Thalmässing

Leben lernen in der Landwirtschaft

Claudia Dollinger will auf Biohof in Offenbau Kindergarten einrichten - "Spannendes Konzept"

14.12.2017 | Stand 02.12.2020, 17:04 Uhr
Beim Projekt "Ackern für die Enkel" hat die Sozialpädagogin Claudia Dollinger (rechts) Kindern schon im vergangenen Jahr erklärt, wie die Abläufe in der Landwirtschaft funktionieren. Jetzt will sie auf ihrem Biohof einen Kindergarten einrichten. −Foto: Tschapka

Thalmässing/Offenbau (HK) Beschlossen ist noch nichts - aber die Vorzeichen deuten darauf hin, dass es keine Probleme geben wird. Die Marktgemeinde Thalmässing bekommt einen neuen Kindergarten. Und zwar nicht irgendeinen.

Einen Wald- und Bauernhofkindergarten will die Familie Dollinger auf ihrem Biohof in Offenbau etablieren. Was sie genau im Sinn hat, schilderte die Hofchefin und studierte Sozialpädagogin Claudia Dollinger am Mittwochabend im Sozialausschuss des Thalmässinger Marktgemeinderats. Sie ernte am Ende einhelliges Lob von den Ausschussmitgliedern. Die Anerkennung des Bedarfs von 15 Kindergartenplätzen muss jedoch erst noch der Gemeinderat in seiner Gesamtheit beschließen. "Der Bedarf ist da", stellte Bürgermeister Georg Küttinger (TL) aber schon vor diesem Schritt fest. Ein paar Eckdaten brauche das Gremium vor der förmlichen Bedarfsanerkennung jedoch noch.

"Landwirtschaft als Lebenslernort", schwebt Claudia Dollinger vor, wie sie sagte. Der Biohof von Karl Dollinger sei prädestiniert dafür, denn er weise eine große Vielfalt auf: Schweine-, Rinder- und Hühnerhaltung zählen dazu, außerdem Ackerbau in großer Breite. Seit neuestem "machen wir auch selbst Käse". Eingebettet ist das Ganze nicht nur in ein biologisches Konzept, sondern auch in die sogenannte Solidarische Landwirtschaft (Solawi): Die Lebensmittel werden nicht über den normalen Markt vertrieben, sondern fließen in einen eigenen Wirtschaftskreislauf, der von den Beteiligten mit organisiert und finanziert wird. Die "Ernteteiler" tragen durch einen fixen Beitrag dazu bei, das finanzielle Risiko des Bauern abzufedern. Im Gegenzug erhalten sie regelmäßig Produkte.

"Bildung ist ein Standbein der Solawi", sagte Claudia Dollinger in der Sitzung. Es gehe ihr darum, der Entfremdung der Kinder von der Natur zu begegnen und somit deren Interesse für die Schöpfung und Zusammenhänge in der Nahrungsmittelproduktion zu wecken. Derzeit gebe es mehr als 25 Bauernhofkindergärten in Deutschland, vor allem im Norden. Da diese aber freie Bewegungsmöglichkeiten sowie den Umgang mit Tieren böten, würden sie immer beliebter.

Entstehen soll der neue Kindergarten in der Nähe einer halle der Dollingers am Forstweg zum alten Sportplatz in Offenbau - nahe am Wald. Nach Claudia Dollingers Vorstellung soll dort auf ihrem Grund eine Wiese abgezäunt werden, ein Blockhäuschen ähnlich wie in Allersberg gebaut und nicht zuletzt ein Lerngarten und ein Kleintierbereich mit Hasen und Schafen geschaffen werden. Ilse Hoffinger, am Landratsamt für die Kinderbetreuung zuständig, habe sich schon umgesehen und das Projekt befürwortet.

Dollinger zufolge spiele zwar das Leben von der Saat bis zur Ernte eine große Rolle, doch würden auch die Vorgaben des bayerischen Kinderbildungs- und -betreuungsgesetzes (BayKiBiG) selbstverständlich beachtet. Zählen lerne man nicht nur auf dem Papier, sondern beispielsweise auch beim Klauben von Steinen aus dem Acker. Zwei Plätze seien für Kinder mit Behinderung vorgesehen, um auch dem Gedanken der Inklusion Rechnung zu tragen. Für 15 Kinder seien drei Erzieherinnen vorgesehen.

"Da haben Sie einen super Anstellungsschlüssel", sagte Küttinger, weit besser als laut BayKiBiG vorgesehen. Einmischen wolle er sich nicht: "Sie müssen schauen, wie es sich trägt." Im Übrigen finde er das Konzept "sehr spannend". Fritz Loy (FW) fühlte sich ans kindliche Streunen früherer Zeiten im Wald erinnert, "ich sehe es als kontrolliertes Streunen". Und zudem als "sehr positiv". In dieselbe Kerbe hieb Eva Dorner (TL), die Kinder- und Jugendbeauftragte der Kommune: "Ich finde es total interessant", sagte sie. "Bisher haben wir nur kirchliche Träger - es wäre etwas Neues."

Das aber nicht in große Konkurrenz zu den etablierten Einrichtungen treten soll. "Wir wollen keine Insel sein", sagte Dollinger, "sondern die Kindergärten draußen einladen, daran teilzuhaben" - etwa bei gemeinsamen Waldtagen oder Brotbackaktionen. Sabine Ronge, die Leiterin des Naturkindergartens Regenbogen, habe bereits Interesse signalisiert.

Die Betreuungseinrichtungen seien zum größten Teil voll, sagte Küttinger. "15 Kinder würden unsere anderen Kindergärten nicht schwächen." Der Elternbeitrag werde sich am normalen Regelbeitrag orientieren, versicherte Dollinger, die als nächsten Schritt einen Trägerverein gründen will. "Wir meinen es ernst", versicherte sie, "wir würden gern im September 2018 eröffnen."