Ingolstadt
Nicht wirklich von dieser Welt

Ein düsteres Märchen ohne Ende: Willi Plankl und Tobias Schönauer über das ewige Mysterium König Ludwig II.

12.10.2012 | Stand 03.12.2020, 0:57 Uhr |

Einer sagenhaften Gestalt auf der Spur: Willi Plankl (l.) und Tobias Schönauer in der Ausstellung über Ludwig II., die seit Samstag im Neuen Schloss zu sehen ist. - Fotos: Rössle

Ingolstadt (DK) Warum ausgerechnet er? Wie konnte einer wie der Bayernkönig Ludwig II. zur mythischen Figur werden? Der Realität entrückt, in seiner sagenumwitterten, von Richard Wagner orchestrierten Traumwelt eingesponnen, ein bizarres Leben führend, avancierte der Wittelsbacher (1845 – 1886) zu einem der bekanntesten Monarchen der Welt, wobei sich Wirklichkeit und Fiktion derart vermengen wie bei kaum einer anderen historischen Person.

Vergangenes Jahr begaben sich 575 000 Besucher der Ausstellung „Götterdämmerung – König Ludwig II.“ in dessen Schloss Herrenchiemsee auf die Spuren des Märchenkönigs. Jetzt ist eine Kompaktversion der Schau im Bayerischen Armeemuseum zu sehen. Im Gespräch mit Christian Silvester nähern sich zwei Experten dem Phänomen Ludwig II. an: Willi Plankl, Geschichtslehrer am Christoph-Scheiner-Gymnasium, und sein früherer Schüler Tobias Schönauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Armeemuseums und Stadtheimatpfleger.

Warum heißt die Ausstellung eigentlich „Götterdämmerung“? Der Mythos Ludwig strahlt doch wie nie zuvor!

Willi Plankl: Da muss man natürlich sofort mit dem Herrn Wagner kommen und das leidenschaftliche Verhältnis der beiden Männer erklären. Denn Wagners Musik ist ein Stück von Ludwigs Biografie. Er hat den Komponisten nach München geholt und dort angefangen zu tun, was er auch hervorragend konnte: Schulden machen.

 

„Götterdämmerung“ suggeriert, dass Ludwig nicht ganz real ist, sondern eher eine Sagengestalt Wagnerschen Zuschnitts.

Tobias Schönauer: Das hängt mit seiner späteren Überhöhung zusammen und natürlich mit Wagner, da Ludwig sehr viel aus der Mythologie, die Wagner thematisiert, im Bildprogramm seiner Schlösser übernimmt, und sich auch selbst als Figur aus dieser Sagenwelt generiert. Mythisch wird er auch damit, dass er sich immer mehr zurückzieht und dann nur noch kurz in der Nacht irgendwo in seinem Schlitten auftaucht. An dem Punkt muss man feststellen: Er war von dieser Welt, aber dann doch nicht so wirklich.

 

Wenn das Bild einer Person ins Märchenhafte kippt und sich auf bizarre Details reduziert – kommen da ernsthaften Historikern nicht die Tränen?

Schönauer: Schon. Gerade bei Ludwig, denn er und seine Zeit sind ein Wendepunkt in der Geschichte Bayerns. Man denke an den Krieg 1866 gegen Preußen und an die Zerrissenheit, mit der Ludwig danach als bayerischer Monarch reagieren muss, denn regieren kann man das nach der Gründung des Kaiserreichs fast nicht mehr nennen. Dem wohnt eine gewisse Tragik inne.

 

Aber Ludwigs Bild in der Geschichte kreist im Wesentlichen um Neuschwanstein, Lohengrin und den Starnberger See, in dem er auf mysteriöse Weise ums Leben kam. Wie geht man als Lehrer an so etwas heran?

Plankl: Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es besteht starkes Interesse, das zeigt der große Erfolg der Ausstellung, was erst einmal gut ist. Andererseits verengt sich alles auf einen beinahe unzulässigen Ausschnitt. Man muss schon die ganze Geschichte kennen: Ludwig ist in einem Kokon aufgewachsen und wird mit 18 Jahren nach dem plötzlichen Tod des Vaters in eine schwierige Umbruchsituation geworfen. Bayern ist gerade dabei, sich zu industrialisieren. Da kennen wir Namen wie Oskar von Miller oder Justus Liebig. Zugleich wird in der Vorgeschichte der Reichsgründung die Übermacht Preußens immer deutlicher. Es wirkt bereits Bismarcks Raffinement, der mit seinen Strohmännern das Land beackert. Da ist der arme Ludwig natürlich heillos überfordert. Obwohl man ihm nachsagt, dass er zumindest stets fleißig die Akten bearbeitet hat.

Schönauer: Das auf jeden Fall. Aber mit Bayerns Bedeutungsverlust gibt er weitgehend auf. Da hat er arg darunter gelitten.

Wo erkennen Sie noch Verzerrungen im Bild Ludwigs?

Plankl: Seine Schönheit als junger Mann wird oft hervorgehoben. Als Hüne ragte er heraus. Aber er soll durch die Heiratspolitik der Wittelsbacher seit dem 17. Jahrhundert pathologisch vorgeprägt gewesen sein. Er hatte damit wohl schon in seiner Jugend zu kämpfen. Oder seine zunächst verdrängte Homosexualität, die darf man auch nicht außer Acht lassen.

Schönauer: Ihm sind schon mit Anfang 20 Schneidezähne ausgefallen. Ganz so schön war er also auch wieder nicht.

 

Aber noch einmal: Er hat den Verlust der bayerischen Eigenständigkeit zu verantworten und das Land fast in den Ruin getrieben. Zuletzt hat er eine bizarre Existenz in einer ebenso bizarren Parallelwelt geführt. Wie kann es sein, dass er von so vielen verehrt wird?

Plankl: Das hat schon mit einer seltsamen Dialektik zu tun. Bei jemandem, der weit von der Realität weg ist, entdecken Leute, denen es schlecht geht, ihre Vorbilder. So entsteht ein überhöhtes Bild, das mit der Wirklichkeit fast nichts zu tun hat.

Schönauer: Die Überhöhung hat natürlich mit den Schlossbauten zu tun und mit seinem ungeklärten Tod. Zudem trägt Ludwig heute ganz wesentlich zur Identität Bayerns bei. In der Wahrnehmung der Welt ist Bayern neben dem Oktoberfest noch Ludwig und Neuschwanstein.

 

Für Bayerns Staatsbildung haben Ludwigs Vorfahren deutlich mehr geleistet. Ist sein Opa Ludwig I. zu langweilig für eine repräsentative Darstellung?

Schönauer: Gerade in der Zeit des Aufbruchs in die Moderne bezieht sich Ludwig II. auf den französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. und das angeblich glorreiche Mittelalter zurück. Er flüchtet in diese Traumwelten. Es macht ihn mystisch, dass er sich in diesem Spannungsfeld bewegt. Zumindest empfinden das viele als mystisch. Deshalb ist er heute schwer fassbar. Das macht ihn um so interessanter.

 

Wie bringt man diese schwierige Figur Schülern nahe?

Plankl: Am besten zunächst mit dem Entrückt-Mystischen, was man heute als Starkult bezeichnen würde. Da springen die Schüler ziemlich schnell an. Aber dann muss man es wieder auf die historische Bedeutung des Königs für die Entwicklung Bayerns herunterfahren. Das ist nicht einfach. In der kurzen Zeit, die in der Schule bleibt, kann man die Person Ludwig als etwas absolut Merkwürdiges und Sensationelles herausstellen.

 

Warum hat gerade einer wie er, der sich mehr für germanisches Heldengedonner interessierte als für richtige Kriege, das Bayerische Armeemuseum gegründet?

Schönauer: Das ist einfach zu erklären. 1871 verliert Bayern seine Eigenständigkeit, die Museumsgründung 1879 steht damit in einem direkten Zusammenhang, denn Ludwig wollte die Bedeutung der bayerischen Armee, die in Friedenszeiten ja noch völlig souverän war, demonstrieren und damit die Bedeutung Bayerns untermauern. Das Armeemuseum diente also der Identitätsbildung.

 

Könnte man Ludwig mit Blick auf die Hohenzollern so bewerten: Lieber einen irrlichternden Lohengrin auf dem Thron als einen kriegstreibenden Trottel wie Kaiser Wilhelm II.?

Plankl: Die haben sich sogar mal kennen gelernt, als der junge Wilhelm in München war.

Schönauer: Ja, aber sie waren sich nicht grün. Ludwig hat sich sehr negativ über den Kronprinzen Wilhelm geäußert.

Plankl: Die zwei sind überhaupt nicht miteinander vergleichbar. Ich bin auch der Ansicht: Lieber einen König Ludwig auf dem Thron als diesen Kaiser Wilhelm II., wenn man schaut, was der angerichtet hat.

 

Und? Wie starben Ludwig und Dr. Bernhard von Gudden nun in jener heißen Juninacht 1886 im Starnberger See?

Plankl: Hoffentlich kurz und schmerzlos! Sind da eigentlich schon alle Akten aus dem Giftschrank geholt worden?

 

Zwölf Ärzte haben die Leiche obduziert und den Bericht unterschrieben. Auch ein preußischer Gesandter hat den toten König gesehen und einen Bericht verfasst. Aber niemand erwähnt etwas von einer Schussverletzung. Warum wollen viele bis heute nicht wahrhaben, dass er nicht ermordet wurde?

Schönauer: Es gibt drei Erklärungsansätze. Es könnte ein Mord gewesen sein. Oder ein Selbstmord, an dem Dr. Gudden ihn hindern wollte. Der Arzt wurde dann im Todeskampf von Ludwig mitgezogen und kam ums Leben. Oder Ludwig hat bei einem Fluchtversuch einen Herzschlag erlitten – und Gudden wollte ihn zuvor aufhalten. Aber das ist etwas, das die entsprechenden Kreise – Königstreue und Guglmänner – nicht gerne hören, denn das würde bedeuten, dass Ludwig Gudden umgebracht hat. Dann wäre der König ein Mörder.

 

Vielleicht ist Gudden deshalb nie obduziert worden?

Schönauer: Das könnte sein, es würde dem Ganzen nicht widersprechen. Dass Gudden aus Versehen in eine Verschwörung mit hineingezogen worden ist, was man ja immer wieder hört, halte ich für sehr unwahrscheinlich, und die Mordtheorie halte ich sogar für extrem unwahrscheinlich. Es waren damals gut 20 Leute am Fund der Leiche beteiligt, an der Bergung, an der Obduktion. Wenn Ludwig erschossen worden wäre, hätte man das nie unter Verschluss halten können. Wir wissen ja: Ein Geheimnis können zwei nur dann behalten, wenn einer von ihnen tot ist.

 

Verschwörungstheorien braucht natürlich niemand, aber sie sind halt so schön!

Schönauer: Ja, das ist wie mit den Illuminaten. Auch eine tolle Verschwörungstheorie, aber irgendwann wird’s eben abstrus. Doch Verschwörungstheorien verkaufen sich halt gut.

 

In aller Welt ist Ludwig als „Mad King“ bekannt geworden, der verrückte König. Welchen Beinamen würden Sie ihm geben?

Plankl: Ich würde ihn einen „Wittelsbacher Oblomow“ nennen, nach dem gleichnamigen Roman von Iwan Gontscharow. Oblomow ist ein adeliger Russe, der mit den realen Zuständen Russlands nichts mehr zu tun hat, sich in sein Bett legt und da nicht mehr herausgeht.

Schönauer: Ich würde sagen: Ludwig – Genie und Wahnsinn. Er vereint einfach beides in sich.