzt – das zeigt sich beispielsweise wunderbar in Kelheim.“

 

Matthias Kowalsky (41), Zorneding bei München, Radsportler, Inhaber food-artists und einer der beiden Hauptsponsoren beim Ingolstädter „Racing Team Winax – food-artists“:

„Mit meinem Sponsoring möchte ich eine Förderung des Radsports gewährleisten, den Nachwuchs unterstützen und den Radsport insgesamt wieder auf gesündere Beine stellen. Das ist wichtig, weil die Anzahl der Rennen immer weniger wird. Leider ist das Problem für die Organisatoren von Rennen aber nicht nur der finanzielle Aufwand, sondern in erster Linie die Hürden der Bürokratie. Seit über einem Jahr versuche ich ein Rennen in München, direkt vor unserer Produktion, zu etablieren. Wir haben schon viele Interessenten mit im Boot, aber die Bürokratie erschwert es uns allen deutlich. Dazu zählen beispielsweise Absicherungen und Voranmeldungen, die immer aufwändiger und kostenintensiver werden. Das  betrifft aber  auch andere Bereiche. Vor einigen Jahren haben wir in Zorneding einen Christkindlmarkt etabliert. Das war damals deutlich einfacher, effizienter und kostenfreundlicher  als jetzt. Während ich vor zehn Jahren drei Formulare ausgefüllt habe, ist es nun ein ganzer Ordner voll mit diversen Genehmigungen, die ich einholen muss. Genauso ist es auch beim Radsport. Aber dem möchte ich mit meinem Engagement entgegenwirken, damit diejenigen, die noch dabei sind und Rennen organisieren, nicht auch noch die Motivation verlieren.“ 

 

Thomas Heller (48), Kipfenberg, Inhaber Radsport Heller in Kipfenberg:

„Ich komme vom Rennsport und mein Herz schlägt   für den Rennsport. Deshalb tut mir die Entwicklung des Lizenzsports weh. Aus Händlersicht kann ich aber sagen, dass der Rennradbereich in den vergangenen Jahren stabil geblieben ist. Allerdings können die Händler immer weniger die von den Sportlern geforderten Rabatte aufbringen. Deshalb wandern viele   in Richtung Direktvertrieb ab.  Dadurch engagieren sich immer weniger Händler als Sponsoren in den Vereinen. Damit fehlt aber Geld   in beider Kassen.  Auf der anderen Seite wird meiner Meinung nach viel zu viel in den Jedermannsport, in die Teams – nicht in den Nachwuchs – gesteckt. Würde man einen Bruchteil davon für den Nachwuchs im Verein investieren, wäre viel geholfen. Dazu kommt, dass das   Ehrenamt nur noch teilweise funktioniert.“ 

 

Thomas Brunnegger (47), Gaimersheim, Sportlicher Leiter der Radsportabteilung des TSV Gaimersheim:

 „18 unserer über 200 aktiven Mitglieder in Gaimersheim besitzen eine Lizenz. Unser Erfolgsmodell heißt: Jeder der eine Lizenz hat, darf frei entscheiden, was er fahren will, ob Lizenzrennen, Jedermannrennen oder Radmarathons. Aber anhand der Starts unserer Fahrer sieht man, dass die Lizenzrennen nicht sehr geschätzt sind. Zum einen liegt das an der Attraktivität der Rennen,  an fehlenden Zuschauern, der Stimmung und der Wertschätzung. Ein sportlich hochwertiges Lizenzrennen hat in der öffentlichen Wahrnehmung nicht die gleiche Bedeutung wie ein Jedermannrennen, wie beispielsweise bei ,Rund um Köln’, wo das Ziel am Kölner Dom ist. Obwohl das aus sportlicher Betrachtung deutlich niedriger einzuschätzen ist. Aber der Lizenzsport in Deutschland hat weitere Probleme. Das beginnt bereits beim Beantragen der Lizenzen, die einen erhöhten Aufwand bedeuten. Die Webseite des BDR ist inaktuell, teilweise falsch und funktioniert nicht richtig. Da sind die Anmeldungen für die kommerziellen Rennen deutlich  user-freundlicher.  Zwar ist die Teilnahme an den Lizenzrennen viel günstiger als bei den großen Jedermannrennen. Diese locken aber mit umfangreichen Starterpaketen. So erscheint das hohe Startgeld dann berechtigt. Dazu kommt, dass sich immer weniger Menschen engagieren. Das alles trägt dazu bei, dass es  der Lizenzsport immer schwerer hat.“ 

Ein Interview zum Thema mit Johannes Pfaff, dem Organisator des Altmühltaler Straßenpreises, finden Sie hier.

Timo Schoch