Eichstätt

Nachhaltig unterwegs

Besonderer Stadtrundgang führte zu "Orten des guten Lebens" und stellte vorbildliche Initiativen vor

04.07.2019 | Stand 02.12.2020, 13:35 Uhr
Einblicke in die Aktivitäten verschiedenster Nachhaltigkeitsinitiativen in Eichstätt und Besuche von "Orten des guten Lebens", wie hier des Projekts "Bahnhof lebt!", standen auf dem Programm der alternativen Stadtführung von Hannah Lachmann (links), Sophia Voll (rechts) und Johanna Bahati (2. von rechts). −Foto: Kusche

Eichstätt (ddk) Wie kann man sich an seinem Wohnort aktiv für ein nachhaltiges und gerechtes Leben einsetzen? Welche Initiativen gibt es bereits in Eichstätt, die sich für ein gerechtes Miteinander, eine starke Gemeinschaft und einen nachhaltigen sozial-ökologischen Wandel engagieren?

Diese und viele weitere interessante Fragen rund um das Thema Nachhaltigkeit standen im Mittelpunkt der Neuauflage des "Nachhaltigen Stadtrundgangs", zu der drei Studentinnen der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt in Kooperation mit dem Welt-Brücke e.V. am vergangenen Samstag eingeladen hatten.

"Erkundung von Orten des guten Lebens" - so lautete der Untertitel der außergewöhnlichen Führung. "Ein gutes Leben für alle bedeutet, dass niemand auf Kosten anderer Menschen, zukünftiger Generationen oder der Natur lebt, sondern in respektvollem Umgang mit seinen Mitmenschen und der Umwelt", führte Johanna Bahati vom Masterstudiengang Bildung für nachhaltige Entwicklung ein. Derzeit existiere allerdings ein ungerechtes Miteinander, denn die Ressourcenausbeutung des Menschen weltweit übersteige die Ressourcenmenge.

Die Vielzahl an solidarischen und nachhaltigen Initiativen in Eichstätt auf einem Stadtrundgang kennenzulernen und auf dem Rundweg immer wieder über Strukturen und Konsummuster kritisch ins Gespräch zu kommen - dazu luden die Studierenden ihre Teilnehmer ein. Das erste Thema Lebensmittelverschwendung rückte Hannah Lachmann, Mitwirkende des Vereins foodsharing in Eichstätt, am Marktplatz in den Fokus. 61 Prozent aller weggeworfenen Lebensmittel stammen aus Privathaushalten, je 17 Prozent aus der Industrie und vom Großverbraucher und 5 Prozent aus dem Handel - mit diesen Zahlen brachte Lachmann ihre Zuhörer zum entsetzten Staunen. Dem setzt die ehrenamtliche Bewegung "foodsharing" ihr Konzept der Lebensmittelrettung entgegen: 80 Aktive im ganzen Landkreis konnten bisher in 1102 Rettungseinsätzen rund 4500 Kilogramm Lebensmittel retten. Dazu holen sie in Absprache nicht mehr gebrauchte oder regulär verkäufliche Produkte von Bauern, Märkten, Restaurants und Supermärkten ab und stellen sie über Kühlschränke im Studihaus und im Haus der Jugend zur Verfügung.

Im Mittelpunkt der zweiten und dritten Station stand das Thema kultureller Freiräume, die innerhalb einer Stadt, so Johanna Bahati und Sofia Voll, eine zentrale Rolle für das Erproben neuer nachhaltiger Lebensstile spielten. Am Beispiel der momentanen Nutzung des Leerstands in der Marienapotheke durch einen Kreativladen entstünden Win-win-Situationen für Vermieter, Mieter und Stadt. Das Vereinsprojekt "Bahnhof lebt!", so die Stadtführer vor dem alten Bahnhofsgebäude, sei ebenfalls ein Kulturraum, der zukünftig für alle Bürgerinnen, Vereine, Gruppierungen und Initiativen zugänglich sein und mit neuen Ideen gefüllt werden könnte: "So entsteht ein Treffpunkt und Raum für Begegnungen, Kreativität und Diskussion - möglicherweise ein Ort des guten Lebens mit viel Potential für Transformation", so Bahati, Lachmann und Voll.

Unter dem Stichwort "Tausch-Konzepte" stellten die Führerinnen schließlich noch das Büchertauschregal der Stadt Eichstätt vor - Anlass, sich mit Ressourcenverbrauch, Konsum und Eigentum auseinanderzusetzen: "Circa 20 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen 80 Prozent der natürlichen Ressourcen, und das sind vor allem wir in den wohlhabenden Ländern des globalen Nordens. Würde die gesamte Weltbevölkerung so leben wie wir, dann bräuchten wir 3 Planeten", mahnten die drei Studierenden an. Das Leben über unsere Verhältnisse erfordere ein Überdenken unserer Lebensstile im Sinne einer globalen Gerechtigkeit. Carsharing, das Teilen von Geräten, Tauschen und Repaircafés, wie es das Haus der Jugend immer wieder anbietet, zu nutzen, spare Ressourcen und fördere das Miteinander. Dass es neben dem Büchertauschregal im Studihaus an der Universität öffentlich zugänglich weitere Tauschregale für Alltagsgegenstände, einen Foodsharing-Kühlschrank, eine Kleidertauschstange und facebook-Tauschplattformen gebe, war für einige Teilnehmer ganz neu.
Auf den Wegen durch die Stadt hielten die Stadtführerinnen aber auch aktuelle Zahlen zur Müllproblematik, insbesondere des Plastikmülls, bereit. Genau 37,6 Kilo Plastikverpackungsabfall produziere jeder Deutsche pro Jahr in Deutschland; insgesamt fallen 18,6 Millionen Kilo Verpackungsmüll in Deutschland pro Jahr an. Im EU-Vergleich bezüglich Plastikverpackungsabfall liege Deutschland deutlich über dem Durchschnitt von 32 Kilo; dabei sei der größte Anteil an Kunststoffabfällen in Verkaufsverpackungen zu finden. Alternativen fänden sich in der "Zero Waste"-Bewegung, die auf strikte Abfallvermeidung setze. Auch das Konzept des Unverpacktladens sei in Eichstätt im Gespräch; eine Projektgruppe mit dem Namen "Unverpackt Eichstätt" bestehe bereits und beschäftige sich mit Gründungsbedingungen, Bedarf und Örtlichkeit. Eine weitere Option in Sachen Müllvermeidung sei die Eigenherstellung, beispielsweise von Kosmetika, Shampoo oder Zahnpasta, oder der Rückgriff auf handgemachte Seifen, Körperbutter und Badezusätzen örtlicher Läden, wie die Stadtführerinnen bei ihren Ausführungen vor der Seifenmanufaktur "Seifenblase" betonten.

Abschlussthema des alternativen Stadtrundgangs bildete das Konzept des Fairen Handels und dessen Ausbau in Eichstätt. Seit 2014 sei Eichstätt ausgezeichnete Fairtrade-Stadt und damit auch der Förderung des fairen Handels verpflichtet. Die letzte Station des nachhaltigen Stadtspaziergangs war daher die seit 38 Jahren in Eichstätt ansässige und aktive "Welt-Brücke" in der Schlaggasse, wo Vorstandsmitglied Dagmar Kusche die Teilnehmer über die Arbeit des Vereins, das umfassende Sortiment an fairen Lebensmitteln, Accessoires und Geschenken aus aller Welt sowie aktuelle Entwicklungen aus dem fairen Handel informierte.